NIFFF 2010 – Mittwoch

“You are a good boy – cut out his heart!”

NIFFF 2010 – Mittwoch

strigoi 2

Am Mittwoch hatten die Vampire am NIFFF ihren Auftritt – allerdings nicht die durchtrainierten aber abstinenten Cullens aus der “Twilight-Saga”, sondern gute alte Blutsauger aus Osteuropa, sogenannte “Strigoi”, über die sich eifrig kochende Hausfrauen am meisten nerven. Weniger überzeugen konnte der Thriller aus Kasachstan, der konsequent den Ast absägte, auf dem er sass.

Von Lukas Hunziker.

In der rumänischen Folklore kennt man Vampire auch in einer Light-Version: als  Strigoi. Diese saugen ihren Opfern nicht immer gleich das Blut aus, sondern machen sich erst einmal über den Kühlschrank her und nehmen, bevor man sie vertreibt, noch ein Glas saure Gurken mit. “Strigoi” ist der einzige Vampirfilm im internationalen Wettbewerb am NIFFF 2010, und ein seltener Fall einer gelungenen Vampirkomödie. Vlad, ein junger Rumäne, kehrt darin nach einem längeren Aufenthalt in Italien in sein Dorf zurück, und findet dort als erstes einen Toten vor. Da Vlad Medizin studiert hat, merkt er schnell, dass dieser allerdings keines natürlichen Todes gestorben ist, und beginnt Nachforschungen anzustellen. Der Hauptverdächtigte ist, wie immer, Bürgermeister Constantin Tirescu, der aus dem kommunistischen Ceauşescu-Regime als reicher Landbesitzer hervorging. Als sich Vlad sich aufmacht, diesen zu befragen, weiss er nicht, dass die Dorfbewohner in einige Tage vorher in einem Akt der Selbstjustiz zusammen mit seiner Frau ermordet haben.

Obwohl in “Strigoi” wenig Blut aus Hälsen gesaugt wird, kommt das Blutsaugen als Metapher hier wieder einmal richtig zum Zug. Während zu Beginn des Films nur der reiche Constantin Tirescu für einen Strigoi gehalten wird, entpuppen sich im Lauf des Films immer mehr Dorfbewohner als Strigoi, wenn auch nicht als untote. Bei seinen Ermittlungen entdeckt Vlad, was sein Dorf neben dem blutsaugenden Bürgermeisterehepaar am meisten beschäftigt: die Unstimmigkeiten bei der Landverteilung nach dem Ende des Kommunismus. Im Kampf um das Land saugen bzw. nehmen sich alle im Dorf ein bisschen aus, (blut)leer ausgehen will niemand. Eine der wichtigsten Fragen, die sich Vlad während seinen Ermittlungen stellt, ist jene nach der Schuld des Bürgermeisters. War er tatsächlich so schlimm, wie alle behaupten, oder wirklich nur ein Sündenbock? Durch seine Erschiessung durch die Dorfbewohner nimmt er in der Handlung natürlich die Stellung Ceauşescus ein (der ebenfalls von einem Schiesskommando hingerichtet wurde), wodurch die Fragen, die Vlad an ihn stellt, auch an Rumäniens kommunistischen Diktator gestellt werden.

strigoi 1

“Strigoi” ist jedoch weit davon entfernt, einfach nur politische Allegorie zu sein. Auch als leichtfüssige, sich zum Rhythmus folkloristischer Klänge bewegende Komödie ist der Film ein Genuss. “Strigoi”, eine englische Produktion,  wurde mit rumänischen Schauspielern gedreht, durch deren teil starker Akzent der Film zusätzlichen Sprachwitz geling – Polanskis “Tanz der Vampire” lässt grüssen. Damit man “Strigoi” allerdings restlos geniessen kann, sollte es einem egal sein, wenn nicht immer alles erklärt wird – so ganz blickt man durch die Handlung auch am Schluss nicht durch. Dies liegt nicht zwingend am Drehbuch, denn Regisseurin Faye Jackson war gerade deshalb von den Strigoi so fasziniert, dass sie ziemlich widersprüchliche Wesen sind, deren Handeln keiner erkennbaren Logik folgt. So kümmert es die Bewohner von Vlads Heimatdorf nicht im Geringsten, ob denn  jetzt alle Strigoi endgültig in ihren Gräber ruhen. Solange die Frau des Bürgermeisters Vlad seinen Schokoladenkuchen nicht wegisst und zumindest schon mal bei einem Strigoi das Herz herausgeschnitten und verbrannt wurde, ist das quasi schon ein Happy End, das Grund genug ist, wieder mal ein bisschen zu tanzen.

Zu Tode erklärt

Auf dieses zweite Highlight des internationalen Wettbewerbs folgte die vielleicht grösste Enttäuschung. Der kasachische Thriller “Strayed” ist der wohl beste existierende Beweis dafür, dass Erklärungen für mysterische Ereignisse eigentlich fast immer eine Enttäuschung sind, da sie nun mal etwas Faszinierendes entzaubern. Dabei beginnt der Film eigentlich mit einer vielversprechenden Ausgangslage: ein Mann, seine Frau und ihr Kind fahren mit dem Auto durch eine karge, kasachische Wüstenlandschaft. Nach einiger Zeit bemerken sie, dass sie dieselbe Stelle zweimal passiert haben, was unmöglich scheint, da sie nie von der Strasse abgekommen sind. Sie halten an, streiten und schlafen schliesslich ein Weilchen im Auto. Als der Mann aufwacht, sind Frau und Kind verschwunden. Dafür sieht er in der Ferne eine kleine Hütte, deren Bewohner, ein älterer Mann und eine junge Frau, ihn bewirten. Die beiden sind dem Mann jedoch ebenso wenig geheuer, wie der Ort, an dem er sich befindet. Als er versucht, zu Fuss die Hauptstrasse zu erreichen, führt in die Strasse erneut nur wieder zu seinem Auto: Er ist gefangen auf einem winzigen Fleck Erde.

strayed

Bis zu diesem Zeitpunkt erinnert “Strayed” in seinen besten Momenten sogar an die Filme Tarkovskys – Anlehnungen an “Solaris” oder “Stalker” entdeckt man schon relativ früh. Umso grösser ist der Frust, als der Film in den letzen gut 20 Minuten zu einem Erklärungsrundumschlag ansetzt, mit der wohl übelsten Erklärung, die man sich denken kann: alles war nur Einbildung. In wenigen Minuten wird die Spannung, die der Film sorgfältig und gut aufgebaut hat, zerstört und dem Film  jeder Reiz genommen. Alles wäre besser gewesen, als dieser Schluss – hätte “Strayed” kurz vor seiner haarsträubenden Auflösug einfach ausgeblendet und den Nachspann abgespielt, hätte er durchaus Aussenseiterchancen auf den Jurypreis gehabt. So jedoch hat er wenig Chancen, auf das Filmschaffen Kasachstan aufmerksam zu machen.


Im Netz
Trailer zu “Strigoi”
Trailer zu “Strayed”

Lukas Hunziker

Lukas Hunziker ist Gymnasiallehrer für Deutsch und Englisch. In seinem Garten stehen drei Bäume, in seinem Treppenhaus ein Katzenbaum. Er schreibt seit 2007 für nahaufnahmen.ch.

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