“Wendy and Lucy” von Kelly Reichardt

Ein Hund, ein Auto und eine Handvoll Dollars

“Wendy and Lucy” von Kelly Reichardt

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Ihr Ziel ist Alaska. Ihr Auto ist ihr einziger wertvoller Besitz. Ihr soziales Netz besteht aus einem Hund und einem Wachmann. – Durch ihr minimalistisches Drama streut Kelly Reichardt wie nebenbei Salz in die Wunden einer USA jenseits des Landes der unbegrenzten Möglichkeiten.

Von Sandra Despont.

Nach Westen, nach Norden, nach Alaska. Wie so viele vor ihr versucht Wendy durch die Reise an den Rand der Zivilisation ein besseres Leben anzufangen. Doch in Oregon ist die Reise bereits zu Ende. Ihr Auto gibt den Geist auf, für die Reparatur reicht das Geld nicht und bald auch nicht mehr für das Hundefutter. Doch erst als sie solches stiehlt und dabei erwischt wird, kommt es zur wirklichen Tragödie: Wendys Hündin Lucy verschwindet.

Die Stärke im Nebenbei

Wendy bewegt sich in einer Welt ohne die Sicherheiten, in denen wohlstandsverwöhnte Bürger und Bürgerinnen der Vereinigten Staaten ihr sorgenfreies Leben führen. Im ländlichen Oregon ist Hollywood, sind Superstars und unbegrenzte Möglichkeiten allenfalls ein Gerücht. Hier ist ein Amerika, in dem Menschen an der Grenze zur Armut ein anständiges Leben zu führen versuchen. Ein Amerika, in dem Solidarität und Egoismus hart aufeinander prallen, in dem Hilfsbereitschaft und die Rücksichtslosigkeit von Gesetzen und Regeln einen hübschen kleinen Hindernisparcours für alle darstellen, die ihr Leben in Freiheit leben wollen. Hier bleibt die Aussenseiterin Wendy erst einmal stecken, als ihr Auto den Geist aufgibt und klar wird, dass die Reparatur weit jenseits ihrer finanziellen Möglichkeiten liegt. Während Wendy, nachdem sie beim Klauen von Hundefutter erwischt worden ist, auf dem Polizeirevier festgehalten wird, verschwindet auch noch ihre einzige treue Gefährtin, die Hündin Lucy. In intimen und beklemmenden Bildern zeigt Kelly Reichardt Wendys Suche nach Lucy. Wie nebenbei blitzen Momente der Freundschaft, der Hoffnung, der Verzweiflung und der Ernüchterung auf. Wie nebenbei spricht dieser Film hochaktuelle soziale und damit auch politische Themen an, die die heutigen USA umtreiben. Und genau darin liegt die Stärke von „Wendy und Lucy“.

© Studio / Produzent
© Studio / Produzent

Versöhnliches Ende? Vielleicht. Irgendwann mal.

„Wendy and Lucy“ ist eine Art Momentaufnahme. Nichts wissen wir über Wendy, als wir sie mit ihrem Auto, mit ihrer Hündin und einer Handvoll Dollars in Oregon einfahren sehen. Nichts wissen wir über ihre Motive, ausgerechnet nach Alaska zu gehen. Dass ihre Familie ihr keinen Halt gibt, wird in Telefongesprächen bloss andeutungsweise klar. Es könnten beliebige Tage im Leben einer gesellschaftlichen Aussenseiterin sein, die wir hier sehen. Das authentische Spiel Michelle Williams’ lässt einen als Zuschauer wie ein Voyeur fühlen, der intime Einblicke in ein Leben auf einer sehr niedrigen Sprosse der sozialen Leiter kriegt. Nur der Verlust des Autos und das Verschwinden von Lucy heben diese Momente als besonders hervor. Doch Kelly Reichardt will ihren Zuschauern trotz stimmigen, atmosphärischen Bildern keine Sozialromantik vermischt mit leicht verdaulicher Sozialkritik servieren. Dies wird durch den plötzlichen und unerwarteten Schluss von „Wendy und Lucy“ mehr als deutlich. Indem die Regisseurin ein versöhnliches Ende wenn auch nicht gerade verweigert, so doch weit über den Zeithorizont des Films hinausschiebt, deutet sie nur umso erbarmungsloser auf die wirklichen Geschichten von Menschen wie Wendy und Hunden wie Lucy. Damit ist Reichardt ein Stück Sozialkritik gelungen, die gerade wegen ihrer Unscheinbarkeit und Unaufdringlichkeit mehr berührt als reisserische Aufklärungsfilme, in der eine krasse Szene der nächsten folgt.

Still und ruhig

„Wendy und Lucy“ ist bestimmt nicht jedermanns Sache. Der introvertierte und einzelgängerische Charakter Wendys, ihre Schroffheit und die Kargheit der Handlung werden von Reichardt in ruhigen, bedrückenden, nur ab und zu von unerwarteter, berührender Schönheit durchbrochenen Szenen umgesetzt. Weiter entfernt von Popcornkino kann ein amerikanischer Film kaum sein. Dafür ist „Wendy und Lucy“ näher an der Wirklichkeit zahlloser Menschen in den USA, für die Kapitalismus und Finanzkrise mehr als bloss Gesprächsmaterial für wohltemperiertes Jammern während dem Galadiner sind.

Die Extras sind, abgesehen von einem etwas eigenwilligen Interview mit Regisseurin Kelly Reichardt, ebenfalls eher karg. Kurzgeschichten auf dem Fernsehbildschirm zu lesen bereitet halt trotzdem nur begrenztes Vergnügen.


Seit dem 23. April 2010 im Handel.

Originaltitel: Wendy and Lucy (USA 2008)            
Regie: Kelly Reichardt
Darsteller: Michelle Williams, Walter Dalton, Will Oldham, John Robinson, Larry Fessenden, Will Patton
Genre: Drama
Dauer: 85 Minuten
Bildformat: 16:9
Sprachen: Englisch
Untertitel: Deutsch
Audio: Dolby Digital 2.0
Bonusmaterial: Interview mit Kelly Reichardt, Trailer, Kurzgeschichten „Train Choir“ und „Old Joy“ von Jon Raymond.
Vertrieb: Praesens

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