NIFFF 2010 – Donnerstag 2

Hämmern und Untergraben

NIFFF 2010 – Donnerstag 2

tetsuo_the_bullet_manAm Donnerstag ging’s härter zur Sache in Neuchâtel: Im Internationalen Wettbewerb nimmt sich  in „Dream Home“ eine resolute Mieterin selbst der Wohnungskrise in Hong Kong an. Die Krise kriegen kann man allerdings auch, wenn man Zeuge werden muss, wie Shinya Tsukamoto mit „Tetsuo – The Bullet Man“ seinen eigenen Mythos untergräbt.

Von Christof Zurschmitten.

„Dream Home“ beginnt mit einem Wachmann, der sich die Halsschlagader aufschneidet beim Versuch, einen Kabelbinder aufzutrennen, der ihm die Kehle zuschnürt. …eigentlich aber beginnt „Dream Home“ mit einem Blick auf das triste Leben der jungen Chen (Josie Ho, bekannt unter anderem durch Johnnie Tos „Exiled“), die zwischen mehreren Dead End-Jobs und einer unbefriedigenden Affäre mit einem verheirateten Mann hin- und hertaumelt. …ganz eigentlich aber beginnt „Dream Home“ mit der urbanen Umstrukturierung Hong Kongs, wo in den letzten zwanzig Jahren zunehmend rücksichtslos Unterschicht wie Mittelstand aus ihren Wohnhäusern vertrieben wurde, um lukrativeren Habitaten Platz zu machen.

Mord ist die Fortsetzung der Wohnungssuche mit anderen Mitteln

Der Reiz von Pang Ho-Cheungs Slasher  besteht darin, alle diese Ebenen sauber nebeinander unterzubringen. Dass es tatsächlich beim reinen Nebeneinander bleibt, sollte einem solchen Genre-Reisser nicht zum Vorwurf gemacht werden; Kausalitäten gibt’s hier keine: Natürlich können weder die soziale noch die persönliche Ungerechtigkeit, die Chen widerfahren, das nachfolgende explizit und genüsslich ausgeführte Blutbad erklären oder rechtfertigen. Das gehört sich freilich so – mit der Psychologisierung ist es bekanntlich im Slasher ohnehin nie weit her, und auch „Dream Home“ hält sich an dieses eherne Gesetz. Im Gegensatz zu etwa Takashi Miikes „Audition“ geht es hier auch nicht um Irreführung, der blutige Tarif wird gleich von Anfang an knüppelhaft durchgegeben.  Die leiseren Töne und den Hauch von Sozialkritik sind insofern ein reiner Bonus, den man als Bereicherung durchaus annehmen kann, und damit sollte man es gut sein lassen.

Umso mehr, als der Film auf allen Ebenen äusserst souverän ausgeführt ist. Erstaunen mag dies für die Randdisziplin – das Sozialdramas. Pang beweist sich im Rahmen der Möglich- und Notwendigkeiten als exakter Beobachter und Erzähler; einige Szenen, etwa aus der Kindheit der Protagonistin oder in der Tristesse ihrer Affäre, sind gar subtil und einfühlsam inszeniert.

dream_home

Mit der Sublität ist es in den Kernszenen natürlich nicht weit her. Der Kontrast von Melodram und Horror ist bewusst komisch klaffend. Ist aber erst einmal der Werkzeugkasten des Grauens hervorgeholt, wird  es knüppelhart: „Dream Home“ ist definitiv nichts für Zartbesaitete, ein Slasher erster Güte mit reichlich Gore und Blut  und Eingeweiden. Weggeschaut wird, die Genre-Ehre gebietet es, nie und nimmer, eher noch wird herangezoomt beim genüsslich in die Länge gezogenen Dahinscheiden. Das alles ist vorbildlich getrickst und ausgeleuchtet und für den Liebhaber grober Sitten allemal unterhaltsam; wo die Wahl der Mordmittel gelegentlich Originalität vermissen lässt, blitzt Pang Ho-Cheungs Liebe zu rabenschwarzem Humor immer wieder erfreulich in den Details auf, etwa wenn sich die bereits totbringend in der Arterie steckende Bong pitorek mit Flüssigkeit zu füllen beginnt.

Auch wenn die unterschiedlichen Welten des Films nur zaghaft ineinander greifen, funktioniert „Dream Home“ durchaus: Die stilleren Szenen geben den Rhythmus vor, sie unterbrechen die Gräueltaten und geben dem Publikum Zeit zum Verschnaufen und Atemholen; die Schockszenen dazwischen lassen einem zuverlässig den Atem stocken. Auch wenn zum ganz grossen Wurf die letzte Abgerundheit fehlt – zu einem grossen Ganzen fügen sich die Einzelteile durchaus.

Tetsuo? Bullshit, Man!
Der erste „Tetsuo“-Film wirkte anno 1989 wie ein Faustschlag ins Gesicht des Zuschauers; „Tetsuo – The Bullet Man“ ist, was davon übrig bleibt, wenn die Faust auf ihrem Weg dutzendfach zögernd innehält und ihr Ziel schliesslich meilenweit verfehlt.

