“Giulias Verschwinden” von Christoph Schaub

“Uns sieht man nicht mehr”

“Giulias Verschwinden” von Christoph Schaub

Giulia 1

“20 geht noch, aber 30 ist echt krass”, so eine Jugendliche im Bus. Im selben Bus sitzt Giulia. Sie ist unterwegs zur Feier ihres (in dem Fall wohl oberkrassen) fünfzigsten Geburtstags. Doch als sie bemerkt, dass sie alt und damit unsichtbar wird, geht sie erst einmal einkaufen. – “Giulias Verschwinden” ist ein überhaupt nicht ältlich wirkender Schweizer Film über Altersfragen.

Von Sandra Despont.

Eine Szene, wie jeder sie kennt. Feierabendnahverkehr. Ein vollgestopfter Bus, Banker sitzt hinter Hausfrau sitzt neben zwei kichernden Teenagern. Und irgendwie steht auch eine ältere Frau rum, die vergeblich versucht, einen Sitzplatz zu kriegen. Ein bisschen Klischee, ein bisschen Übertreibung, doch die Botschaft ist klar: es geht um Alltag, es geht um das Hier und Jetzt, es geht um uns. Oder eben um Giulia, die im Begriff ist, zu verschwinden. Denn, wie die alte Frau richtig bemerkt: alte Leute sieht man nicht.

Einmal Amseldrosselchor für die Jubilarin

Wenn der gleichaltrige Mann im Bus so tut, als wäre man Luft, um kurz darauf einer aufgebrezelten Mittzwanzigerin in den Ausschnitt zu starren, wenn Lustgestöhn in Schmerzgeschrei eines Muskelkrampfes wegen übergeht, wenn ein Hemd nach seinen Bauchkaschiereigenschaften ausgesucht werden muss, wenn das Blackberry besser über einen Bescheid weiss als man selbst. Dann, ja dann wird man das, was keiner werden will und niemand verhindern kann: alt. Älter, zumindest. Und die Zeiten, in denen Alter hochgeschätzt wurde, sind vorbei. Von Weisheit und Würde keine Rede mehr. Stattdessen: Demenz, Macken, Verfall.

Giulia 2
© Studio / Produzent

Zum 80igsten wird in “Giulias Verschwinden” der Amseldrosselchor verordnet, obwohl die Jubilarin Chöre nicht ausstehen kann. Doch was nützt das schon. Persönlichkeit, Charakter und Wahlfreiheit scheinen der Jugend zu gehören – für die Alten bleiben die Einheitsmodelle “Alter Mann” und “Alte Frau”, letzteres mit einer Vorliebe für sentimentale Chormusik, Technikskepsis, nachlassendem Sehvermögen und eine Vorliebe für Süsses (das ja jetzt neuerdings erlaubt ist, weil der Marktwert der Weiblichkeit im Alter eh unter jede Sau sinkt). Wer nicht ins Schema passt, ist ebenso wenig eine richtige alte Frau wie eine Jugendliche, die weder sexy aussehen, noch einem Jungen gefallen oder mit einer Freundin shoppend (und klauend) durch die Lande ziehen will.

Alte Menschen spielen – alte Menschen

“Giulias Verschwinden” ist eine radikale und sehr wohltuende Abkehr von der Traumfabrik. Agile Jugendliche hüpfen hier nur als Kontrastfiguren herum. Statt Teenies, die ihre erste Liebe erleben, und Frauen gegen dreissig, die immer noch auf der verzweifelten Suche nach Mr. Right und im ewigen Kampf gegen die Schokolade sind, rücken hier die Nöte der Menschen ins Licht, für die älter werden weder Versprechen noch Nebensache, sondern sich ständig bemerkbar machende Tatsache ist. Natürlich gab und gibt es in zahlreichen Filmen alte Menschen. Doch was spielen sie da? Ältliche Berater, Vater, Kriegsveteran, Würdenträger, allenfalls schrullig-gütige Omas oder verschrobene Opas, die nicht mehr ganz alle Tassen im Schrank haben, auf dessen Kosten man sich aber getrost noch etwas belustigen kann.

