NIFFF 2010 – Kritik zu “The Killer Inside Me”

The Problems Inside of The Movie

NIFFF-Film im Fokus: “The Killer Inside Me”

killerinsideme2 Michael Winterbottoms Psychopathen-Portrait “The Killer Inside Me” hat seit seiner Premiere an der Berlinale an allen Ecken und Enden für rauchende Köpfe und hitzige Diskussionen geführt. Auch am NIFFF 2010, an dem er gezeigt wird, wusste er die Gemüter zu bewegen – zwei Meinungen zum Film und seiner Fragwürdigkeit.

Meinung 1 – Wozu das Ganze?!

Von Lukas Hunziker.

Obwohl sie es nicht gerne zugeben, Frauen haben’s gern, wenn man Ihnen so richtig den Hintern versohlt. Dies ist zumindest in Michael Winterbottoms neustem Film “The Killer inside Me” der Fall, welcher Gewalt gegen Frauen zwar nicht wirklich gutheisst, aber trotzdem sehr problematisch auf die Leinwand bringt. Sheriff Lou Ford, gespielt und unverkennbar gesprochen von Casey Affleck, beginnt im ländlichen Texas der 50er Jahre eine leidenschaftliche Affäre mit der Prostituierten Joyce. Diese wird von Jessica Alba verkörpert (leider das treffendere Wort als ‘gespielt’), welche statt schauspielerischem Können vor allem viel nackte Haut zeigt und kaum je angezogen zu sehen ist. Als sich für Lou jedoch die Chance ergibt, den Sohn des vermutlichen Mörders seines Bruders in Joyces Haus zu ermorden, zögert er keine Sekunde, Joyce ebenfalls umzubringen und so die beiden Morde wie einen Streit zwischen den beiden aussehen zu lassen.

Joyce zu erschiessen wäre für Lou jedoch zu einfach. Stattdessen prügelt er so lange auf das Gesicht seiner Geliebten ein, bis dieses fast nicht mehr als solches zu erkennen ist. In der Romanvorlage von Jim Thompson (1952) beschreibt der Erzähler, wie sich das Gesicht von Joyce quasi nach innen wölbt (“it caved in”). Winterbottom zeigt dies sehr detailliert und sehr ausführlich, und ästhetisiert damit den Vorgang, was ihm harsche Kritik von verschiedensten Seiten einbrachte. Doch das Zermatschen von Joyces Gesicht ist nicht die einzige bedenkliche Szene. Als Lou sie das erste Mal besucht, ist die Prostituierte gar nicht erfreut, die Polizei im Haus zu haben, und versucht den Eindringling aus der Wohung zu ohrfeigen. Dieser jedoch schnappt sich Joyce, legt sie aufs Bett, zieht ihr die Unterhosen runter und schlägt ihren blassen Pfirsichpo bis er rot ist. Als er fertig ist, hat es sich Joyce anders überlebt und zieht ihn zu sich ins Bett.

Sadistische Männer, masochistische Frauen und Gewalt gegen sie – das alles allein macht einen Film nicht geschmacklos. Entscheidend ist, wie die Gewalt dargestellt wird und welche Funktion für die Story oder das Thema des Films sie hat. “The Killer inside me” hinterlässt gerade deswegen einen faden Nachgeschmack, weil die Inszenierung der Gewalt selbst sadistisch ist, weil nicht nur Joyce sondern alle Frauen im Film auf Prügel stehen, und weil man bis zum Schluss keine Ahnung hat, warum uns diese Geschiche erzählt wird. Noch schlimmer ist, dass versucht wird, Lous Sadismus über die sadistischen Neigungen seines Vaters zu erklären. Die Flashbacks, die Szenen aus Lous Kindheit zeigen, machen diesen beinahe zum Opfer von Freudscher Mutter-Sohn-Psychologie.

Jim Thompsons Roman ist ein Klassiker des pulp noir, der 1976 schon einmal von Burt Kennedy verfilmt wurde. Schon ab Mitte der 80er Jahre gab es Pläne, den Roman neu zu verfilmen, auch Quentin Tarantino war einmal daran interessiert. Für die Rolle von Lou waren einmal Hollywoodgrössen wie Tom Cruise, Brad Pitt oder Leonardo di Caprio vorgesehen, für Joyce Demi Moore, Juliette Lewis, Drew Barrimore oder Maggie Gyllenhaal. Warum der Stoff in Hollywood so grossen Anklang fand, ist zumindest für ein europäisches Publikum nur schwer nachvollziehbar. Mag sein, dass Lou Ford eine Art Archetyp für den amerikanischen Bösewicht und Serienmörder ist; nach aussen ein sympathischer, moralischer Familienmensch, der hinter seiner Fassade aber das personifizierte Böse ist. Dieses sehen wir aber nach wie vor lieber unpsychologisiert auf der Leinwand, beispielsweise in der Gestalt von Anton Chigurh in “No Country for old Men”. Dieser hätte wenigsten den Anstand, erst eine Münze zu werfen, bevor er Jessica Albas zarte Bäckchen malträtiert.

Meinung 2 – Faux B-Movie und falsche Cleverness

Von Christof Zurschmitten.

