15. Literaturfestival Leukerbad 2010

Poetisches Gipfeltreffen inmitten der Inspirationsquellen

15. Internationales Literaturfestival Leukerbad  2. bis 4. Juli 2010

© Beat Schweizer
© Beat Schweizer

Das kleine, aber feine Literaturfestival in Leukerbad erfreut sich einer immer grösseren Beliebtheit. Kein Wunder: An kaum einem anderen Ort lassen sich in einer derart ungezwungenen Atmosphäre literarische Entdeckungen machen sowie Kontakte zu Bestsellerautoren und gleichgesinnten Bücherwürmern knüpfen. Nahaufnahmen.ch war drei Tage vor Ort und findet: Das Festival ist so entspannend und wohltuend wie ein Bad im heissen Thermalwasser.

Von Christoph Aebi.

Da sass man also in Leukerbad im Garten eines Viersternehotels (welches schon einmal bessere Zeiten gesehen hatte) auf Plastikstühlen, weich gepolstert durch gelb-weiss gestreifte Sitzkissen, und lauschte dem italienischen Autor Andrea de Carlo, der Passagen aus seinem neusten Werk „Als Durante kam“ vortrug. Darin wird das Leben eines Aussteigertrios, welches sich im östlichen Apennin mit Handweberei beschäftigt, durch die Ankunft des besagten Durante gehörig durcheinandergebracht. Diese Wirkung hätte man sich als Zuhörer ebenfalls erhofft. Doch sie blieb leider aus. Den Inhalt des neusten Buches von Vielschreiber de Carlo, der sich ebenfalls als Fotograf, Musiker und Greenpeace-Aktivist betätigt, hatte man grösstenteils bereits wieder vergessen, ehe man sich aus den Stühlen erhob und sich zur nächsten Lesung aufmachte.

Einen ähnlich zwiespältigen Eindruck im ansonsten höchst abwechslungsreichen und vergnüglichen Programm des diesjährigen internationalen Literaturfestivals hinterliess nur noch (und ausgerechnet) der diesjährige Spycher-Preisträger Laszlo Krasznahorkai. Im festlich und mit viel Sinn fürs Detail liebevoll dekorierten Alten Bad St. Laurent las der ungarische Autor in deutscher Sprache und mit leiser, sonorer Stimme einen Auszug aus seinem neusten Erzählband „Seiobo auf Erden“. Darin widmet er sich europäischen und asiatischen Heiligen wie der Göttin Seiobo, deren Pfirsiche nur alle 3000 Jahre blühen, dafür aber Unsterblichkeit schenken. Während Krasznahorkai in assoziativ-ausufernden Sätzen von „den klaren Stimmen der Hayashi-Wölfe, die an mein Ohr drangen“ erzählte, schienen die Besucher ob des pseudo-esoterischen Geschwurbels entweder in meditativer Stimmung verharrt oder auch mehr oder weniger unbemerkt wegdösend.

Eine Sprache des Nichtsprachlichen

Überzeugender war an gleicher Stätte und am selben Abend der Auftritt von Alissa Walser, welche in diesem Jahr ebenfalls den Spycher-Literaturpreis erhält, der aus einem fünfjährigen Aufenthaltsrecht in mittelalterlichen Städtchen Leuk besteht. Die Jury befand, mit ihrem ersten Roman „Am Anfang war die Nacht Musik“ gelinge der Autorin „in erstaunlicher Weise, was zum Schwierigsten gehört: eine Sprache des Nichtsprachlichen zu erfinden.“ Und fürwahr: Mit feinen, literarischen Pinselstrichen rekonstruiert die 49-jährige Tochter Martin Walsers, die in Wien und New York Malerei studierte und bisher als Malerin, Übersetzerin sowie Autorin von Erzählungen und Theaterstücken in Erscheinung trat, das historisch verbürgte Zusammentreffen zwischen der erblindeten, musikalisch hochbegabten Maria Theresia Paradis und dem Arztmagier Franz Anton Mesmer im Wien des 18. Jahrhunderts. Marias Eltern, der Hofsekretär der Kaiserin und seine Gattin, erhoffen sich von Mesmer, dass er mit Hilfe der von ihm entwickelten Magnettherapie ihre Tochter von der Blindheit befreien kann. In einem einleitenden Essay, einem Text über den Text, berichtete Alissa Walser von ihrer vierjährigen Arbeit am Buch und der Verblüffung, dass in New York ein Lehrer eines ihrer Bilder als „mesmerizing“ bezeichnet hatte. Als Ausdruck für das Vorhandensein einer seltsamen Anziehungskraft hatte es der Name des Magnetiseurs bis in die englische Sprache geschafft.

