“Schande” von Steve Jacobs

Schande, Schuld und Sühne

“Schande” von Steve Jacobs

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Mit seiner zweiten grösseren Regiearbeit stellte sich der australische Schauspieler Steve Jacobs einer Herausforderung, vor der wohl so viele erfahrenere Regisseure zurückgeschreckt wären: Er verfilmte mit Coetzees “Disgrace” einen der hochgelobtesten und meistdiskutierten Romane der letzten Jahrzehnte. Das Resultat ist besser, als man erwarten durfte.

Von Lukas Hunziker.

Der 1999 erschienene Roman “Disgrace” (Deutsch: “Schande”) des südafrikanischen Autors J.M. Coetzee dürfte das bisher kontroverseste literarische Werk aus dem Post-Apartheid Südafrika sein. Besonders in Südafrika war man alles andere als glücklich darüber, dass der international bekannteste Autor des Landes über Weisse schreibt, die auf einer kleinen Farm das Opfer einer Bande schwarzer Jugendlicher werden. Dass es unmittelbar nach dem Ende der Apartheid zu zahlreichen Gewalttaten gegen weisse Farmer kam und es bis heute immer wieder Wellen solcher Gewalt gibt, ändert daran wenig; ehemalige Täter werden im kollektiven Bewusstsein nur ungern als Opfer gesehen, genauso wie ehemalige Opfer nur schwer als Täter akzeptiert werden. Coetzee jedoch ging es in “Disgrace” um viel mehr als nur darum, die traditionellen Täter-Opfer-Rollen zu vertauschen. Der Roman ist eine komplexe und vielschichtige Auseinandersetzung mit Schuld und Schande, Macht und Vorurteilen.

Vom Literaturprofessor zum Tierarztgehilfen

Jacobs Verfilmung wird dieser Vielschichtigkeit und der Komplexität der Auseinandersetzung mit dem Südafrika nach der Apartheid in vielerlei Hinsicht gerecht. David Lurie, ein Literaturprofessor mit einer Vorliebe für die romantische Dichtung, bringt sich an der Universität in Kapstadt in Ungnade, als die Affäre, die er mit der dunkelhäutigen Studentin Melanie hatte, auffliegt. Die sexuellen Handlungen, zu denen es zwischen den beiden kam, waren zwar nicht direkt erzwungen, entsprachen aber auch nicht gerade Melanies sehnlichsten Wünschen. Lurie, der das kleine Abenteuer zwar für etwas dumm, aber nicht wirklich für falsch hält, weigert sich, sich dafür zu entschuldigen oder zu rechtfertigen, worauf er seine Stelle verliert. Ohnehin frustriert darüber, dass sein eigenes Interesse an der “klassischen” (sprich: britischen) Englischen Literatur weit grösser ist als jenes seiner Studenten, kehrt er der Universität nicht ungern den Rücken, und zieht für eine Weile zu seiner Tochter Lucy aufs Land, um ein Opernlibretto zu schreiben.

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Lucy bewirtschaftet ihre kleine Farm allein, hat jedoch grössere Teile des Landes dem ehemaligen Farmarbeiter Petrus abgetreten, welcher seit dem Ende der Apartheid ein selbständiger Farmer ist und in Sichtweite von Lucys Farm ein eigenes Haus baut. Die beiden sind eng vertraut und Petrus geht bei Lucy ein und aus, wie er will, was Vater David gar nicht gefällt. Da Lucy mit der Farm gut alleine zurecht kommt, arbeitet David in der nahegelegenen Stadt bei einer Tierärztin, mit der Lucy bekannt ist, und schläfert für sie Hunde ein.

Eines Nachmittags, als Lucy und David von einem Spaziergang zurückkehren, finden sie hinter dem Haus drei schwarze Jugendliche, die Lucys Hunde ärgern. Die drei geben an, telefonieren zu müssen, und als Lucy trotz Davids Bedenken die Tür zum Haus aufschliesst und die drei hereinbittet, stürzen sie sich auf sie und schleifen sie ins Haus, während David erst zusammengeschlagen und dann auf die Toilette geschleppt wird, wo der eine Junge ihn mit Sprit übergiesst und anzündet. David kann sich löschen, schafft es aber nicht, sich aus der Toilette zu befreien. Was die drei mit Lucy machen, kann er nur erahnen.

Verbrechen oder Sühne für kollektive Schuld?

