Ali Smith: „Die erste Person“

Denn der Roman ist eine schlappe alte Hure

Ali Smith: „Die erste Person“

In ihren Kurzgeschichten arbeitet sich Ali Smith an allen Personen ab. Das klingt anstrengend, ist es aber nicht. Denn kaum jemand kann so fulminante, witzige, abstruse, hintersinnige und vergnügliche Kurzgeschichten erzählen wie die Schottin.

dieerstepersonMit einer „Wahren Kurzgeschichte“ beginnts. Zwei Männer sitzen im Café, die Erzählerin belauscht sie und stellt dabei Mutmassungen über ihr Verhältnis zueinander an (was sich nicht gehört, wie sie selbst findet). Schliesslich stolpert sie über die Aussage des Jüngeren, der behauptet, der Roman sei „eine schlappe alte Hure“, die Kurzgeschichte hingegen „eine gewandte Göttin, eine schlanke Nymphe“, die immer noch ganz gut in Form sei. Die beiden Männer verschwinden, doch der Erzählerin lässt diese Aussage keine Ruhe.

Die Kurzgeschichte hingegen eine Nymphomanin

Flugs avisiert sie ihre Freundin Kasia, eine ausgewiesene Kurzgeschichtenexpertin, die sich im Krankenhaus gerade von einer Chemotherapie erholt. Der horrenden Telefongebühren wegen erklärt die Erzählerin die Lage in einem Quickie und mutmasst, die Kurzgeschichte sei etwa wie Prinzessin Diana. Es entspinnt sich ein Hin und Her von Hypothesen und spritzigen Ideen. Ebenso wie mit Nymphen wollen auch mit Kurzgeschichten ständig irgendwelche Satyrn unter die Bettdecke schlüpfen („Noch nicht sehr lustig, ich weiss, aber ich arbeite daran“), die Kurzgeschichte ist gar keine Nymphe, sondern eine Nymphomanin, die es bevorzugt und mit möglichst vielen Anthologien treibt… Das also passiert, wenn sich Ali Smith ein staubtrockenes literaturwissenschaftliches Thema packt und es einmal gehörig durchschüttelt. Dass nebenbei auch noch die tiefe Freundschaft zwischen zwei Frauen erzählt und das Ganze gehörig mit lakonischen Bemerkungen und Galgenhumor gewürzt wird, spricht für Ali Smiths Fähigkeit, eine einzige Geschichte auf mehreren Schienen laufen zu lassen und ihr dadurch Tiefe zu verleihen, ohne die Leserin durch erhobene Zeigefinger oder den Verdacht, dass hier jemand eine wahnsinnig kluge Botschaft in die Geschichte eingebaut, aber mit viel Mühe wahnsinnig gut versteckt hat, zu ärgern. Ali Smiths Kurzgeschichten lesen sich also gut, ohne trivial zu sein. Und sie verfügen über Tiefe, ohne an Witz und Scharfzüngigkeit zu verlieren.

Sie will nur spielen

Mit leichter Feder demonstriert Ali Smith die unbegrenzten Möglichkeite der Kurzgeschichte, sich auf einer sehr begrenzten Anzahl von Seiten in alle Richtungen zu entfalten. Eine Horrorgeschichte in nuce ist etwa „Das Kind“. Ohne dass dieses Kind unverhofft seine Vampirzähne ausfährt, Katzen erwürgt, um sie darauf mit Haut und Haar zu verspeisen oder anderweitig seine Bösartigkeit beweist, ist es doch ein Albtraum für alle kinderlos Glücklichen. Das Kind hat nämlich einen entscheidenden Konstruktionsfehler: man kriegt es nicht selbst und wird es dann nicht einmal mehr los. Eines Tages sitzt es, pummelig, blond und wurstfingrig im Einkaufswagen der Erzählerin. Doch bald wird der Jöh-Effekt hinfällig. Bei ihrem Versuch, das Kind im Supermarkt ausrufen zu lassen, glaubt der Erzählerin niemand, dass das Kind nicht ihr gehört. Dass der Junge im entscheidenden Moment seine Ärmchen nach ihr ausstreckt und laut, deutlich und gebieterisch „Mam-mam-ma!“ sagt, hilft auch nicht gerade. Notgedrungen nimmt die Erzählerin das Kind vorerst einmal mit. Während sie noch krampfhaft überlegt, wie sie das Kind loswerden könnte, stellt sich heraus, dass es nicht nur nicht ihr gehört, sondern dass es zudem für sein zartes Alter zudem erstaunlich deutliche Ansichten über Juden, Ausländer und Frauen hat („Warum heiraten Frauen in Weiss? – Weil es zum Herd und zum Kühlschrank passt“) und sich offenbar nicht nur zur Erzählerin, sondern mehr noch zu Internetpornographie hingezogen fühlt. Und loswerden kann man es auch nicht gerade einfach. Ein Albtraum. Wer will da noch Kinder kriegen?

