“Ne te retourne pas” von Marina de Van

Identität in der Krise

“Ne te retourne pas” von Marina de Van

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Die Veränderungen in Jeannes Alltag beginnen langsam: Stand der Küchentisch tatsächlich schon immer waagrecht zur Wand? War die Couch schon immer silberfarben? Doch bald schon wandelt sich auch das Aussehen ihres Mannes, jenes ihrer Kinder, und schliesslich das ihrer selbst. Die Suche nach den Ursachen dieser  erschreckenden Transformationen wird zu einer Suche nach der eigenen Identität.

Von Simon Wottreng.

Jeanne ist daran, ihren ersten Roman über die eigene Kindheit zu schreiben. Dieses Projekt hat für sie deshalb eine spezielle Bedeutung, weil sie sich aus unerfindlichen Gründen an nichts vor ihrem achten Geburtstag Geschehene erinnern kann. Während sie sich krampfhaft die Vergangenheit vor Augen zu führen sucht,  geschehen seltsame Dinge, und nicht nur die Welt um sie herum scheint sich zu verändern, sondern auch sie selbst. Der Horror geht aber über die Verabschiedung der Verlässlichkeit unserer Sinne hinaus. Wenn Jeanne in den Spiegel schaut und ein fremdes Gesicht erblickt, so kommt auch dem Zuschauer der Graus ob der Vorstellung, nicht mehr zu wissen, wer man ist. Die letzte Rückzugsmöglichkeit, das Wissen um die eigene Identität, gerät ins Wanken. In “Ne te retourne pas” hindert uns die konsequent subjektive Erzählung aus Jeannes Perspektive daran, die Protagonistin als verrückt zu erklären, und erteilt jeder Objektivität eine Absage.

Spiegelbilder

Möglich ist diese Identifikation nur dank der starken schauspielerischen Leistung der beiden Filmdiven Sophie Marceau und Monica Belluci. Gerade aufgrund ihrer unterschiedlichen Spielweisen ist die Vereinigung zweier Identitäten in einem Körper – in einigen Szenen mittels Morphingtechnologie sogar bildlich dargestellt – besonders faszinierend und schockierend zugleich. Zu schockieren ist aber gar nicht das zentrale Anliegen der Regisseurin Marina de Van; vielmehr will sie die Mehrschichtigkeit von Identität visuell aufzeigen. Wir alle konstruieren unser Ich laufend neu, und dies erfordert manchmal nicht nur eine Abgrenzung von Anderem, sondern auch den Bruch mit bestimmten Teilen unserer Vergangenheit. Das Reizvolle an der Kinematografie ist nun, dass sie Inneres zu veräussern mag: Was in Jeanne vorgeht, steht ihr im wahrsten Sinne des Wortes ins Gesicht geschrieben.

Körper und Geist

Ihren ersten Erfolg als Regisseurin feierte de Van 2002 mit „Dans ma peau“, einem Film über Selbstzerstümmelung. Auch hier ging es um das Verhältnis von Geist und Körper, doch war es dies ein gewaltsames. In „Ne te retourne pas“ befasst sich de Van mit den psychologischen Konsequenzen der Unterdrückung von Vergangenem. Weshalb gelingt ihr das nur ein ansatzweise?

© Studio / Produzent
© Studio / Produzent

Einen guten Psychothriller machen drei Dinge aus: Ein Ereignis des Schreckens, eine überraschende Auflösung des Mysteriums und eine Analogie zu lebensweltlichen Problematiken. Ein solcher Anschlusspunkt lässt uns die fiktive Handlung – wenn auch manchmal unbewusst – in einer Weise unter die Haut gehen, wie es manch ein Horrorfilm trotz expliziter Bildsprache nicht zu tun vermag. “Ne te retourne pas” ist in dieser Hinsicht ein ambitiöses Unternehmen, doch scheitert der Film an seiner wenig packenden Auflösung und an seiner Länge. Ab einem gewissen Zeitpunkt hat auch der unaufmerksamste Zuschauer begriffen, wo Jeannes Problem liegt; die kontemplative Wiederholung identitätenverschränkender Horrormomente trägt weder zur Spannung der Erzählung bei, noch bereitet sie auf die mässig befriedigende Lösung des Rätsels vor.

Letzten Endes vermag 2Ne te retourne pas” nicht die Versprechen einzulösen, welche er uns während der ersten Viertelstunde macht. Schade, wären doch von der Story, über die Besetzung bis zur schönen Lichtführung alle Voraussetzungen für ein spannendes Psychodrama gegeben gewesen.


Seit dem 17. Juni 2010 im Kino.

Originaltitel: “Ne te retourne pas” (Frankreich 2009)
Regie: Marina de Van
Darsteller: Sophie Marceau, Monica Bellucci, Andrea Di Stefano
Genre: Psychodrama
Dauer: 111 Minuten
CH-Verleih: Frenetic

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