“Wüstenblume” von Sherry Hormann

Filmisches Mahnmal

“Wüstenblume” von Sherry Hormann

Wüstenblume 1

Als Waris Dirie von Starfotograf Terry Donaldson entdeckt wird, ist ein Star geboren. Doch das somalische Model kann die internationalen Laufstege nicht geniessen: Obwohl in der westlichen Welt angekommen, kann sie ihre afrikanische Vergangenheit nicht hinter sich lassen. Auf dem Höhepunkt ihrer Karriere offenbart sie, Opfer der Frauenbeschneidung geworden zu sein. “Wüstenblume” erzählt ihre Geschichte. Einfühlsam und respektvoll.

Von Fee Anabelle Riebeling

Es könnte die klassische Geschichte von der Tellerwäscherin zur Millionärin sein, wäre in Waris Diries Kindheit nicht dieses alles überschattende Ereignis gewesen:  Geboren als Tochter einer muslimischen Nomadenfamilie in der Wüste Afrikas wird sie mit nur drei Jahren beschnitten. Die Schmerzen erduldet sie wie ihre weiblichen Familienangehörigen, schliesslich hat die Frauenbeschneidung in ihrer Heimat eine lange Tradition. Sie zu hinterfragen, kommt ihr nicht in den Sinn.

Grossstadtdschungel statt afrikanischer Wüste

Als sie zehn Jahre später gegen ihren Willen mit einem deutlich älteren Mann verheiratet werden soll, flieht “Wüstenblume”, so die Bedeutung ihres Vornamens, nach Mogadischu, zu ihrer Grossmutter. Doch auch bei ihr kann sie nicht lange bleiben. Sie nimmt einen Job in der somalischen Botschaft in London an – und gelangt vom Regen in die Traufe: Dirie wird permanent gedemütigt. Nach Jahren der Schikane taucht sie unter und hält sich mit Gelegenheitsjobs über Wasser. Erst als sie die glücklose, aber herzensgute Marilyn kennen lernt, wendet sich das Blatt.

Wüstenblume 2
© Studio / Produzent

Sherry Hormann Adaption basiert auf der gleichnamigen Autobiografie (Original: 1998, deutschsprachige Fassung: 2007) des somalischen Topmodels. Die deutsch-britische Regisseurin erzählt Diries Geschichte aus der Perspektive der 80er, dem Jahrzehnt, in dem Dirie ein neues Leben geschenkt wird. Dort, wo Worte die zurückliegenden Grausamkeiten nicht angemessen wiedergeben können, lässt sie in rückblenden Bilder sprechen. Sie kommentiert nicht, sie lässt allein die derart gezeigten Emotionen wirken. Mit Erfolg: Niemand bleibt unberührt.

Verständis und Anklage

Die Rückblenden dienen jedoch nicht nur dazu, die Vergangenheit für jedermann nachvollziehbar, ja geradezu erfahrbar zu machen. Sie zeigen auch, wie gross die Klüfte zwischen den Kulturen auch heute noch sind, in denen die Somalierin nach Jahren in Europa gleichermassen zu Hause ist, und offenbaren so unausgesprochen ihre innere Zerissenheit. Der Film kommentiert nicht, er präsentiert. Durch die angenehm zurückhaltende Darstellungsweise wird niemand angeprangert. Er begegnet dem Opfer wie dem Täter – in diesem Fall: Diries Kultur – mit angemessenem Respekt, wenn auch nicht ohne Stellung zu beziehen.

“Wüstenblume” unterstützt so die Arbeit Diries, die ihre Berühmtheit seit Mitte der 90er – während sechs Jahren als UN-Sonderbeauftragte – für den Kampf gegen die Beschneidung von Mädchen und Frauen einsetzte. Medien- und somit öffentlichkeitswirksam thematisierte sie ihre eigene Geschichte bereits in ihrer Autobiografie, mit der sie Millionen von Menschen auf die grausamen Rituale aufmerksam machte.

Dank des überaus respektvollen und nachdenklich stimmenden Films  kann sie nun noch mehr Menschen mit ihrer Botschaft erreichen – ohne dabei aufdringlich oder betont missionarisch, dafür aber wohl umso erfolgreicher zu sein.


Seit dem 11. März im Handel.

Originaltitel: Desert Flower (Deutschland, Österreich, Frankreich 2008)
Regie: Sherry Hormann
Darsteller: Liya Kebede, Sally Hawkins
Genre: Drama
Dauer: 122 Minuten (+ 54 Minuten Bonusmaterial)
Format: 1,85:1 (16:9)
Sprachen: Deutsch, Englisch
Untertitel: Deutsch für Hörgeschädigte
CH-Vertrieb: Impuls

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