“Antichrist” von Lars von Trier

Gescholtenes Meisterwerk

“Antichrist” von Lars von Trier

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Unbestritten der kontroverseste Film des letzten Jahres, spaltete Lars von Triers “Antichrist” die Welt der internationalen Filmkritik in zwei Hälften. Seit “Dogville”, den er 2003 auf Cannes los lies, schaffte es von Trier nicht mehr ins internationale Rampenlicht zurück, und vor seiner Arbeit an “Antichrist” zweifelte er selbst daran, dass er je wieder Filme machen würde. Die Boshaftigkeit, mit welcher gewisse Journalisten seinem jüngsten Werk begegneten, ist jedoch der erste beruhigender Beweis dafür, dass von Trier zu alter Stärke zurückgefunden hat. Der Film selbst ist der zweite.

Von Lukas Hunziker.

Baz Bamigboye, Filmjournalist der Londoner Zeitung Daily Mail, schaffte seiner Wut über “Antichrist” an der Pressekonferenz in Cannes Luft, indem er Lars von Trier aufforderte, sich zu rechtfertigen, warum er den Film gedreht habe. Auf dessen Antwort, das sei eine seltsame Frage, und er glaube nicht, sich rechtfertigen zu müssen, schrie Bamigboye zurück: “Yes, you do!”. In die Enge getrieben erklärte von Trier, er könne sich nicht rechtfertigen, er möge seinen Film, und er finde, die Zuschauer seien seine Gäste, und nicht umgekehrt. Er hätte es kaum besser formulieren können. “Antichrist” mag vielen Zuschauerinnen und Zuschauern zu weit gehen, zu verstörend sein – aber wer die Party nicht mag, soll halt den Mantel nehmen.

Die innere Hölle auf der Leinwand

Während von Trier sich nie für den Film rechtfertigte, sprach er in vielen Interviews sehr offen darüber, dass der Film eine Art Therapie für ihn gewesen sei, in einer Zeit, in der er psychisch schwer angeschlagen war. Von Kind an leidet er unter Panikattacken, deren Auswirkungen und Therapierungsmöglichkeiten auch im Film thematisiert werden. “Antichrist” ist ein kompromissloser Versuch, Depression auf die Leinwand zu bringen und sie dabei nicht zu verharmlosen.

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Eine Mann und eine Frau, beide namenlos und im Rollenverzeichnis als Er und Sie aufgeführt, erleben den Schock ihres Lebens, als sich ihr wohl knapp vierjähriger Sohn aus dem Fenster stürzt, nachdem er die beiden beim Sex auf dem elterlichen Bett gesehen hat. Der Mann, ein erfahrener Therapeut, nimmt sich seiner Frau, die sich von diesem Ereignis kaum erholen kann, an, und zieht mit ihr für unbestimmte Zeit in ein Blockhaus auf einer Waldlichtung, wo sie oft die Ferien verbringen. Doch mit den unheimlichen Begegnungen mit drei Tieren, einem Fuchs, einem Reh und einem Raben, nimmt der Albtraum, aus dem der Mann seine Frau befreien wollte, physische Gestalt an, und tiefes Misstrauen tritt zwischen die beiden, welches sie auf das unerbittliche Finale zutreibt.

Selbstverstümmelung als letztes Tabu

Die Szene, deren Darstellung die Kritikerwelt entzwei riss, zeigt die Frau, wie sie sich mit einer rostigen Schere die Klitoris abschneidet. In allen Details und leinwandfüllend. Es ist die Bestrafung, die sich die trauernde Mutter für jene Nacht auferlegt, in welcher ihr sexueller Höhepunkt den Tod ihres Kindes herbeiführte, eine in der Tat schreckliche Szene, die für die Handlung jedoch von unabstreitbarer Bedeutung ist und nicht weggedacht werden kann. Nicht zuletzt für diese Szene sollte sich Lars von Trier vor versammelter Presse in Cannes rechtfertigen, da Selbstverstümmelung scheinbar auch dort noch ein Filmtabu zu sein scheint, wo die Verstümmlung fremder Körper niemanden mehr die Bohne kümmert. Hat Baz Bamigboye je die Produzenten und Regisseure der “Saw”-Reihe gebeten, sich für deren Filme zu rechtfertigen? Oder müssen nur Filme, die nach Cannes eingeladen werden, den moralischen Vorstellungen des Daily Mail entsprechen?