Beim Verlassen des Kinos stellten wir beide laut und unabhängig voneinander dieselbe Frage: „Wozu das Ganze?“ Michael Sennhauser von Radio DRS, der ebenfalls der Pressevorführung des Films beiwohnte, geht der Frage auf seinem Blog ebenfalls nach, wirft aber ein eigentümliches Licht auf sie. Wie meistens im Falle einer Kontroverse  ist Sennhausers besonnene Stimme inmitten der Kakophonie eine der hörenswerteren, und so sollen die Überlegungen zu Michael Winterbottoms „The Killer Inside Me“ ergänzt werden um eine Replik auf seinem Blogeintrag.

Darin erklärt Sennhauser einerseits, dass jede Empörung angesichts der Gewalt oberflächlich bleibe, wo sie die Frage nach dem „Warum“ nicht stelle. Zugleich aber ist diese Frage für ihn eine, die typischer Weise immer nur vom seriösen Feuilleton gestellt wird, und zwar dort, wo es einen Kunstanspruch widmet. (Mit anderen Worten stellt es die Frage nicht im Bereich des Genre- und Exploitation-Kinos, dem es im Übrigen natürlich überhaupt keine Aufmerksamkeit widmet.)

So weit, so einleuchtend. Im Folgenden schwenkt Sennhauser allerdings über in eine Richtung, die zwar immer noch dem Pfad der Wahrheit entlang führt, in diesem Fall allerdings ein wenig am Thema vorbei:

„Gewalt im Kino ist unterhaltsam, Zauberei im Kino ist unterhaltsam, Katastrophen im Kino sind unterhaltsam, selbst Kriege sind im Kino unterhaltsam. Mit der Wirklichkeit hat das nur insofern zu tun, als dass sie aus der Gleichung eben ausgesperrt wird im Normalfall. (…) Wer Gewalt zu Unterhaltungszwecken grundsätzlich ablehnt, nimmt grundsätzlich eine ehrenvolle Position ein – und verzichtet zugleich darauf, die interessanteren Fragen zu stellen, nämlich jene nach den Gründen für die Anziehungskraft der Gewaltdarstellung.“

Natürlich hat er damit recht – auch wir wären ïnteressiert an einer differenzierten, guten Antwort auf die Frage, warum sich Regisseure und Produzenten gerade um die Adaption dieses Romans gerissen haben. Trotzdem ist es ein wenig bezeichnend, dass auch Sennhauser die von ihm gestellte Fragen im Falle von „The Killer Inside Me“ nicht beantwortet – selbstverständlich, ist man versucht zu sagen, handelt es sich doch um sehr weitreichende anthropologische Probleme, die weder angegangen werden könnten noch sollten im Rahmen der hochkarätigen Hochdruck-Berichterstattung, die Sennhauser am NIFFF leistet. Genau dies aber ist der Punkt – dem Kritiker bleibt im Rahmen einer Berichtserstattung wie dieser nur die Option, entweder vom Film ganz zu schweigen, oder aber darauf hinzuweisen, welche fragwürdigen ästhetischen Entscheide seine Macher getroffen haben.

Es bleibt einem also nichts übrig, als beim Sprechen über „The Killer Inside Me“ zu erwähnen zu , dass es zweifelsohne ein misogyner Film ist – nicht nur, wie Sennhauser richtig bemerkt, weil er Gewalt an Frauen zeigt, sondern weil sie tief in die Psychologisierung der Figuren hineingreift. Der Mann als durch die Triebe seines Kindermädchen aufs Böse programmiertes Wesen. Die Frau als Sexobjekt, das keine andere emotionale Haltung kennt als eine hündische Anhänglichkeit gegenüber dem Mann, die sich durch nichts, aber auch gar nichts  brechen lässt. Die Szene, in der Jessica Albas Gesicht eingeschlagen wird, ist so gesehen nicht weniger fragwürdig als das unentschuldbare Flashback, in dem sie sich minutenlang und auf Filmebene völlig unmotiviert wie bei einem FHM-Shooting vor der Kamera räkelt.

Das eigentliche Skandalon von „The Killer Inside Me“ ist für mich aber die Kalkuliertheit, mit der das alles in Kauf genommen und ausgestellt wird. Im Bücherregal des Killers steht neben der Bibel eine Freud-Ausgabe – Winterbottom weiss also über die fragwürdige Psychologisierung aller Figuren seines Films, und er macht sich einen Spass daraus, seine eigene Cleverness zur Schau zu stellen.

Es ist letztlich dieser abgefeierte Zynismus, der einem den Film schal macht. „The Killer Inside Me“ ist die übelste nur vorstellbare Kombination: Ein millionenschweres faux B-Movie, das zu feige ist, um sich ganz den niederen Instinkten hinzugeben, aber nicht clever genug, als dass man ihm die ironische Übersteigerung resp. Negierung der B-Ursprünge abnehmen würde. Als hemmungsloser Reisser hätte man ihn ebenso durchgehen lassen wie als Metaburleske à la Tarantino (bei dem selbst die karrikierteste Nebenfigur noch mehr Charakter aufweist als die Frauenfiguren in “The Killer Inside Me”).
In dieser Form aber muss die Tatsache, dass ein millionenschweres Budget und offensichtliches Talent hinter diesem Film stehen, nicht als Tugend bewertet werden, sondern als Vorwurf. Nichts davon ist jedenfalls eine genügende Antwort auf die einzige relevante Frage, die dieser Film aufwirft: Wozu das alles?!

Trailer zu “The Killer inside Me”

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