NIFFF 2010 – Sonntag

Türen zur Wohnung alter Freunde

NIFFF 2010 – Sonntag

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Ans NIFFF zurückzukehren ist jedes Jahr ein wenig, als würde man einen alten Bekannten besuchen. Mehreren zehntausend Besuchern zum Trotz wirkt das Festival am Neuenburger See immer noch, als werde es von einer elend verschlissenen, aber erzbequemen Couch aus organisiert – die Aura des Improvisierten, des Handgemachten und die Von-Fans-für-Fans-Attitüde bleibt bei allem Wachstum ungebrochen.

Von Christof Zurschmitten.

Nachdem die Sponsoren finanzkrisengebeutelt dieses Jahr darauf verzichteten, ihre Trailer zu aktualisieren, war es erst recht ein Heimkommen – offensichtlich für einen Grossteil des Publikums, das die im Verlauf des Festivals hundertfach gezeigten Werbebotschaften live mitsynchronisiert. (Nichts gibt einem so sehr das Gefühl von Heimat wie eine Hunderschar von Leute, die auf Kommando unisono ein Grabesgelächter anstimmen.) Einem alten Freund wie dem NIFFF verzeiht man denn auch bereitwillig vieles – die notorische Launigkeit der liebevoll „Yoshi“ genannten Ticketscanner etwa, oder die eine oder andere ad hoc-Lösung alljährlich wiederkehrender administrativer Probleme. Und so war man denn auch nicht wirklich erstaunt oder verärgert, als der erste Film auf der Leinwand des sympathisch überdimensionierten Openair-Kinos zur Hälfte in ein schwammiges Wabern versank, das einen Mitleid mit allen betrunkenen Kurzsichtigen dieser Welt lehrte. Nichts, was in der Pause nicht mit etwas gutem Willen und grosszügigem Einsatz von Putzmittel hätte behoben werden können – vergeben und vergessen.

Dieselbe Versöhnlichkeit ist auch die gesündeste Haltung vielen Filmen des Festivals gegenüber. Das NIFFF ist nicht Fundort makelloser Brillanten, es ist eher ein Trödelmarkt, dessen Schätze Dellen und Furchen aufweisen, damit aber auch Charakter. Mit dieser Einstellung lässt sich auch „Die Türe“, die das Openair-Kino in der diesjährigen Austragung eröffnete, durchaus empfehlen.

Dabei sind die Stärken des metaphysischen Thrillers von Regisseur Anno Saul offenkundig, stehen sie doch bereits im Vorspann: Mads Mikkelsen, Jessica Schwarz und, in einer markanten Nebenrolle, Heike Makatsch. Eine solche Besetzung könnte einiges stemmen, auch wenn die dem Roman „Die Damalstüre“ entnommene tragende Idee durchaus ihrerseits auch solide ist (originell ist sie dagegen nicht; auch beim Duchstöbern einer beliebigen Sci-Fi-Short Story-Sammlung oder beim Besuch der „Twilight Zone“ hätte man ohne weiteres auf sie stossen können): Ein Mann (Mikkelsen), dessen Leben durch sein eigenes Verschulden dem Abgrund entgegentaumelt, bekommt eine zweite Chance, als ihn eine mysteriöse Türe in seine eigene Vergangenheit führt. Dass   eine solche Verletzung der Regeln des Kosmos und Karmas teuer erkauft wird, versteht sich freilich ebenso von selbst, wie die Tatsache, dass Drehbuch und Regie den Mann nicht einmal gestraft von Gewissensbissen, Ängsten und anderweitigen Leiden davon kommen lassen.
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Man könnte sich „Die Türe“ nach einem von zwei Modellen gebaut vorstellen: Das eine, nennen wir es das kafkaeske, geht seinen metaphysischen Elementen nicht weiter auf den Grund; sie dienen lediglich als eine Art Katalysator, der in ein konkretes Milieu eingeführt alle grundlegenden Konstellationen, alle zwischenmenschlichen und persönlichen Dramen anheizt und sie damit deutlicher erfahr- und beobachtbar macht. Das zweite Modell wäre das à la Shymalayan, der das Fantastische wie eine Kriminalgeschichte oder einen Witz behandelt, das es über die gesamte Dauer des Films hinweg zu ent- und in einer Schlusspointe endgültig aufzudecken gilt.

Wenig erstaunlicher Weise ist Sauls Film dort am Stärksten, wo er dem ersten Modell folgt und sich kaum für seine grundlegenden Geheimnisse interessiert – in diesen magisch-sozialrealistischen Momenten kann das Schauspielensemble aus seinem gewohnten Repertoire und damit aus den Vollen schöpfen und bietet die Ansätze zu einigen faszinierenden Charakterstudien. Wie viele fantastische Filme, die unter ihren Möglichkeiten bleiben, leidet „Die Türe“ aber letztlich unter Unentschlossenheit: Unzufrieden damit, es beim Erforschen der menschlichen Psyche bleiben zu lassen, öffnen sich die Pforten schliesslich doch noch zur Erklärung hin, die sich hier einmal mehr als natürlicher Feind des Fantastischen erweist. So kommt Unplausibität zu Unplausibilät, Pseudo-Logik auf Pseudo-Logik, bis sich der gesamte metaphysische Mist irgendwann bis zur Deckenventilation türmt und in einem leidlich deplatzierten und unfreiwillig komischen (da unterfinanzierten) Action-Finale zur Explosion kommt.

Eines muss man dem Film immerhin zugute halten: Auch wenn er nicht immer weiss, wann er es gut sein lassen soll, so weiss er doch zumindest, wann er besser das Maul hält. „Die Türe“ reflektiert in seinen vielen guten Szenen jene Sensibilität für die Leerstelle, die ausgehend von der Berliner Schule viele  der besten deutschen Filme der letzten Jahre kennzeichnet. Für dieses Feingespür, das in ein potentiell reisserisches Material einzubringen durchaus Mumm braucht, verzeiht man dem Film bereitwillig einiges.

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Trailer zu “Die Tür”

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