Introdans, Holland “Specialsteps“ | Steps #12 | Luzerner Theater

Dynamik, Akrobatik und viel Humor

Introdans, Holland “Specialsteps“ | Steps #12 | Luzerner Theater

Bild | Copyright: Hans Gerritsen
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Im Rahmen des zwölften Steps-Festival zeigt die niederländische Tanzkompanie Introdans im Luzerner Theater sieben sehr unterschiedliche Choreographien. Die Kurzstücke bestechen durch Dynamik, Akrobatik, Humor und Fantasie und die Tänzer durch grosses technisches Können. Ein Tanzabend, der insbesondere ein junges Publikum anzog und zu begeistern vermochte.

Seit 1988 veranstaltet das «Migros-Kulturprozent» alle zwei Jahre das Tanzfestival «Steps» in enger Zusammenarbeit mit Partnern in allen Landesteilen der Schweiz. Das Festival will die Vielseitigkeit und das breite Spektrum von Formen und Stilrichtungen im zeitgenössischen Bühnentanz zeigen und lädt internationale Kompanien zu Gastspielen ein – nicht nur in die grossen Städte sondern auch in entlegene Orte der Schweiz.

Die aus dem niederländischen Arnheim stammende Kompanie „Introdans“ zeigt auf der Bühne des Luzerner Theaters im Rahmen des zwölften Steps-Festivals unter dem Titel „Specialsteps“ sieben Kurzstücke von ganz unterschiedlichem Charakter. Darunter befinden sich Choreographien von namhaften Choreographen wie William Forsythe und Hans van Manen als auch eine Uraufführung der Schweizer Choreographin Jacqueline Beck. Mit Alwin Nikolais „Tensil Involvement“ ist auch ein Klassiker aus der Tanzgeschichte dabei.

Bild | Copyright: Hans Gerritsen
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Robert Battle “Ella” – slapstickartiger Jazz
Kaum haben die letzten Zuschauer Platz genommen, geht es auch schon los mit dem ersten Stück. Mit «Ella» zeigt der US-amerikanische Choreograph Robert Battle ein heiteres, slapstick-artiges Solo zu Ella Fitzgeralds rauchigem Jazz. Die blonde Tänzerin Karin Lambrechtse ist ganz in schwarz gekleidet und trägt einen Glitzergürtel, der je nach Lichteinfall spielerisch aufflackert. Sie lässt sich immer wieder auf die Knie fallen, schlägt akrobatisch ein Rad oder eine Rolle auf dem Boden, um gleich darauf wieder breit und etwas künstlich ins Publikum zu grinsen. Sie hat eine ausgeprägte Gestik und Mimik. Das Ganze wirkt wie eine Varieté-Show, jazzige Elemente verbinden sich mit zeitgenössischem Tanz. Plötzlich öffnet sich in der hinteren Bühnenwand der schwarze Vorhang und wir sehen, wie sechs Männer kokettierend durchtänzeln. Zum Schluss fällt die Tänzerin wie ein Brett, den ganzen Körper angespannt, nach hinten.

Bild | Copyright: Hans Gerritsen
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Jacqueline Beck “At the Station” – männliches Imponiergehabe
Rockig wird es bei Jacqueline Beck. Die Schweizerin choreografierte das Stück “At the Station” speziell für Introdans. Drei Tänzer (Miguel Esteves, Glenn Graham, Matteo Marfoglio) stehen auf einer schmalen schwarzen Bank und wippen zum Takt von Keb Mos’ rockigem Song “At the Station”, welcher auch titelgebend war für das Stück. Die drei Tänzer tragen schwarze Hosen und ein offenes weisses Hemd, womit der Blick auf drei durchtrainierte Oberkörper frei wird. Männliches Imponiergehabe oder die Frage: Wer ist der Beste? bilden das Sujet von Becks Stück. Die Tänzer provozieren einander, sie versuchen mit gekonnten Sprüngen zu imponieren und sich gegenseitig zu übertrumpfen. Mal liegen sie hinter der Bank am Boden und wippen mit dem ganzen Körper, dann springen sie auf oder über die Bank oder vollführen gewagte Sprünge und Figuren in der freien Bühnenmitte. Es ist ein freches und frisches Stück, welches durch bemerkenswerte Sprünge und eine aussergewöhnliche Dynamik zu überzeugen vermag. Dennoch fehlt die Innovation und irgendwie wird man das Gefühl nicht los, dass man das alles schon irgendwo gesehen hat.

