Margaret Atwood: “Das Jahr der Flut”

Was wäre wenn…

Margaret Atwood: “Das Jahr der Flut”

Mit ihrem neuen Roman hat es die preisgekrönte kanadische Autorin Margaret Atwood wieder einmal geschafft, einen Geniestreich auszuführen. “Das Jahr der Flut” ist ein unglaublich spannender, aber auch witziger Endzeitroman darüber, was mit der Menschheit geschieht, wenn all das passiert ist, was Umweltschützer und Kritiker der modernen Wissenschaft heutzutage befürchten.

Von Lisa Letnansky.

jahr der flut“Das Jahr der Flut” spielt in einer Zeit, in der die Klimakatastrophe bereits über die Welt eingebrochen ist. Eine Pandemie, die “wasserlose Flut”, hat vor kurzem die Menschheit erheblich reduziert; Toby steht allein auf dem Dach eines grossen Hauses, auf welchem sich noch Anzeichen für das rege Treiben vieler Menschen erkennen lassen. Verschiedene Umstände haben sie aus dem kleinen Häuschen ihres Vaters hierhin, auf den “Felsen Eden” gebracht, auf dem die Bio-Sekte, die sich “Gottesgärtner” nennt, in einer kleinen Kommune lebte, zu der auch Toby gehörte. Die anderen sind verschwunden, es tummeln sich nur noch farbige Kaninchen, Seide produzierende Spinnenziegen, einige Wakunks (eine Mischung zwischen Waschbär und Skunk) und andere Überbleibsel der Genmanipulation auf den einstmals üppigen Gemüsebeeten.

Die Welt, wie sie sein wird

Das einsame Leben scheint Toby anfangs nicht grossartig zu stören, sie war noch nie eine Person mit vielen Freunden und sozialen Kontakten. Bald muss sie jedoch bemerken, dass das Leben immer schwieriger wird und auch sie irgendwann auf die Hilfe anderer angewiesen sein wird; sie macht sich auf die Suche nach alten Freunden oder doch zumindest Menschen, die sie nicht ausrauben und vergewaltigen, sondern einander helfen wollen, was sich als äusserst schwieriges und gefährliches Unterfangen herausstellen wird.

Das, was “Das Jahr der Flut” ausmacht, ist aber nicht der Plot, der zwar unheimlich spannend und abwechslungsreich ist, sich aber nicht erheblich von anderen Endzeitgeschichten unterscheidet. Es ist die Darstellung der Gesellschaft und der Welt, wie sie vielleicht mal sein wird, die einen in ihren Bann zieht und die Gedanken noch Tage nach der Lektüre beflügelt.

Konzerne an der Macht

Auch wenn es Atwoods Geschichte durchaus nicht an Witz, Ironie und Phantasie fehlt, ist die grundlegende Darstellung der möglichen Zukunft eindeutig pessimistisch. Die Welt ist nicht mehr, was sie einmal war, viel Schönes ist von der Bildfläche verschwunden und durch grotesk anmutende Surrogate ersetzt worden. Nicht mehr Präsidenten, Staatsoberhäupter oder gar das Militär leiten die Geschicke der Gesellschaft, sondern grosse Konzerne, die ihre Tentakel der Macht bis in die alltäglichsten Aktivitäten der Menschen strecken. Eine herkömmliche Polizei wurde schon vor langem abgeschafft und die von den Konzernen geleitete und daher äusserst korrupte Sicherheitsgruppe “CorpSeCorps” greift nur dann ein, wenn es für die Konzerne von Nutzen ist. Dass Feuerwaffen verboten wurden, macht für die Sicherheit der Menschen keinen grossen Unterschied. Die Strassen werden dennoch von Gewalt und Unterdrückung geprägt, und wenn es sein muss, bringt man sich halt mit blossen Händen um.

Endzeit- und Gesellschaftsroman

Trotzdem gibt es aber in dieser Welt, in der fast alles Schöne heimlich und im Stillen getan werden muss, auch Freundschaft, Liebe und Leute, die zusammenhalten und so bestehen können. So betrachtet, ist „Das Jahr der Flut“ nicht nur ein Endzeit-, oder Science-Fiction-Roman, sondern auch ein Gesellschaftsroman, der aufzeigt, wie die Menschheit in einer gar nicht so abwegigen Zukunft funktionieren könnte.

Dass es ihr mit ihrer grundlegenden Botschaft trotz der Ironie und des ausgeklügelten Plots durchaus ernst ist, bekundet Margaret Atwood auch auf der Internetseite, die zum Roman aufgeschaltet wurde (www.yearoftheflood.com). Dort lassen sich nicht nur viele Promo-Artikel wie T-Shirts und Ähnliches finden, man kann dort auch seinen persönlichen  “ökologischen Fussabdruck” messen. Ausserdem wurden auch einige Lieder der Gottesgärtner vertont und es gibt viele weitere interessante Hintergrundinformationen zu entdecken. “Das Jahr der Flut” bildet so nicht nur einen wichtigen Beitrag zur zeitgenössischen Literatur, sondern auch zum Klima- und Zukunfts-Diskurs überhaupt.


Berlin Verlag
478 Seiten, ca. CHF 33.90

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