Hans Herbjørnsrud: “Die Brunnen”

Gefährliche Gedichte

Hans Herbjørnsrud: “Die Brunnen”

In Hans Herbjørnsruds neustem Erzählband vermischen sich einmal mehr Realität und Fantasie zu einer eigentümlichen Welt, in der Gedichte und andere kreative Werke eine sonderbare Kraft auf die Menschen ausüben, ein Eigenleben entwickeln und in bestimmten Fällen sogar gefährlich werden können.

Von Lisa Letnansky.

brunnenWie viele seiner Figuren führt der Norweger Hans Herbjørnsrud eine Art Doppelexistenz als Autor und Landwirt. Und nicht nur das ländliche, abgeschiedene und manchmal einsame Bauernleben übt einen grossen Einfluss auf sein Werk aus, sondern auch die mystisch anmutende Landschaft der Telemark, in der sowohl der Autor lebt, als auch viele seiner Erzählungen stattfinden. Provinzieller Aberglaube vermischt sich hier mit modernistischem Gedankengut – eine durchaus ergiebige Mischung, aber, wie die Schicksale der Figuren bald zeigen, auch eine unheilvolle. In jeder der fünf mal kürzeren, mal längeren Geschichten vermengen sich Realität und Fantasie, die Grenzen sind verwischt und oft ist eine Unterscheidung unmöglich. Erinnerungen wandeln sich ohne Vorwarnung in traumähnliche Visionen und wie die Charaktere selbst ist auch der Leser bald heillos in Herbjørnsruds chaotische und undurchschaubare Welt verstrickt.

Grenzenlose Möglichkeiten.

“Die Brunnen” strotzt nur so von symbolträchtigen Bildern. In allen Geschichten spielt jeweils ein Brunnen eine zentrale Rolle. Er kann ein Abgrund sein, in der die Ohnmacht der Menschen widergespiegelt wird und aus dem ein Entrinnen praktisch unmöglich ist; er kann aber auch genau so gut der Geburtsort kreativer Begabung darstellen und somit ein Tor zu einer anderen, imaginären Welt. Das Kreative, Imaginäre und Visionäre spielt in diesem Erzählband ohnehin die Hauptrolle. Das Zusammenspiel zwischen Schöpfer und Werk wird nach allen Richtungen hin ausgelotet und teils auch mal ad absurdum geführt.

In der Erzählung “Grenzenlos”, in welcher der Erzähler seine Erfahrungen als Autor und Landwirt schildert, werden die Auswirkungen, die dieses Zusammenspiel haben kann, zu einer Quelle unbegrenzter Möglichkeiten. Der Schriftsteller, dessen Kulissen immer haargenau seiner realen Umgebung entsprechen, erkennt hier, dass er durch seine Dichtung die Zukunft beeinflussen kann. Langsam beginnt er in seinen Geschichten, die von seinen Nachbarn als historische Faktenberichte anerkannt werden, seine Grundstücksgrenzen grösstenteils unbemerkt immer weiter zu verschieben, sodass seine Nachkommen vielleicht einmal den schönen Fichtenhang seines Nachbars besitzen werden. Sein Erfolgsrezept ist so einfach wie gewagt: “Die Erzählung glaubt an sich selbst, und ich glaube an die Erzählung.”

Gedichte, die das Leben verändern.

Dass ein Werk aber auch für den Schöpfer selbst gefährlich werden kann, zeigt die Erzählung “Das Skelett und das Anatomiebuch”, Herbjørnsruds stärkste Geschichte in diesem Band: Im Jahr 1835 hatte ein Grundstücksstreit zwischen zwei Brüdern dazu geführt, dass der eine den anderen mit einer Axt erschlug, was den Dichter Wergeland wiederum zu einem visionären Gedicht inspirierte, welches aber nie veröffentlicht wurde und an das sich nur noch zwei Bewohner eines Altersheims erinnern können. Dieses Gedicht mit dem Titel “Kain und Abel” hat nicht nur das Leben dieser zwei Alten tiefgreifend beeinflusst, sondern auch den Dichter selbst zuerst in den Wahnsinn und schliesslich in den Tod getrieben. Jahrzehnte später macht sich ein Kleinstadtlehrer auf die Suche nach dem verschollenen Werk. Die Grenzen zwischen Fakt und Fiktion werden von seiner Besessenheit davon, das Gedicht zu finden, bald völlig unkenntlich gemacht, das Gedicht existiert nur noch in seiner Vorstellung und die Realität büsst ihren Wert ein. Der Lehrer verliert sich in seiner eigenen Fantasie und zieht den Leser unweigerlich mit sich: „Wer konnte wissen, was dort im Heidekraut und im Moor lag und mit erschrockenen Gänsefüsschen vor mir davonlief? Hin und wieder sprang ich zur Seite und trat neben die schmale Verszeile, auf der ich balancierte, wenn ein Bild direkt vor mir in die Höhe schoss.”

Krimis der etwas anderen Art.

Wenn man sich darauf einlässt, lassen sich Herbjørnsruds Geschichten durchaus wie Krimis lesen, vor allem, da Mord und Totschlag oft eine wichtige Rolle in ihnen spielen. Man darf sich einfach nicht daran stossen, dass als Ursache für die Verwicklungen weder internationale Verschwörungen noch andere Bedrohungen für die Menschheit dienen, sondern Gedichte, Geschichten, oder auch mal das Karomuster eines Waschraumbodens. Zugegeben, die Gedankenexperimente des norwegischen Autors sind eher gewagt, aber wer einige Stunden Zeit und Lust auf etwas Neues hat, wird zweifellos mit erstaunlichen Erkenntnissen überrascht werden.

Luchterhand
287 Seiten, ca. CHF 35.90

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