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Die Klitoridektomie ist jedoch nicht die einzige Szene, welche Kritiker dazu veranlasste, “Antichrist” zu verteufeln und von Trier als Frauenhasser zu beschimpfen. Ebenso daneben fand man, dass die Frau in ihrer Trauer die mittelalterliche Vorstellung, Frauen hätten keine Kontrolle über sich selbst, sondern seien Naturwesen und damit der Weg für den Teufel in die Welt, für möglich zu halten beginnt. Bei ihrem letzten Aufenthalt im Blockhaus schrieb sie noch an ihrer Dissertation über die Frauenbilder des Mittelalters und der darauf begründeten Hexenjagd. Einige Kritiker nahmen die Tatsache, dass die Frau in “Antichrist” tatsächlich immer mehr die Kontrolle verliert und von der Natur absorbiert wird, als Beweis dafür, dass von Triers Frauenbild genau jenes sein müsse, welches seine weibliche Hauptfigur in ihrer Depression für sich beansprucht. Ein Zeichen dafür, dass sie ihren Beruf verfehlt haben.

Drüber reden hilft nicht immer

“Antichrist” hat – so viel darf man verraten – kein glückliches Ende; die psychische Verfassung führt zu Gewalt, Selbstverstümmelung und Tod. Vielleicht ist es auch das, was konservative Kritiker so verstört hat, denn jeder angloamerikanischer Film über Depression würde zweifellos damit enden, dass diese überwunden und ein neuer Anfang zumindest in Aussicht gestellt wird. Lars von Trier jedoch weiss wohl besser als viele andere Filmemacher, dass Depressionen mit Angstzuständen ein bisschen etwas anderes sind, als die Depression eines Teenagers nach dem Erhalten einer weiteren schlechten Mathenote. “Antichrist” zieht geradezu in den Krieg gegen die Illusion, dass man, wenn es einem schlecht geht, einfach ein bisschen darüber reden muss, und schon wird’s besser. Statt dessen entführt er Zuschauerinnen und Zuschauer in Abgründe, die man vielleicht niemals sehen wollte, deren Existenz man nicht abstreiten kann, auch wenn Baz Bamigboye dies gerne tun würde.

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© Ascot Elite

Was selbst der biedere Dailykritiker nicht abstreiten konnte, war, dass “Antichrist” durchaus Szenen von “betörender Schönheit” enthielt. Tatsächlich ist der Film optisch ein unbestrittenes Meisterwerk, nicht zuletzt weil Anthony Don Mantle, der bei von Triers Filmen schon oft die Kamera geführt hat und derzeit wohl einer der interessantesten Kameramänner der Welt ist, die Traumsequenzen mit neuester Kameratechnik umgesetzt hat. Der Albtraum, in welchen der Film entführt, ist in seinem Schrecken wunderschön und schafft Bilder, die man so schnell nicht vergisst. Tatsächlich gibt es kaum etwas, das in “Antichrist” nicht mit absoluter Perfektion umgesetzt wurde. Anstatt jedoch mit einer Lobeshymne auf dieses düstere Meisterwerk zu enden, soll hier nur gesagt sein, dass wir uns glücklich schätzen, nicht für Daily Mail zu schreiben, und Baz Bamigboye nicht als Kritiker zu beschäftigen. Für “Antichrist” sollte man Lars von Trier schon nur deswegen danken, da jede Besprechung des Films mehr über den Journalisten oder die Journalistin verrät, als über den Film. Und Lars von Trier sei hiermit versichert: der Verfasser dieser Kritik war sich bewusst, dass er ein Gast war.

Ausstattung der DVD

“Antichrist” ist in einer 2-Disc Special Edition erhältlich, die nur wenige Wünsche offen lässt. Zahlreiche Dokumentationen geben Einblick in die Dreharbeiten mit den Tieren, die Spezialeffekte, die Musik und Toneffekte, dem Hintergrund der Geschichte und den Dreharbeiten allgemein. Auch Ausschnitte aus der oben erwähnten Pressekonferenz in Cannes sind, von Lars von Trier kommentiert, zu sehen. Ganz besonders sehenswert sind auch die Interviews mit Willem Defoe (ca. 10 Minuten) und Charlotte Gainsbourg (ca. 45 Minuten), die einen sehr persönlichen Blick in die Dreharbeiten und die Arbeit mit Lars von Trier geben. An die zwei Stunden Klasse Bonusmaterial – Respekt!


Seit dem 18. März 2010 im Handel.

Originaltitel: Antichrist (Dänemark, Deutschland 2009)            
Regie: Lars von Trier
Darsteller: Willem Defoe, Charlotte Gainsbourg
Genre: Drama
Dauer: 104 Minuten
Bildformat: 16:9
Sprache: Englisch, Deutsch
Untertitel: Deutsch
Audio: Dolby Digital 5.1
Bonusmaterial: Audiokommentar von Lars von Trier, zahlreiche Kurzdokumentationen zur Entstehung des Films, Interviews mit Willem Defoe und Charlotte Gainsbourg, Trailer
Vertrieb: Ascot Elite

Im Netz
Trailer und offizielle Seite

Lukas Hunziker

Lukas Hunziker ist Gymnasiallehrer für Deutsch und Englisch. In seinem Garten stehen drei Bäume, in seinem Treppenhaus ein Katzenbaum. Er schreibt seit 2007 für nahaufnahmen.ch.

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