Abenteuerlicher, aber abwechslungsreicher und gelungener Mix

Wer wollte, konnte sich die Musikalität von Walsers Sprache an einer zweiten Lesung im römisch-irischen Bad, im warmen Thermalwasser planschend oder auf Stühlen liegend, nochmals zu Gemüte führen. Damit sei auf das Erfolgsrezept der Organisatoren hingewiesen: Alle 23 Autoren und Autorinnen lasen innerhalb der drei Festivaltage mindestens zwei Mal an verschiedenen Lokalitäten, wie sie zum grössten Teil nur das Walliser Bergdorf bieten kann: Im Bergrestaurant auf dem Gemmipass, in einer Galerie, im Alten Bad St.Laurent, in Hotels oder im Alten Bahnhof, an welchem die Zeit effektiv stehengeblieben ist und die Uhr konstant eine Minute vor zwölf anzeigt.

Lesung mit Alissa Walser  © Beat Schweizer
Lesung mit Alissa Walser © Beat Schweizer

Das 1996 vom in Leukerbad aufgewachsenen Verleger Ricco Bilger gegründete und seit 2006 in den kompetenten Händen des Berner Literaturvermittlers Hans Ruprecht liegende Festival erfreut sich einer immer grösseren Beliebtheit bei (vornehmlich Deutschschweizer) Literaturfreunden. In diesem Jahr erreichte die Besucherzahl (1500) fast diejenige der Einwohnerzahl Leukerbads (1590). An kaum einem anderen Ort kann man so stressfrei und gemütlich seinen Lieblingsautoren zuhören oder genüsslich literarische Entdeckungen machen. Wie das Dorfbild ein abenteuerlicher Mix aus ursprünglichem Walliser Baustil, in die Jahre gekommenen Hotelanlagen und unter dem Gemeindepräsidium von Otto G.Loretan entstandenen Protzbauten ist, so war auch das diesjährige Festivalprogramm höchst abwechslungsreich – und im Gegensatz zum architektonischen Landschaftsbild sehr gelungen.

Im Rausch erlebt, im Rausch geschrieben

So hatte denn neben schwerer Kost wie dem bereits erwähnten Laszlo Krasznahorkai ebenfalls eine multimediale Lesung aus Airens „Strobo“ (dem Buch, aus welchem eine gewisse Helene Hegemann schamlos ganze Passagen abkupferte und als eigene Erlebnisse verkaufte) im Programm Platz. Da der Autor Airen weiterhin anonym bleiben möchte, wurde seine in Buchform verewigte Techno-Blog-Prosa von Deef Pirmasens vorgetragen. Dieser hatte Hegemanns literarischen Diebstahl in seinem Blog aufgedeckt, indem er Textpassagen aus Hegemanns und Airens Büchern gegenübergestellt hatte. Ob die wochenendlichen Party-, Sex- und Drogenexzesse eines jungen Unternehmensberaters in und um den berühmt-berüchtigten Berliner Klub „Berghain“ als Literatur gelten sollen, sei dahingestellt.  Nachdenklich machen die im Rausch erlebten und im Rausch geschriebenen Erlebnisse allemal: Da fühlt sich jemand so allein, dass er versucht, seine Einsamkeit und innere Leere mit zwölf täglichen Joints, Alkohol, allen möglichen Designerdrogen und sexuellen Eskapaden zu überdecken. Ein Schrei nach Liebe sei das Buch gewesen, erzählte Airen später in einem Interview und sprach von einer „grauenvollen Phase“. Mittlerweile lebt er in Mexiko, ist glücklich verheiratet und die Party-Szene Berlins ist sowohl geographisch als auch ideell weit weg.

Schummerstimmung in Schummertal

Keine multimediale Performance an und für sich, aber dennoch ein Erlebnis der etwas anderen Art war die Mitternachtslesung von Pedro Lenz im Bergrestaurant des Gemmi-Passes auf 2350 Metern über Meer. Die Anfahrt in der im Dunkeln hoch über dem Abgrund schwebenden Gondel, dicht gedrängt mit anderen Festivalbesuchern, war nichts für klaustrophobisch veranlagte oder unter Höhenangst leidende Zeitgenossen. Man kam jedoch –wie auch sonst während des Festivals- schnell mit anderen Literaturfreunden ins Gespräch und bald kamen Ideen für weitere Veranstaltungsorte auf: Wieso nicht in der Gondel oder gar in der Felswand hängend? Spezielle Leseorte seien gerade ziemlich en vogue, meinte einer der Anwesenden. Davon lebe beispielsweise die Lit.cologne, welche Krimis in einem Polizeipräsidium vorstelle. Ein anderer warf in die Runde, an einem Festival in Litauen habe es gar eine Lesung in einem ehemaligen Atomraketenstützpunkt gegeben.

