“Wer weiss denn mehr über das Leben Lew Tolstois als ich?“ – Ein Interview mit der Frau des Grafen Tolstoi

Krieg und Frieden im Hause Tolstoi

“Wer weiss denn mehr über das Leben Lew Tolstois als ich?“ – Ein Interview mit der Frau des Grafen Tolstoi

Jasnaja Poljana, das Gut der Tolstois

Unaufhörlich zieht am Morgen des 7. November 1910 der Menschenstrom an Lew Tolstois Totenbett vorbei, jeder will ihm die letzte Ehre erweisen. Der Zar der russischen Literatur beeinflusst zeitlebens und bis heute nicht nur die Bevölkerung seiner Heimat. Doch wer war „Ljowotschka“? Seine Ehefrau und Stütze, Sofja Tolstaja, gibt in diesem imaginärem Interview Auskunft.

Von Stephanie Santschi

Nahaufnahmen: Sofja Tolstaja, als Mädchen bewunderten Sie den Grafen Tolstoi, einen gern gesehenen Gast Ihrer Eltern sehr. Wer war er zu dieser Zeit?

Sofja Tolstaja: Lew Tolstoi war ein junger Mann auf der Suche nach seinem Platz in Leben und Literatur. Dort warf er so ziemlich alles, was man bisher gewohnt war, über den Haufen: Es bereitete ihm sichtliches Vergnügen, bei einer Diskussion genau das Entgegengesetzte seines Gesprächspartners zu behaupten.
Und er hatte sich in den Kopf gesetzt, möglichst bald zu heiraten. Er verliebte sich in mich, und ich akzeptierte seinen Antrag.

Er riet Ihnen, den Antrag aber abzulehnen, sollten nur die kleinsten Zweifel an Ihrer Liebe zu ihm bestehen. Mit einer Absage könne er leben, nicht aber mit einer unaufrichtigen Liebe. Schreckte Sie dies nicht ab?

Es gab gewiss Momente, in denen ich zweifelte. Nachdem er den Entschluss gefasst hatte, von nun an sein ausschweifendes Leben gegen ein ehrbares Dasein einzutauschen, schien er von mir dafür eine Art Absolution zu erwarten. Er gab mir seine Tagebücher, in denen er all die Laster seines früheren Lebens festgehalten hatte. Die Lektüre dieser Tagebücher erschütterte mich tief und ich weinte sehr, nachdem ich in seine Vergangenheit geblickt hatte. Diese verschwand niemals aus meinem Herzen, und mein ganzes Leben litt ich darunter. Trotzdem war ich sicher, ihn auch zu lieben und so gab es zu diesem Zeitpunkt kein Zurück mehr.

Wie sahen Ihre ersten gemeinsamen Jahre aus?

Unser Leben in Jasnaja Poljana [dem Hofgut Tolstois] war in den ersten Jahren sehr zurückgezogen. Wir hatten kaum Interesse an Gesellschaft und Staat. Was uns erfüllte war die Arbeit am Roman „Krieg und Frieden“. Wir verfolgten die Lebenswege dieser Figuren, als ob sie lebendig seien. Das Leben war erfüllt und glücklich durch unsere gegenseitige Liebe, die Kinder und die Arbeit. Ich strebte nach nichts anderem. In seinen Tagebüchern aber kündigte sich immer wie stärker eine Fortsetzung seiner fortwährenden Suche nach dem Sinn des Lebens an.

Sie lasen jeweils die Tagebücher des Anderen?

Ja. Wir waren beide überzeugt, keine Geheimnisse vor dem Anderen haben zu dürfen. Deshalb schrieben wir auch immer im Bewusstsein, dass der andere mitliest und auf das Geschriebene reagieren wird. Leider tendierten wir deshalb auch dazu, unaufrichtiger zu werden…
Später in unserer Beziehung wurde das Tagebuch dann auch zur Waffe. Das Geschriebene wurde absichtlich dazu verwendet, den anderen zu verletzen.

Es kriselte also immer mehr in Ihrer Ehe. Was war der Auslöser?

Ab dem Alter von 49 Jahren durchlebte Leo grosse geistige Krisen. Weltweit als einer der grössten Schriftsteller gefeiert, fühlte er sich „am Abgrund angelangt“. Wie eine Wetterfahne drehte er sich ideologisch einmal hier-, einmal dorthin. Ich und die Kinder konnten ihm beim besten Willen nicht überall hin folgen.
Die Entzweiung zwischen uns vollzog sich nicht, weil ich mich seelisch von ihm entfernte, mein Leben blieb unverändert. Er entfernte sich, zwar nicht körperlich, aber in seinen Schriften und Predigten. Mit persönlichem Einsatz meinte er, alle Menschen retten zu können. Uns, seiner Familie, schien er immer mehr hinter seine Literatur zu entschwinden.

Trotzdem hielt Ihre Ehe bis zu seinem Tod?

Kurz bevor er starb stritten wir immer heftiger über die Verlagsrechte an seinen Büchern, drohten gegenseitig mit Verlassen und Selbstmord. Am 28. Oktober 1910 war es schliesslich so weit: Mein Ljowotschka flüchtete von Jasnaja Poljana und erkrankte während der Reise tödlich. In der Bahnstation Astapowo, in dem er untergebracht wurde, versammelten sich etliche fremde Menschen um meinen dahinscheidenden Mann. Mich liess man erst zu ihm, als er kaum mehr atmete. Nach zwei Seufzern des Zweiundachtzigjährigen verliess ihn schliesslich das Leben.
Lew Tolstoi wurde auf Jasnaja Poljana beerdigt und ganz Russland trauerte. Ich folgte meinem Mann neun Jahre später.


Dieses fiktive Interview entstand anlässlich des 100. Todestages Leo Tolstois. Es war möglich aufgrund der genauen Dokumentation seiner Ehe: In den Tagebüchern und zeitgenössischen Berichten wird das Ehepaar Tolstoi differenziert beschrieben und reflektiert.

Literatur zum Thema:
Sofja Tolstaja (2008), Eine Frage der Schuld – Anlässlich der Kreutzersonate von Leo Tolstoi, Manesse Verlag Zürich.

Ursula Keller, Natalia Sharandak (2009), Sofja Andrejewna Tolstaja – Ein Leben an der Seite Tolstois, Insel-Verlag Frankfurt a. M. und Leipzig.


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