Die grausame Tat hinterlässt nicht nur äusserliche Spuren. Die Wunden der beiden heilen und sie nehmen ihr Leben bald wieder auf. Das schreckliche Erlebnis bringt Vater und Tochter jedoch nicht näher zusammen, im Gegenteil, Lucy und ihr Vater halten es kaum noch aus, im selben Raum zu sein. Während David drängt, den Überfall zu melden, besteht Lucy darauf, niemandem etwas davon zu sagen. David treibt dies fast in den Wahnsinn, erst recht als er herausfindet, dass Petrus einen der Täter kennt und deckt. Einerseits wird er in seinen Vorurteilen bestärkt und andererseits beginnt er sich selbst zu hassen, da er begreift, dass Lucy ihm heimlich vorwirft, mit Melanie damals etwas Ähnliches gemacht zu haben, wie ihr durch die drei Jungen widerfahren ist.

Kritikern von Coetzees Roman kann man entgegenhalten, dass dieser David Lurie durchaus nicht (nur) als Opfer darstellte. Lurie ist Opfer und Täter zugleich, ein arroganter, selbstsüchtiger Snob und verzweifelter Vater in einem. John Malkovich bringt diesen zwiespältigen Charakter seiner Figur sehr überzeugend zum Ausdruck und verweigert dem Zuschauer damit fast jegliche Identifikation mit dieser. Dies wiederum ist der Grund, warum der Film funktioniert, denn wäre Lurie ein sympathischer Typ, hätte der Film genau jene Einseitigkeit, die Kritiker dem Roman vorwarfen. Steve Jacobs lässt die Frage offen, ob Lucy falsch handelt, als sie den Angriff auf die Farm angesichts der Schuld der weissen Farmer als verständliche Handlung verzeiht. Einfache Antworten gibt auch der Film keine, auch er stellt nur schwierige Fragen. Und das ist gut so.

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© Studio / Produzent

Während Steve Jacobs Verfilmung von vielen Kritikern zurückhaltend gelobt wurde, regte sich aber nur bei wenigen grosse Begeisterung. Dies mag einerseits daran liegen, dass buchgetreue Literaturverfilmungen oft nicht das Tempo und die Dramaturgie haben, welche man sich sonst aus dem Kino gewohnt ist. Auch “Schande” ist langsam erzählt und lässt seine Bilder mehr sagen als seine Figuren, was teilweise eine ungewohnte Distanz zu diesen schafft. Andererseits ist diese Neutralität des Erzählstils für die Wirkung der Verfilmung zentral. Des weitern waren gerade englischsprachige Kritikern mit John Malkovich in der Hauptrolle eher unzufrieden, da er als internationaler Star nicht richtig in das sonst sehr unerfahrene Cast passen will und kaum ein Kritiker seinen etwas mangelhaften südafrikanischen Akzent unkommentiert liess. Dabei passt Malkovich wohl gerade deswegen so gut in die Rolle des David Lurie, weil auch dieser ein Fremder ist für die Figuren, mit welchen er im Film zusammentrifft. Die Wahl hätte eigentlich kaum besser sein können.

Ausstattung DVD

Anstatt eines konventionellen Making of sind auf der DVD Interviews und Seteindrücke getrennt zu finden. Kurze, und teils eher nichtssagende Interviews mit den Darstellern, dem Regisseur und der Crew lassen sich einzeln abspielen, das “Behind the Scenes” führt 10 Minuten lang ohne Kommentar durch die Pre-Production, die Dreharbeiten und die Post-Production. Etwas wackligere Setbilder sind dann noch in der B-Roll zu finden. Keine Wahnsinnsspecials, aber trotzdem einen Blick wert.

Seit dem 26. März 2010 im Handel.

Originaltitel: Disgrace (Südafrika, Australien 2008)            
Regie: Steve Jacobs
Darsteller: John Malkovich, Jessica Haines, Eriq Ebouaney, Antoinette Engel
Genre: Drama
Dauer: 114 Minuten
Bildformat: 2.35:1
Sprache: Englisch, Deutsch
Untertitel: Deutsch
Audio: Dolby Digital 5.1
Bonusmaterial: Interviews, Behind the Scenes, B-Roll, Trailer
Vertrieb: Praesens Film

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Lukas Hunziker

Lukas Hunziker ist Gymnasiallehrer für Deutsch und Englisch. In seinem Garten stehen drei Bäume, in seinem Treppenhaus ein Katzenbaum. Er schreibt seit 2007 für nahaufnahmen.ch.

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