William Forsythe “Double Single” – es wird ungemütlich
William Forsythe zeigt in “Double Single” wie auf und zwischen zwei Doppelbetten getanzt werden kann. Die Matratzen sind nicht bezogen und wirken kahl und ungemütlich. Die Bühne ist während der Dauer des ganzen Stücks in grelles Licht getaucht, was die Atmosphäre der Ungemütlichkeit noch verstärkt. Zuerst tanzen Matteo Marfoglia, Joan Sol Madrid und Gloria Ros Abellana ein Trio – neben, vor, hinter und auf dem Bett. Die Kombination wird immer wieder neu zusammengestellt, einmal tanzen alle zusammen, dann wieder zu zweit oder alleine. Akrobatische Hebefiguren wechseln mit dem kindlich anmutenden Herumtollen und Hüpfen auf dem Bett. Doch auch während dieser verspielt anmutenden Sequenzen gibt es keine unbeholfenen Bewegungen, alles wirkt sehr künstlerisch geformt. Das Ballet zeigt sich in jeder Bewegungsausführung. Erkennbar wird das für Forsythe typische, extrem komplexe Bewegungsvokabular. Durch die unübersichtlichen Verknotungen, die disparaten Richtungswechsel und das rasante Tempo wird der Zuschauer visuell überfordert. Während das Stück zu Beginn noch verspielt anmutet, wird es in der zweiten Hälfte immer aggressiver. William Forsythe zeigt, wie die die zwischenmenschliche Situation auf einem Bett sehr schnell kippen kann. Die Tänzer plagen einander und schubsen und stossen sich gegenseitig vom Bett.

Bild | Copyright: Hans Gerritsen
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Robert Battle “Promenade”- Störungen und Irritationen
Darauf folgt das zweite, etwas skurril anmutende Stück von Robert Battle. Die vier Tänzer (Miguel Esteves, Joan Sol Madrid, Zsolt Hatavani, Matteo Marfoglia) und die vier Tänzerinnen (Merel Janssen, Léa Jaureguy, Alexis Geddes, Gloria Ros Abellana) formieren sich zu in einem Kreis. Sie führen Pferde- und Hasenbewegungen aus, drehen sich in einer Kreisformation wie ein Karussell vor und wieder zurück. Danach schliessen sie sich zu immer neuen Raumformationen zusammen, führen zuckende Bewegungen aus, schneiden Grimassen und kratzen sich, als hätten sie Läuse. Die Frauen tragen schlichte graue Kleider, die auf den ersten Blick sehr schön anmuten. Erst mit der Zeit stellt der Zuschauer irritiert fest, dass irgendwas mit diesen Kostümen nicht stimmt – die ausgestopften Hinterteile, auf denen eine grosse Masche prangert. Störung und Irritation kennzeichnen das Stück – in der Mimik und in der Bewegungsausführung. Die Synchronie und Symmetrie der Formationen wird immer wieder gebrochen, indem einzelne Tänzer aus der Formation ausbrechen. Nichts scheint vorhersehbar und das strengt den Zuschauer an und überfordert. Das Ganze wirkt unglaublich nervös, und etwas irr. Die unharmonische und wilde Musik von John Mackey verstärkt diesen Eindruck zusätzlich. Das Stück endet abrupt. Zurück bleibt ein etwas verdutzter Zuschauer. Man fragt sich: Um was geht es eigentlich? Was soll dieses Stück aussagen?

Fernando Melo “Bate – Dynamik und Humor
Verspielt daher kommt das Stück “Bate” von Fernando Melo. Zuerst ist in der Mitte der Bühne die schwarze Bühnenwand nur hüfthoch hochgezogen. Man sieht nur das luftige weisse Kleidchen und die Füsse einer Tänzerin. Sie stellt einen Topf mit einer darin gepflanzten Rose ab und wird dann wie von Geisterhand in die Höhe gezogen. Dann wird auch die mittlere Bühnenwand hochgezogen. Die hintere Bühnenwand erscheint wie ein Haus mit Fenstern, welche auf unterschiedlicher Höhe angebracht sind. Abwechselnd werden diese Fenster nun beleuchtet und wir sehen wie sich ein Tänzer ein Hemd zuknöpft, es in die Hose stopft, energisch wieder rausnimmt oder sich einen Hut aufsetzt. Das Ganze wirkt sehr verspielt und komödiantisch. Dann öffnet sich der Vorhang in der Mitte der hinteren Bühnenwand. Die Tänzer beginnen in dieser Öffnung zu tanzen. Zuerst noch zaghaft, doch dann immer raumgreifender. Danach bewegen sie sich nach vorne und nehmen den gesamten Bühnenraum ein. Sie tanzen synchron, wobei immer wieder einzelne Tänzer aus der Gesamtformation ausbrechen und ein Solo vollführen. Plötzlich fährt der Topf mit der Rose in rasantem Tempo über die Bühne, die Tänzer schauen der Rose verdutzt nach, um gleich darauf wieder weiterzutanzen. Dies ist ein lustiger Effekt, der das Publikum erheiterte. Zum Schluss bleibt nur noch ein Tänzer auf der Bühne zurück und dieser wird von den plötzlich von der Decke herunterfallenden roten Blütenblättern erschlagen. “Bate” ist ein gelungenes Stück voller Dynamik und Humor, welches sich durch überraschende Einlagen auszeichnet und für ein Schmunzeln im Publikum sorgte.