Ich, du, er, sie, es

So witzig, so absurd, so phantastisch und so unheimlich wie „Das Kind“ sind einige von Ali Smiths Kurzgeschichten. Doch immer wieder lauert hinter dem Witz Ernst und hinter der Phantasie die Realität, so dass die Geschichten nie als blosse Fingerübungen abgetan werden können. Oft schlägt Smith durchaus auch nachdenklichere Töne an. Die Form der Kurzgeschichte verhindert dabei sehr effektiv jede Weitschweifigkeit, jede übermässige Sentimentalität, jede langfädige Zustandsschilderung. Knapp und pointiert ist alles, denn Ali Smith ist eine Meisterin darin, in einem einzigen Satz einen ganzen Lebensabschnitt, in einem einzigen Schweigen die ganze Anatomie einer Beziehung, in einer einzigen, scheinbar nebensächlichen Bemerkung eine atemlose Dramatik vor ihren Leserinnen auszubreiten. Beharrlich geht sie dabei nicht nur der ersten, sondern auch der zweiten und der dritten Person nach. Das Reflektieren über die verschiedenen Erzählweisen, über die literarisch bedeutsamen Perspektiven und Erzählkniffe wirken jedoch nie gekünstelt. Was bei anderen Autoren bemüht und bemühend wirken würde, baut Ali Smith ganz selbstverständlich in die Handlung ihrer Kurzgeschichten mit ein und verleiht ihnen dadurch eine weitere Bedeutungsebene. Man merkt, dass hier eine Autorin zugange ist, die das, was sie macht, gerne tut – und sie ist gut darin.

Nymphomaninnen, mit denen man gerne ins Bett geht

Kurzgeschichten sind bekanntlich weder einfach zu schreiben noch einfach zu lesen. Sind sie nicht genau auf den Punkt formuliert, ist man als Leserin oft enttäuscht, weil sie allzu oft entweder in Bedeutungslosigkeit versanden oder, noch schlimmer, mit bedeutungsschwangeren Sätzen hochwichtige Botschaften anbringen wollen, auf die man getrost verzichten könnte. In wenigen Sätzen muss hier gelingen, wozu ein Romanautor hunderte von Seiten Zeit hat. Mit einer Kurzgeschichte wird man nach spätestens zehn Sätzen ungeduldig, bei einem Roman wartet man unter Umständen hoffnungsfroh darauf, dass sich auf den letzten Seiten alles aufklären wird. Ali Smith meistert das Genre der Kurzgeschichte mühelos und mit sichtlich viel Spass an der Sache. Die Kurzgeschichten in „Die erste Person“ sind amüsant und witzig, geheimnisvoll und unheimlich, dabei gleichermassen zugänglich wie facettenreich. Sollten Kurzgeschichten tatsächlich Nymphomaninnen sein, so sind diejenigen Ali Smiths solche, mit denen man gerne mal eine Nacht verbringt und gegen die Romane tatsächlich wie schlappe alte Huren aussehen.

Luchterhand
225 Seiten, ca. CHF 31.90



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