NIFFF 2010 – Dienstag

Racheengel und böses Antischuppenshampoo

NIFFF 2010 – Dienstag

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Der dritte Tag am NIFFF bescherte Begegnungen mit Zombieclowns, unfreiwillig vom Boden abhebenden Menschen, einer beeindruckenden neuen Animationstechnik und einem ersten grossen Highlight des asiatischen Wettbewerbs.

Von Lukas Hunziker

Der dritte Tag am NIFFF begann, wo der zweite geendet hatte: in Quebec. Der Einblick in das frankokanadische Filmschaffen hatte am Abend zuvor mit dem beklemmenden Horrorthriller “5150 Rue des Ormes” begonnen, am Dienstag nun flimmerten im Théatre du Passage fünf quebecische Kurzfilme über die Leinwand. Das Quebecois, welches in zweien davon gesprochen wurde, zwang wegen fehlender Untertitel sogar das französischsprachige Publikum zum konzentrierten Mithören; wer des “normalen” Französischen schon nicht wirklich mächtig war, konnte nur raten, warum die drei Protagonisten des ersten Kurzfilms “L’Homme et la Bête” auf einen Waschbären schossen, der sich in ihrem Keller eingenistet hatte, und warum die Hauptfigur von “Noir” nachts nicht schlief. Nicht schwer zu verstehen – da Zombies nun mal ein recht begrenztes Vokabular besitzen – war die Geschichte eines Clowns, welcher als lebender Toter zurückkehrt und an Menschenfleisch (rohem wie gebratenem) Geschmack findet. Ebenfalls mit wenig Worten kam der surreale Kurzfilm “Next Floor” aus, in welchem sich eine Tischgesellschaft am Fleisch diverser Tiere gütlich tut und dabei mitsamt Tisch und Tischgedeck langsam durch die Böden der zahlreichen Etagen eines Hochhauses bricht, bis sie ins Unendliche fällt. So originell und herrlich abstrus diese Parabel auf die westliche Konsumgesellschaft war, der beste Film blieb der fünfte. In “Léger Problème” beginnt der Körper des Protagonisten der Schwerkraft zu trotzen und hebt immer wieder und immer weiter vom Boden ab, bis er schliesslich wie ein Ballon unweigerlich in den Himmel steigt.

Nicht ohne ihre Tochter

“Bedevilled” war nach “Mutant Girls Squad” der zweite Film des asiatischen Wettbewerbs und sogleich ein möglicher Anwärter auf den Preis des besten asiatischen Films. Der südkoreanische Film vereint Drama, Sozialkritik und Gore in einer bewegenden Geschichte um zwei Frauen, welche das Leben in zwei komplett gegensätzliche Richtungen getrieben hat. Hae-won arbeitet in einer Bank in Seoul und führt das Leben einer karriereorientierten und knallharten Geschäftsfrau. Als sie nach einem Ausrutscher am Arbeitsplatz für einige Tage suspendiert wird, beschliesst sie, ihrer Jugendfreundin Boj-nam einen Besuch abzustatten. Diese lebt noch immer auf der abgeschotteten Insel, auf der die beiden aufgewachsen sind, und auf der das moderne Leben noch nicht wirklich angekommen ist. Die wenigen verbliebenen Inselbewohner – fünf Frauen, drei Männer und ein Kind – leben vom Kartoffelanbau und vom einzigartigen Honig. Das Szepter haben die Dorfälteste und die beiden Männer in der Hand – nach ihren Regeln wird gelebt, ein anderes Gesetz gibt es nicht.

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Während der Woche, die Hae-won auf der Insel verbringt, überstürzen sich jedoch die Ereignisse. Boj-nam, die seit Jahren von den älteren Frauen gedemütigt und von ihren Mann geschlagen und misshandelt wird, bittet Hae-won, ihr zur Flucht zu verhelfen, da sie vermutet, dass sich ihr Mann in Kürze an ihrer Tochter vergreifen wird. Der Fluchtversuch misslingt jedoch und als ihr Mann Boj-nam ins Dorf zurückprügelt, schubst er die zu Hilfe eilende Tochter weg, worauf sie  mit dem Kopf auf einem Stein aufschlägt und  augenblicklich tot ist. Als die Dorfbewohner bei der Untersuchung der Polizei  geschlossen aussagen, das Mädchen sei gestürzt, wird es zu viel für Boj-nam: Sie wird von der braven Ehefrau, die alles Leid erduldet, zum Racheengel.

“Bedevilled” nimmt sich geschickt die Zeit, das blutige und unvergessliche Finale psychologisch glaubhauft und eindrücklich aufzubauen. Ähnlich wie bei Lars von Triers “Dogville” treibt der Film ein teuflisches Spiel mit den Zuschauern, indem er genau jenes schreckliche Ende heraufbeschwört, dass man sich 90 Minuten lang wünscht. Jang Cheol-so ist ein beeindruckender, bewegender Film gelungen, der zeigt, dass Horror und Gore durchaus mit sozialkritischen und psychologisch durchdachten Stories vereinbar sind. Wer die Chance noch hat, den Film am NIFFF zu sehen, soll sie ergreifen, ansonsten Ausschau halten nach einer eventuellen DVD.

Gedankenkontrolle statt Schuppenbekämpfung

Das Open-Air Kino zeigte am Dienstag einen besonderen Leckerbissen des Animationskinos. Für “Metropia”, einem düsteren Thriller über eine Weltverschwörung in der nahen Zukunft, wurden Fotos von menschlichen Gesichtern digital animiert und auf die verhältnismässig kleinen Körper der Figuren gesetzt. Das Resultat sieht, obwohl es komplett digital erzeugt wurde, wie eine Mischung aus Realfilm und Puppentrick aus. Optisch ist “Metropia” tatsächlich sehr reizvoll; die Atmosphäre eines durch den Klimawandel kaum wiedererkennbaren Europas, in welchem sich kaum noch jemand im Freien aufhält, ist exzellent gelungen und die Animation der Figuren verblüfft bis zum Schluss. Nicht ganz so überzeugend ist hingegen die Story: Roger, ein Büroangestellter (gesprochen von Vicent Gallo) kommt zusammen mit der mysteriösen Nina einer Verschwörung auf die Spur, deren Ziel die Gedankenkontrolle der europäischen Bevölkerung ist. Uber ein Antischuppenshampoo wird den ahnungslosen Bürgern ein Stoff verabreicht, über welchen Befehle als “innere Stimme” in deren Köpfe abgegeben werden können.

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Die Aufgabe von Roger und Nina ist – wen wundert’s – die Zentrale des Europäischen U-Bahn Systems Trexx, von wo aus die Stimmen in den Köpfen der Leute erzeugt werden, zu zerstören. Leider fehlt es beim Ausführen dieser Mission an Spannung und Wendepunkten und die Details und Dialoge nehmen der Handlung immer wieder Tempo. Die Stimmung und die ungewöhnliche Animationstechnik machen “Metropia” aber durchaus sehenswert.

Im Netz
Trailer zu “Metropia”

Lukas Hunziker

Lukas Hunziker ist Gymnasiallehrer für Deutsch und Englisch. In seinem Garten stehen drei Bäume, in seinem Treppenhaus ein Katzenbaum. Er schreibt seit 2007 für nahaufnahmen.ch.

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