Hans van Manen “Sticky Piece” – es wird klebrig
“Sticky”, also klebrig, wird es bei Hans van Manen. Nicole Guarino und Aymeric Aude tragen einen neopranartigen Ganzkörperanzug und bei jedem Annäherungsversuch während des getanzten Duetts, bleiben sie aneinander kleben. Die unbequem anmutenden Anzüge knirschen dabei. Verzweifelt versuchen sich die zwei Akteure jeweils voneinander zu lösen, taumeln auseinander, um gleich darauf wieder aneinander kleben zu bleiben. Das Ganze wirkt komisch und sorgt für grosse Erheiterung im Publikum. Dann kleben sie länger aneinander und scheinen sich darüber sogar zu amüsieren, doch schon im nächsten Moment lösen sie sich wieder, tanzen weiter, nun immer mit einem gebührenden Sicherheitsabstand. Und plötzlich kommt den beiden die einleuchtende Idee, den mühsamen Anzug auszuziehen. Und gleich darauf tanzt es sich viel leichter und endlich sehen wir die virtuose Technik der beiden, endlich wirkt es ästhetisch, geschmeidig und tänzerisch vollendet. Hier lassen sich dann auch die für Hans van Manen typischen, fürs Ballett aber unüblichen, flexartigen, also abgeknickten Handflächen wiedererkennen. Die klassische Körperlinie wird gebrochen. Dies gibt dem Stück van Manens persönliche Note. Schade, dass dieser zweite Teil dann so kurz ist. Van Manen hätte gut daran getan, den Schwerpunkt auf den zweiten, ästhetisch geformten Teil zu setzen und den komödiantischen, klebrigen Teil kürzer zu gestalten. Denn irgendwann funktioniert der lustige Effekt nicht mehr.

Alwin Nicolais “Tensile Involvement” – ein kinetisches Gesamtkunstwerk
Den krönenden Abschluss des Abends bildet mit Alwin Nikolais “Tensile Involvement” ein bekanntes Stück aus der Tanzgeschichte. Nikolais Stück entführt den Zuschauer in eine fantastische Welt von Farbe, Bewegung und Licht. Die Tänzer tragen dreifarbige Ganzkörperkostüme. Von der Decke hängen Stoffstreifen, welche je nach Beleuchtung ihre Farbe wechseln, in die sich die Tänzer einwickeln, mit denen gespielt, an denen, wie es der Titel bereits anmutet, gezogen wird. Das 1959 entstandene avantgardistische Stück, als auch die von Nikolais selbst komponierte Musik, erscheinen auch heute noch modern und innovativ. “Tensile Involvement” ist ein kinetisches Gesamtkunstwerk aus abstrakten Bewegungen zu abstrakter Musik.

Introdans, die holländische Tanzkompanie mit Mitgliedern aus allen Ländern der Welt, überzeugte durch technisches Können und Bühnenpräsenz. Gezeigt wurde ein breites Spektrum an zeitgenössischen Choreographien, welche durch Dynamik, Akrobatik und Humor zu überzeugen vermochten.

Besprechung der Aufführung am 30. April 2010

02. Mai Théâtre de Vevey in Vevey, 04. Mai in den Vidmarhallen 1 in Bern, 06. Mai in der Kaserne Basel, 07. Mai Theater Casino Zug, 10. und 11. Mai Theater 11 in Zürich

Besetzung: Karin Lambrechtse, Aymeric Aude, Miguel Esteves, Glenn Graham, Matteo Marfoglia, Alexis Geddes, Zsolt Hatavani, Merel Janssen, Glória Ros Abellana, Joan Sol Madrid Riola, Léa Jaureguy

Choreographen: Robert Battle, William Forsythe, Jaqueline Beck, Fernando Melo, Alwin Nicolas

Dauer: 60 Minuten, ohne Pause


Im Netz
www.steps.ch
www.introdans.nl

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