„Bad Lieutenant“ von Werner Herzog

Moralische Abgründe

„Bad Lieutenant – Cop ohne Gewissen“ von Werner Herzog

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Im New Orleans nach Katrina kämpft ein Cop gegen Verbrechen und seinen eigenen Absturz. Werner Herzog schafft es mit seiner sehr dichten Erzählung und der Figur von Terrence McDonagh Fragen nach moralischen Grenzen aufzuwerfen. Das Problem ist nicht, dass der Protagonist unmoralisch handelt, sondern dass er damit durchkommt.

Von Joel Krebs.

Terrence McDonagh (Nicolas Cage) tut Gutes und wird dafür bestraft. Dadurch dass er einen Häftling in einem überschwemmten Gefängnis von New Orleans nach dem verheerenden Hurricane Katherina das Leben rettet, leidet er von nun an unter chronischen Rückenschmerzen, gegen die auch Vicodin nur begrenzt hilft. Das ist der Beginn von Terrences Abstieg in moralische Abgründe, die von Sex, Glücksspiel, Drogen bis hin zu Gewalt und Erpressung führen. Der Mordfall, den er nach seiner Beförderung zum Lieutenant zu lösen hat, bietet dafür nur noch die Rahmenerzählung.

New Orleans am Rande des Abgrunds

Atmosphärisch wirkt der Film sehr dicht, beinahe sogartig zieht es einen in die verwüstete Stadt New Orleans hinein. Auch wenn der Fokus nicht eigentlich auf die Zerstörung gerichtet ist, so hat man immer das Gefühl, sie sei allgegenwärtig. Wichtiger dabei ist nicht die Zerstörung, die der Hurricane an den Gebäuden angerichtet hat, sondern an den Menschen, die die Katastrophe überlebt haben. Ein solcher Film erlaubt dem Zuschauer auch immer einen Blick in verschiedene gesellschaftliche Schichten, die er sonst nicht zu sehen bekommt – wie sehr diese Einblicke dann der Wahrheit entsprechen, ist eine andere Frage. In der Hinsicht erinnert der Film stark an den Episodenfilm L.A. Crash. Vielleicht kommt das aber auch daher, dass für beide Filme Mark Isham für die Musik verantwortlich war und diese weiss wirklich zu überzeugen. Ohne allzu aufdringlich zu wirken, verstärkt die Musik die Sogwirkung des Films noch mehr.

Die Rolle des Bösen

In einen Sog gerät auch Nicolas Cage, der mit Terrence McDonagh wieder eine sehr fragwürdige und deshalb auch schwierige Rolle übernimmt. Natürlich muss man dabei immer an “Lord of War” denken, wo er eine moralisch ähnlich interessante Rolle übernommen hat. Ihm scheint die Rolle, wie damals, sichtlich zu liegen. Dabei gibt es durchaus Parallelen zwischen der Art, wie Cage diese beiden gescheiterten Persönlichkeiten darstellt. Beide haben die Eigenschaft, dass sie eigentlich ziemlich sympathisch wirken und eine Identifikation mit ihnen trotz ihrer Verwerflichkeit erstaunlich leicht fällt. Doch wo sich der gewissenlose Cop Terrence McDonagh vom Waffenhändler Yuri Orlov unterscheidet, ist die Art, wie sie mit ihrer eigenen Gewissenslosigkeit umgehen und damit stellt Terrence McDonagh auch seine Zuschauer auf die Probe. Während er nämlich immer tief in den Sog der Kriminalität, Drogen und Gewalt gezogen wird, wehrt sich Terrence kaum. Er lässt es einfach geschehen. Als er die Probleme, die daraus erwachsen, schliesslich nicht mehr wegblenden kann, dann reagiert er endlich – mit den gleichen Methoden, die die Probleme bereits verursacht haben. Also noch mehr Drogen, Sex, Gewalt und Lügen.

Zynischer Höhepunkt

Das Tragische daran – und wo der Film auch wirklich mit den Fragen, die er aufwirft, punkten kann – ist, dass Terrence McDonagh damit durchkommt. Seine Probleme kann er tatsächlich auf vorhin erwähnte Weise lösen, ja mehr als das, er wird dafür auch noch belohnt. Während man sich den Film so anschaut, wartet man immer mehr und stärker darauf, dass es endlich knallt und diesem gewissenlosen Cop sein Lügengebilde endlich um die Ohren fliegt. Dass er dafür bestraft wird, dass er durch Bestechung, Erpressung und beinahe Vergewaltigung durchs Leben kommt. Doch am Ende wird man enttäuscht, denn es gibt für ihn tatsächlich ein Happy-End inklusive Beförderung, Frau  an seiner Seite und ein schönes Zuhause. Wo bleibt denn da die Moral? Ein zynischer Schlag gegen das übliche Happy-End in Hollywood und der Bestrafung der bösen Buben.

© Studio / Produzent
© Studio / Produzent

Nur etwas schafft Terrence McDonagh nicht: Mit sich selbst und der Welt ins Reinen zu kommen. Nicht das er Gewissensbisse hätte – nein, die tauchen nicht auf. Doch dass er selbst wieder den richtigen Weg einschlägt und all den Lastern abschwört, nein, das schafft er nicht. Noch viel interessanter ist die Tatsache, dass er selbst damit ein Problem hat, dass es andere in seinem Umfeld schaffen aus dem Sumpf herauszukommen. Als seine Freundin zum Beispiel endlich den Drogen abschwört und clean wird, ist er enttäuscht –denn er weiss, dass er diese Erlösung niemals finden wird.

Werner Herzogs böser Cop

Nun habe ich mich so lange um den Punkt des “Remakes” gewunden – mit gutem Grund, denn ich kenne den zugrundeliegenden Film von Abel Ferrara nicht. Jedoch scheint Herzogs Interpretation des gewissenlosen Cops nicht sehr viel mit der Ferraras gemein zu haben, das über den Titel hinaus geht. Vermutlich auch besser so, dann bleibt nur noch die Frage, wieso man den Film so benennen musste. Das lässt solche Vergleiche doch erst entstehen und dabei bräuchte Herzog diesen nicht einmal, denn mit seinem Film hat er einen sehr interessanten und atmosphärisch hochstehenden Film geschaffen, so dass man nach dem Film sogar etwas verstört ist. Was will man mehr?


Seit dem 27. Mai 2010 im Kino.

Originaltitel:  Bad Lieutenant: Port of Call New Orleans (USA 2009)            
Regie: Werner Herzog
Darsteller: Nicolas Cage, Eva Mendes
Genre: Krimi, Drama
Dauer: 122 Minuten
CH-Verleih: Rialto Film

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