Löcher im Raum-Zeit-Kontinuum

Löcher im Raum-Zeit-Kontinuum

Über die Unsinnigkeit extrem-lokaler Kinoprogrammation in globalen Zeiten

scott_pilgrim_inbook„Scott Pilgrim vs. The World“, der in den USA am 13. August 2010 anlaufen wird, ist der Film des Sommers. Gut, wir hatten unsere Eisenmänner, die beim zweiten Anlauf nach ihrem Jungfernflug nicht recht flügge werden wollten. Ja, wir konnten die alte Garde beobachten beim Versuch, wieder in den ersten Rängen mitzuspielen – wo sie zumindest in den USA aber gründlich gescheitert ist. Natürlich, wir hatten den alljährlichen Erfolg der sich zuverlässig zur Sommerzeit entblössenden Werwölfe, aber abgesehen von einer sehr genau umgrenzten, auf Signal in Ekstase aufgehenden Klientel war dies nicht wirklich ein Grund zur Aufregung. Die Welt (d.h. Kinobesitzer wie immerhin das Gros der Kritiker zugleich) in Verzückung versetzen konnte bislang einzig Christopher Nolans Escher-Hommage „Inception„, dem auch bei uns Erfolg beschieden sein dürfte.

Dessen ungeachtet gehört der Sommer einem kanadischen Slacker, der eigentlich nichts auf die Reihe bringt, aber die sechs oder sieben bösen Ex-Freunde seiner Traumfrau besiegen muss.

Nun kann man nahaufnahmen.ch vorwerfen, in dieser Sache wenig objektiv zu sein und die Bedeutung des Ganzen zu überschätzen – schliesslich haben wir bereits vor drei Jahren den zugrunde liegenden Comic von Brian Lee O’Malley verzückt empfohlen. Hier habt ihr Objektivität, Zweifler! Ihr wollt Verkaufszahlen? Der diese Woche erschienene neueste und letzte Band ebendieser Comicreihe steht momentan auf Rang fünf der internationalen Amazon-Verkaufscharts – ein schwarz/weisser Comic aus seinem Kleinstverlag, notabene! (Ein Underdog-Erfolg, wie er seit den seligen Tagen der Teenage Mutant Ninja Turtles nicht mehr da gewesen ist.) Ihr wollt Talent? Edgar Wright, der als Regisseur für die Verfilmung die perfekte Wahl war, hält mit seinen bisherigen zwei Filmen einen stellaren Rotten Tomatoes-Score von 90.5% positiver Besprechungen. Ihr wollt Street Credibility? Vorabkritiken von nicht ganz unbekannten Leuten wie Jason Reitman oder Joss Whedon waren nichts weniger als euphorisch. Ihr wollt Musik? Mit Beck, Broken Social Scene und Metric wird der Film von Musikern und Bands beschallt, die allein ganze Hipster-Heerscharen ins Kino locken können. Und ihr wollt schönde monetäre Gewalt? Anscheinend hat auch Universal genug Vertrauen in den Film, um sich die ganze Sache einiges kosten zu lassen:

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Mit anderen Worten: „Scott Pilgrim vs. The World“ wird mit ziemlicher Sicherheit einer der grossen Filme dieses Sommers.

Zugegebnermassen dröhnt die Hypeposaune in hiesigen Gefilden etwas leiser. Das mag Gründe haben; Michael Cera ist – auch wenn er seit „Juno“ durchaus auch bekannt ist – kein Kassengarant hierzulande. Hinzu kommt, dass die deutschen Comicverlage äusserst träge reagierten und sich erst um die Rechte einer Übersetzung scherten, als der Film bereits weit fortgeschritten war. Und die Edition des Panini Verlags, der letztlich den Zuschlag bekommen hat, ist ein leidlich schlechter Bannerträger für die Grossartigkeit von O’Malleys Comic-Saga. Die völlig missratene Übersetzung verfehlt komplett den Wortwitz des Originals und schafft es auch nicht, ein sprachliches Pendant anzubieten, in dem sich irgendein Mitzwanziger deutscher Sprache wiedererkennen könnte.

Das ist umso bedauerlicher, als Scott zwar in einem sehr genau gezeichneten Toronto leben mag, aber dennoch weit über die kanadische Stadt hinausweist: „Scott Pilgrim“ ist, wie Kieron Gillen (der selbst auf einem anderen Kontinent lebt) festgestellt hat, das Buch einer Generation. Ein Buch darüber, wie gewisse Leute die Welt wahrnehmen: „This isn’t (just) gags. This is about how humans of a certain generation process reality. Scott’s joy – and why it speaks to so many people – is that it understands the pulp through which we see the world, and assumes that’s as natural as blinking.“ Einer Generation, die gerade in ihrer popkulturell gesättigten Sensiblität global vereinigt ist, die dank Internet und mobiler Kommunikation dieselben Referenzgrössen und Injokes hat, dies- und jenseits des Atlantiks oder pazifischen Ozeans. „Scott Pilgrim“ ist insofern ein Phänomen mit globaler Reichweite, weshalb es nicht erstaunt, dass der Hype um den Film ebenfalls global gleichzeitig wahrgenommen und miterlebt wird. (Dieser Beitrag ist ein Beispiel dafür, unzählige Forenbeiträge und Blog-Comments von Postern, die stolz ihre Herkunft preisgeben, ein weiteres.)

Nur hat man sich hierzulande zu früh gefreut. „Scott Pilgrim vs. The World“ wird in der Schweiz nicht einer der Filme des Sommers. Genau genommen wir der hier nicht man einer der grossen Filme des Herbsts, wie etwa in Deutschland, Frankreich oder Italien. Oder auch nur von 2010. In der Deutschschweiz verteidigt Scott tatsächlich erst ab dem 06.01.2011 seine Position an der Seite seiner Traumfrau Ramona Flowers. Wer ihn früher sehen will, kann immerhin in den Tessin reisen, wo er ab dem 19.11.2010 läuft. Oder in die Romandie, ab dem 01.12.2010. (Über das Chaos der Startterminzonen dies- und jenseits des Röstigrabens wird bei anderer Gelegenheit noch mehr zu sagen sein.)

In Zeiten, in denen Blockbuster weltweit synchronisiert starten, strapazieren bereits Verspätung von wenigen Wochen die Nerven. Einen Film, zumal einen derart gehypten, aber ein halbes Jahr nach seinem internationalen Release noch in die Kinos bringen zu wollen, ist – mit Verlaub – idiotisch und kontraproduktiv. Anstatt auf der bestehenden Hype-Welle mitzusurfen, müssen die Verleiher hierzulande versuchen, selbst ein wenig Schaum zu schlagen wenn bereits alles abgeebbt ist.  Unter diesen Voraussetzungen sind mediokre Einspielergebnisse durchaus wahrscheinlich, die dann als Bestätigung für die eigenen niedrigen Erwartungen und die eigene Lahmarschigkeit genommen werden können. Ähnliches geschah hierzulande ja auch mit dem völlig falsch eingeschätzten und vermarkteten „Where The Wild Things Are“, der trotz respektablem Erfolg in den USA hierzulande sang- und klanglos untergegangen ist.

Nun weiss ich nicht, welche Entscheidungen und politischen oder ökonomischen Gründe den Januar 2011 als Starttermin festgelegt haben. Ich weiss aber ziemlich sicher, dass alle Interessierten den Film bis dahin bereits dennoch gesehen haben werden – als Download oder als importierte DVD auf ihrem an Regionencodes nicht gebundenen Player.

Globale Sensiblitäten haben nämlich kein Gespür für Kirchturmdenken, und sie werden es je länger je weniger haben.

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