“Spaziergänger Zbinden” von Christoph Simon

Spaziergang durch ein Spaziergängerleben

“Spaziergänger Zbinden” von Christoph Simon

Wer je einen alten, gebrechlichen Menschen die Treppe hinunter begleitet hat, weiss, dass dies sehr lange dauern kann. Lukas Zbinden, dem 87-jährigen Protagonisten aus Christoph Simons Roman, reicht die Zeit gar, seinem Begleiter, dem Zivilschutzleistenden Kâzim, alles über seine grosse Liebe, Emilie, und seine grosse Leidenschaft, das Spazieren, zu erzählen.

Von Lukas Hunziker.

spaziergaengerzbindenLukas Zbinden verbringt seinen Lebensabend in einem Betagtenheim in der Berner Elfenau. Körperlich ist Zbinden nicht mehr ganz so fit, wie er es geistig noch ist, weshalb er für seine Lieblingstätigkeit, das Spazieren, auf Begleitung angewiesen ist. Diese Begleitung findet er in Kâzim, der eben seinen Zivildienst im Betagtenheim angetreten hat. Mit ihm macht sich Zbinden auf nach draussen, und mit dem ersten gemeinsamen Schritt beginnt er, Kâzim seine Philosophie des Spazierens zu erzählen, einer Tätigkeit, deren weltverbessernde Natur ausser Lukas Zbinden niemand im Heim so richtig wertzuschätzen scheint.

Spaziergänger Zbinden ist keine jener gebrochenen, tragischen Existenzen, die einen als Zivildienstler oder Zivilschützler bei Altersheimeinsätzen so Angst vor dem hohen Alter machen. Zbinden ist zumindest innerlich jung geblieben und begegnet den anderen Heimbewohnern stets liebevoll und mit viel Humor; für jeden, den er mit Kâzim auf seinem Weg nach unten trifft, hat er ein paar Worte übrig. Lange lässt er sich jedoch nicht ablenken, denn da Kâzim sich als guter Zuhörer entpuppt, kann der ehemalige Lehrer sich nicht zurückhalten, seinem Begleiter immer mehr vom Spazieren und bald auch von der Liebe seines Lebens, seiner verstorbenen Frau Emilie, zu erzählen.

Nicht autobiographisch, aber authentisch

Um es vorweg zu nehmen: die naheliegenden Vermutung, Christoph Simon schildere in seinem Roman eigene Erlebnisse aus seinem Zivildiensteinsatz, trifft nicht zu. Christoph Simon machte die RS und kam somit, wie er in einem Interview (http://www.drs.ch/www/de/drs/sendungen/regionaljournal-bern-freiburg-wallis/90293.bt10124283.html) bedauert, nicht in den Genuss der Begegnungen, welche zivildienstleistende Bekannte von ihm machten. Mit “Spaziergänger Zbinden” hat er dies nun nachgeholt, und seine fiktiven Begegnungen mit Betagten wirken so authentisch, dass man kaum glauben mag, dass Simon Lukas Zbinden nicht tatsächlich schon einmal begegnet ist. Nun ja, ein Vorbild für Zbinden gibt es immerhin, und zwar den 2008 verstorbenen Schriftsteller Gerhard Meier, den Christoph Simon auch besucht hat. Auch im Altersheim machte der Autor seine Recherchen, um die tragisch-komischen Begegnungen, die Kâzim und Lukas Zbinden während des Ganges durch das Heim ins Freie machen, authentisch zu beschreiben.

Das fiktive Nachholen des Zivildienstes ist gelungen. “Spaziergänger Zbinden”  ist ein rührender und sehr humorvoller Roman über das Leben eines Menschen, dem man wohl zu jedem Zeitpunkt seines Lebens gerne begegnet wäre. Nicht, dass dieser Lukas Zbinden ein einfacher Mensch ist; die Liebe zu seiner Frau Emilie war nicht ohne Hochs und Tiefs, Eifersucht und Trotz waren auch dem sonst stets frohen Optimisten Zbinden nicht fremd. Dennoch ist er wohl nur durch diese lebenslange Liebe zu seiner Frau im Alter kein mürrischer Spaziergänger geworden, sondern einer, dem sich die Welt öffnet, sobald er sie beschreitet. Es ist ein stiller, feiner Roman, den man nicht verschlingt, sondern den man gemütlich angeht – wie einen Spaziergang eben.


Bilgerverlag
177 Seiten, 30 Franken.

Lukas Hunziker

Lukas Hunziker ist Gymnasiallehrer für Deutsch und Englisch. In seinem Garten stehen drei Bäume, in seinem Treppenhaus ein Katzenbaum. Er schreibt seit 2007 für nahaufnahmen.ch.

Ein Gedanke zu „“Spaziergänger Zbinden” von Christoph Simon

  • 15.07.2012 um 12:08
    Permalink

    Der Anlaß: Mein jüngster Sohn heißt auch Christoph Simon (Name der Mutter). Ich bin nun auch schon 75 Jahre alt. Meine bisherigen Erfahrungen duch Bekannte in Altenheimen waren bisher nicht ermutigend. Aber die Schilderung dieser “Spaziergänge” hat mir gezeigt, daß man auch in einer solchen Einrichtung leben kann, wenn man denn noch leben und erleben will. und der Geisteszustand dies ermöglicht. Aus heutiger Sicht wird es mir sicher nicht schwerfallen, auch dann noch die kleinen Freuden am Wegesrand zu sehen und sich darüber zu freuen.

    Mein Christoph ist inzwischen 23 jahre alt. MIt ihm habe ich die schönsten Jahre meines Lebens erleben dürfen.
    Nun kennen Sie meine Gedanken. Es grüßt Sie Wilhelm Voss

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