Die Enttäuschung ist umso grösser, als hier nicht einfach ein Regisseur auf seine alten Tage sein Auskommen sichern will, indem er noch einmal die ruhmbringenden Franchisen seiner Jugend auswringt. Im Gegenteil: Bereits seit mehr als zehn Jahren denkt Regisseur Shinya Tsukamoto laut darüber nach, dem Eisenmann auf amerikanischem Boden neu überdenken zu wollen (zwischenzeitlich war sogar Quentin Tarantino als Produzent im Gespräch).

Das lange erwartete Resultat verrät nun aber, dass Tsukamoto zum Westen nicht das Geringste zu sagen hat. Dem dritten Tetsuo-Teil wurden all jene Subtexte, die das gesamte Schaffen Tsukamotos durchdrungen hatten, entzogen – das Unheimliche der Urbanität, die Selbstermächtigung der Frau, die Verwandlung als Wiedergeburt und schmerzhafte Chance. An ihre Stelle tritt – nichts. „Tetsuo – The Bullet Man“ ist ein im Kern leerer Film. Vermuten lässt sich allenfalls, dass Tsukamoto den westlichen Zuschauer für dümmer hält als sein japanisches Pendant.

Das Ur-Bedrohliche des ersten „Tetsuo“-Films lag nämlich nicht zuletzt darin, dass seine dunkle innere Gesetzmässigkeit stets fühlbar blieb, aber bis zum Schluss undurchdringlich. Die eskalierende Gewalt und Mutation lief ab nach der Folgerichtigkeit von Fieberträumen und Horrortrips, unangenehm, unerklärlich – aber unentrinnbar. Unerklärlich ist im dritten Tetsuo aber nur noch, in welch krassem Mass Tsukamoto diese zentrale Stärke seines Films verkennt. In „The Bullet Man“ versucht er, seine Alptraumereignisse in eine Kausalkette zu zwingen – ein Unterfangen, das nicht gelingen kann, auch wenn er noch so viele Flashbacks einschneidet und seine Figuren reden und reden und reden lässt. Zu einer für den Zuschauer befriedigende Erklärung führt dies alles nicht, aber zu einem brüsken Drosseln des Tempos – der dritte Teil ist, was im Tetsuo-Kosmos bislang undenkbar war: langatmig und langweilig.

Vor diesem Hintergrund werden Tsukamotos charakteristische Stilmittel zu reinen Manierismen. Natürlich hat er sein Handwerk nicht völlig verlernt – auch im dritten Teil hämmert die Tonspur und der Fokus kommt nie zur Ruhe; auf einer rein sensorischen Ebene ist auch dieser Tetsuo-Teil eine Herausforderung. Einen guten Grund, sie anzunehmen, liefert der Film indessen nicht – zumal er auch in anderen Belangen schwächelt: Dialogen, die klingen, als wären sie von jemandem geschrieben worden, der die Sprache nur rudimentär beherrscht; Schauspielern, die mit ihren limitierten Rollen nicht zurechtkommen (mit Ausnahme von Tsukamoto selbst, dessen Präsenz und Charisma umso deutlicher aufzeigen, wie sehr sie dem restlichen Ensemble abgehen); einProductdesign, das wirkt, wie die Karikatur der früheren Monströsitäten.

Wie man zu seinen Wurzeln in Würde zurückkehren kann, hat die Sogo Ishii-Retrospektive mit dem Remix des Frühwerks „The Codename Is Asia Strikes Back“ gezeigt. Tsukamoto hingegen hätte „Tetsuo“ besser in den Analen der Geschichte ruhen lassen, wo er in seiner ersten Interation immer noch lauert, bereit, Chaos zu säen, bei jedem erneuten Ansehen, bis zum heutigen Tag.


One thought on “NIFFF 2010 – Donnerstag 2

  • 20.02.2011 um 20:30 Uhr
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    „Vermuten lässt sich allenfalls, dass Tsukamoto den westlichen Zuschauer für dümmer hält als sein japanisches Pendant.“ – ehrlich gesagt, exakt das vermute ich auch. Genau genommen glaube ich das über so manchen der in den letzten Jahrzehnten im Westen ach so zum Kult gewordenen japanischen Filmemacher. Nehmen wir nur mal Miike Takashi zur Hand, der üblicherweise dafür bekannt ist, einfach das zu tun, nach dem ihm gerade die Grille steht. Im Westen steht sein Name schlicht als Synonym für „krankes Zeuch“, und solch unterhaltsame, im Grunde aber völlig unbedeutende Massenware wie Koroshiya Ichi werden von den selbsternannten Fans als Kultfilme gefeiert, das Drama Audition auf seine blutrünstigen letzten Minuten reduziert und somit (selbst von der Presse) zu einem Horrorfilm verklärt, bodenständigere Werke wie The Bird People of China als uninteressant abgetan. Miike ist sich seines Rufes wohl bewusst, denn mit auf den Westen zugeschnittenen Werken wie Imprint gibt er dem okzidentalen Zuschauer genau das, was der wohl erwartet: Debile Schocks. Tsukamoto scheint die Rezeption seines Oeuvres im Westen offenbar ähnlich zu sehen.

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