Neil Gaiman: “Zerbrechliche Dinge”

Feuerwerk der Fantasie

Neil Gaiman: “Zerbrechliche Dinge”

Ausserirdische Partybesucher, ältere Damen mit Heisshunger auf rohes Fleisch, eine Begegnung mit den Zombies von New Orleans und ein höchst ungewöhnlicher Fall für den (vermeintlichen) Sherlock Holmes. Neil Gaimans Geschichten strotzen nur so vor Fantasie und skurrilen Ideen und stellen die Welt, wie wir sie kennen, immer wieder auf den Kopf.

Von Lukas Hunziker.

zerbrechliche dinge“Irgendwo in der Nacht kratzte eine Feder über Papier” – so beginnt die zweite Geschichte in “Zerbrechliche Dinge”. Geführt wird die Feder von einem jungen Mann, der einen Roman schreiben will, der “das Leben so widerspiegelt, wie es ist”. Das ist in seinem Fall allerdings nicht ganz einfach, denn er lebt in der Welt einer Gothic Novel, wo Ghule, Geister und andere Wesen der Finsternis ihr Unwesen treiben. Daher kommt ihm seine Geschichte über ein Mädchen, welches in einem von Ghulen belagerten Anwesen Zuflucht sucht, reichlich banal und einfallslos vor. Zudem wird er beim Schreiben öfters unterbrochen, unter anderem weil er kurz ein Duell mit seinem für tot gehaltenen Bruders austragen muss. Dann jedoch kommt ihm die zündende Idee: anstatt eine Geschichte zu erzählen, welche die Wirklichkeit widerspiegelt, entschliesst er sich, eine komplett unwahrscheinliche, phantastische Geschichte zu schreiben – über einen Streit eines Ehepaares am Frühstückstisch.

Mordfall der Dritten Art

Viele der Geschichten in “Zerbrechliche Dinge” stellen die Welt auf den Kopf und führen den Leser in die Irre. “Eine Studie in Smaragdgrün” tut dies mit Lesern, welche die Stories Sherlock Holmes’ und damit auch jene mit dem Titel “Eine Studie in Scharlachrot” kennen. Der Erzähler, der im zweiten Anglo-Afghanischen Krieg gekämpft hat, ist soeben nach London zurückgekehrt und sucht sich ein neues Quartier. Schliesslich wird er in der Baker Street fündig, wohin er zusammen mit einem neuen Freund, der eine erstaunliche analytische Gabe hat, zieht. Wer jetzt vermutet, dass es sich tatsächlich um Sherlock Holmes und Dr. Watson handelt, liegt nur halb richtig, denn der erste Fall der beiden namenlosen Hauptfiguren ist für das viktorianische London, wie wir es kennen, doch eher ungewöhnlich. Dies wird spätestens klar, als unser Detektiv die Leiche kommentiert:

“Mein lieber Lestrade, ich bitte Sie. Ein wenig Scharfsinn können Sie mir schon zutrauen. Dieser Leichnam ist ganz offensichtlich nicht der eines Menschen – die Farbe des Blutes, die Anzahl der Gliedmassen, die Augen, das Gesicht … all diese Dinge verraten königliches Blut.”

Jep, Gaimans England des vorletzten Jahrhunderts wird von Wesen regiert, die nicht nur mehr (oder weniger?) Arme haben als Menschen, sondern auch sonst ein bisschen, hm, anders sind. Ob und inwiefern die beiden Ermittler wirklich Holmes und Watson sind und wer hinter dem Mord auf den adligen Ausserirdischen steckt, soll hier aber selbstverständlich nicht verraten werden.

Rohes Fleisch gegen das Alter

Ebenfalls nicht von unserem Planeten stammen die weiblichen Partygäste, mit denen zwei Teenager in “Wie man auf Parties Mädchen anspricht” ins Gespräch zu kommen versuchen. In diesem Fall stimmt es tatsächlich, dass Frauen und Männer von anderen Planeten kommen, allerdings lassen sich die blassäugigen extraterrestren Schönheiten noch einfacher anquatschen als “richtige” Mädchen. Ein wesentlich unheimlicheres (vielleicht weil irdisches) Frauenzimmer treibt in “Fressen und gefressen werden” ihr Unwesen: Die alte Nachbarin der Hauptfigur scheint nämlich nur durch den Verzehr von rohem Fleisch am Leben zu bleiben – und nimmt dafür auch schon einmal mit einer Katze vorlieb.

Gaimans Geschichten sind mal gruselig, mal lustig, mal fies und mal parodistisch. Liebhaber des Skurrilen werden beim Lesen der “Zerbrechlichen Dinge” jaulen vor Lachen. Nicht alle Geschichten sind jedoch gleich ausgegoren, vor allem die “ernsteren” wie z.B. “Bitterer Kaffeesatz” vermögen nicht restlos zu überzeugen. Obwohl die Übersetzung gut gelungen scheint, sind einige Geschichten sprachlich nicht ganz so wirkungsvoll wie im Original. Am meisten fällt dies bei der erwähnten Gothic Fiction Parodie auf, in welcher ein typisch englisches Genre parodiert wird, für welches es auf Deutsch nicht wirklich eine Entsprechung gibt. Trotz kleiner Abstriche ist “Zerbrechliche Dinge” aber ein lesenswerte, abwechslungsreiche und herrlich schräge Lektüre, und weitaus packender als Geschichten über Ehestreit am Frühstückstisch.

Klett-Cotta
330 Seiten, ca. CHF 34.50

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Lukas Hunziker

Lukas Hunziker ist Gymnasiallehrer für Deutsch und Englisch. In seinem Garten stehen drei Bäume, in seinem Treppenhaus ein Katzenbaum. Er schreibt seit 2007 für nahaufnahmen.ch.

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