„Fangschuss“ von Sunil Mann

So lasset die Jagd beginnen!

„Fangschuss“ von Sunil Mann

Vijay Kumar raucht und trinkt wie ein Grosser. Doch in punkto Selbständigkeit ist er noch grün hinter den Ohren: Den Fernkurs «Privatdetektiv» bestanden und die Detektei eröffnet, nimmt er auch schon seinen ersten Fall entgegen. Während dieser eine harmlose Aufwärmübung ist, bringen ihn seine Ermittlungen zwischen Zürcher Langstrasse und schicken Chalets bei St. Moritz in Lebensgefahr.

Von Fee Anabelle Riebeling.

fangschussSelten hat ein Debütkrimi so überzeugt. Autor Sunil Mann ist, wie sein Protagonist Vijay Kumar, Secondo mit indischen Wurzeln und vermengt in seinem ersten Roman  gekonnt Zürcher Kiezcharme mit St. Moritzer Bergdorfidylle und den schönen Schein der Oberschicht mit der hässlichen Anmutung der Langstrasse. Durch gezieltes Einstreuen von Momentaufnahmen aus dem indischen Alltag verleiht er Greenhorn Vijay Kumar eine ganz individuelle Note. Und genau die braucht es, um in der riesigen Menge der literarischen Privatermittler herauszustechen.

Indischer Philip Marlowe

Doch Sunil Mann gibt seinem Detektiv bei seinem ersten Fall noch mehr an die Hand: Einen mysteriösen und schliesslich logisch aufgelösten Plot, leicht überzeichnete, doch gleichzeitig glaubwürdige Charaktere und jede Menge lebendige Dialoge, die den Leser wach halten und in einem Zug bis zur letzten Seite dran bleiben lassen. Autor Mann, der für seine Kurzgeschichten und -krimis bereits mehrfach ausgezeichnet wurde, glänzt mit entweder gut recherchiertem oder selbst erfahrenem Insider-Wissen und paart dies geschickt mir einer wohligen Melange aus Hochdeutsch und Schweizer Schriftsprache.

So sicher wie sein Schöpfer ist Detektiv Vijay nicht in seinem Metier. Und so tappt der Unerfahrene – sobald er einmal die Fährte aufgenommen hat – zunächst im Dunkeln, dann von einer Notsituation in die andere, nur um sich auch über die hektischen Vorkommnisse am eigentlichen Tatort hinaus noch lange in Unsicherheit zu wissen. Nur mit sehr viel Glück gelingt es ihm, nicht nur den Fall zu lösen, sondern auch seine eigene Haut zu retten. Trotz, oder vielleicht gerade wegen der zahlreichen Grenzerfahrungen durchläuft der 30-jährige Protagonist seine Initiation als Privatdetektiv im Schnelldurchlauf. Während seiner naiven Jagd in die Bündner Berge gewinnt Vijay an Grösse und tritt später als souveräner und seiner Arbeitsbezeichnung würdiger Ermittler auf.

Komm’ mal wieder runter

In «Fangschuss», dessen Titel bezeichnender Weise der Jägersprache entlehnt ist, in der so derjenige Schuss bezeichnet wird, der abgegeben wird, um ein schwer verletztes oder nicht unmittelbar tödlich getroffenes Wildtier zu erlegen, präsentiert Sunil Mann den Lesern ein bislang völlig unbekanntes Bild der gemeinhin als idyllisch geltenden Schweiz. Er ignoriert Klischees, schaut hinter gesellschaftlich tolerierte Fassaden, lässt seiner Fantasie freien Lauf und siedelt Vijay Kumar nicht ohne Quartiersstolz im verruchten Kreis 4 an.

Herausgekommen ist ein aussergewöhnlicher, konsequenter und wohldurchdachter Kriminalroman, der hoffen lässt, dass Mann, der sich das Schreiben als Flugzeugbegleiter bei der Swiss finanziert, sein Teilzeitpensum weiter reduziert und Vijay Kumars Jagd gegen das Verbrechen möglichst bald fortsetzt.

Grafit Verlag
256 Seiten, ca. CHF 17.00


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