In “Giulias Verschwinden” hingegen spielen alte Menschen einfach alte Menschen. Das Alter rückt ins Zentrum als Drama, als Lebensproblem, als Widrigkeit, ohne zugunsten der eigentlichen Filmhandlung verzerrt, ohne pauschalisiert oder eines humoristischen Effektes wegen übertrieben zu werden. Nein, das Alter wird ernst genommen, ohne dass es gleich nach Inkontinenzeinlagen zu riechen beginnt. In feinen, wenn manchmal auch etwas klischierten Szenen werden die Verletzungen deutlich, die in den fixen Bildern liegen, die wir von alternden, älteren, alten Menschen haben und die keinen Raum für die individuellen Persönlichkeiten mehr lassen. Stattdessen sollen sich die schämen, die sich peinlich benehmen, sprich: unverblümt ihre Meinung sagen, Witze reissen, sich nicht froh und dankbar der Fürsorgediktatur ihrer Kinder und der Altenpflege unterordnen. Besonders pikant wird das, wenn die Omas und Opas aufgeschlossener sind als die prüd und spiessbürgerlich geratenen Kinder.

Zwischen den beiden Polen

Nochmals die erste Szene: Wackelkamera, Pixel, Normalomenschen. Nein, das ist nicht Hollywood. Es ist nicht einmal ein auf Hochglanz polierter Independentfilm. Es ist nur ein Independentfilm. Konzentration auf den Inhalt. Was heisst: im besten Fall ein Juwel, im schlimmsten Fall endlos peinlich. “Giulias Verschwinden” bewegt sich irgendwo in der Mitte, ohne je die Extreme zu erreichen. Mal sind die Gespräche geistreich und witzig, die Wendungen überraschend, dann wieder etwas gar abgedroschen und vorhersehbar, doch immerhin hält sich der Film mit einer Ausnahme (ziemlich unmotiviert sich mit Torte beschmeissender alter Frauen) von dumpfem Slapstick fern. Insgesamt wirken Figurenkonstellation und Inszenierung der verschiedenen Geburtstagsfeiern und Treffen etwas gar konstruiert, die Gespräche kreisen etwas gar zwanghaft um das Thema Alter. Trotzdem. “Giulias Verschwinden” hat seinen Platz in den vorderen Rängen der kleinen Schweizer Kinowelt. Kein Film, den man liebt und ins Regal der besten DVDs aller Zeiten stellt, aber doch ein solides Kammerspiel mit fast durchgehend sehr guter schauspielerischer Leistung, allen voran von Corinna Harfouch als ihren eigenen Geburtstag schwänzenden Giulia und Bruno Ganz als sympathischer und nicht ganz ehrlicher Charmeur.

Extras

Es gibt nicht viele Extras. Genau zwei. Ein Trailer und ein Making of. Dankenswerterweise ergeht sich aber das Making of nicht, wie so viele, in ermüdenden Lobhudeleien, sondern beleuchtet etwa die Kameraarbeit oder Lichttechnik in “Giulias Verschwinden”.


Seit dem 16. April 2010 im Handel.

Originaltitel: Giulias Verschwinden (Schweiz 2009)            
Regie: Christoph Schaub
Darsteller: Corinna Harfouch, Bruno Ganz, Stefan Kurt, André Jung, Sunnyi Melles, Daniel Rohr, Teresa Harder, Max Herbrechter, Christine Schorn, Renate Becker
Genre: Komödie
Dauer: 85 Minuten
Bildformat: 16:9
Sprache: Deutsch
Untertitel: Deutsch
Audio: Dolby Digital 5.1
Bonusmaterial: Trailer, Making of
Vertrieb: Warner


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