Mitternachtslesung mit Pedro Lenz
Mitternachtslesung mit Pedro Lenz

Zurück in die Walliser Berge: Oben auf der Gemmi wurden die Literaturbegeisterten mit Fackeln und Glühwein empfangen. Im Restaurant sorgten Kerzen auf den Tischen und das Licht einer einzigen Leselampe für Schummerstimmung, passend zum ersten Roman von Pedro Lenz, „Der Goalie bin ig“, welcher in Schummertal, einer Durschnitts-Kleinstadt im Mittelland, spielt. Lenz, in den letzten Jahren als Spoken-Word-Performer und Verfasser von Mundart-Erzählungen zu einer Art Literatur-Popstar aufgestiegen, ist mit seinem ersten längeren Werk ein furioser Roman über die Lebenswelt eines soeben aus der Strafanstalt entlassenen, ehemaligen Drogensüchtigen gelungen, der versucht, im Alltag wieder Fuss zu fassen und doch immer wieder von seiner Vergangenheit eingeholt wird. Sogar in der standarddeutschen Übersetzung von Raphael Urweider, aus welcher während der Lesung erstmals Ausschnitte zu hören waren, büsste der Text nichts von seinem Charme und seiner Brillanz ein. Nur schade, dass Pedro Lenz etwas gar missmutig in die Runde blickte.

Hunde im Weltall

Einen Tag später, zum Abschluss des „Literarischen Abends“, während welchem 12 Autoren und Autorinnen jeweils zehnminütige Kurzlesungen boten, war Lenz sichtlich besser gelaunt und legte zusammen mit Raphael Urweider und dem Ukrainer Serhij Zhadan als Trio Infernale ein Finale Furioso hin. Die drei hatten sich während einer gemeinsamen Ukraine-Tour im vergangenen Jahr angefreundet und sichtlich Spass am gemeinsamen Auftritt. Zhadan, der in seiner Heimat bei Lesungen riesige Hallen füllt, hatte am Nachmittag bereits sein neustes, aberwitziges Werk „Hymne der demokratischen Jugend“ vorgestellt. In sechs temporeichen Episoden treten darin Helden der postsozialistischen Umbruchszeit, wie beispielsweise ein handicapierter Akkordeonspieler oder ein Heizer im Krematorium, auf.

Am Abend nun trug er in einem ukrainischen Wortschwall Kurzprosa vor, die danach von Urweider in deutscher Sprache wiedergegeben wurde, sowie einen Rap seiner Band „Hunde im Weltall“, in welchem die Rede davon ist, wie „300 Chinesen ganze Tag nach Budapest fahren“. Lenz präsentierte seinen „Standard“ vom Lottospieler, der sich lautstark Gedanken macht, was er bei einem Sieg mit dem Geld anstellen würde und sich dabei in einen wahren Redeschwall versteigt. Der Text wurde sodann, zur Gaudi der Anwesenden,  von dem befreundeten schottischen Autor Donal McLaughlin in dessen Übersetzung präsentiert. Kurz vorher hatte bereits Christoph Simon die Anwesenden mit einem Crash-Kurs in Französisch und Italienisch für in der Schweiz weilende Deutsche sowie einer Fülle von Fragen (Halten Sie sich für sensibel und sind doch nur beleidigt? Was haben Menschen, die nicht im Bus und auf der Strasse telefonieren, zu verbergen?) zum Schmunzeln und Nachdenken gebracht.

Sich spazierend die Welt aneignen

Ein Höhepunkt der drei Festivaltage war auf jeden Fall der von Christoph Simon begleitete literarische Spaziergang durch die Dala-Schlucht. Am Anfang und Ende der erst vor ein paar Jahren begehbar gemachten Schlucht (für nicht ganz Schwindelfreie stellt der Weg mit einer Hängebrücke und schwankenden Leitern allerdings einige Hindernisse dar) setzten sich die Teilnehmer ins Gras und lauschten Christoph Simon, der passenderweise Ausschnitte aus seinem neusten, vierten Roman „Spaziergänger Zbinden“ vortrug. Darin begleitet der junge Zivildienstleistende Kâzim den 87-jährigen, passionierten Stadtspaziergänger und ehemaligen Lehrer Lukas Zbinden durch ein Betagtenheim. In einem grandiosen Monolog gibt der alte Mann nicht nur ein Plädoyer fürs Spazierengehen ab („Spazieren heisst: Aneignung der Welt“), sondern erzählt seinem jungen Betreuer vor allem die Geschichte der lebenslangen Liebe zu seiner verstorbenen Frau Emilie. Mit „Spaziergänger Zbinden“ ist Christoph Simon, inspiriert von einer Begegnung mit dem Schriftsteller Gerhard Meier,  einer der anrührendsten und schönsten Schweizer Romane der letzten Jahre gelungen. Die Begeisterung der Mitspaziergänger führte mittels Mund-zu-Mund-Propaganda dazu, dass das Buch während des Wochenendes zum Verkaufsschlager wurde und am letzten Festivaltag kein Exemplar mehr erhältlich war.

Spazierganglesung mit Christoph Simon
Spazierganglesung mit Christoph Simon © Beat Schweizer

Der Pete Doherty des Literaturbetriebs

Als eigentliche literarische Entdeckung kann der französische Autor Jérôme Lafargue bezeichnet werden, der in Leukerbad sein erstes, in Frankreich mit Preisen überhäuftes und nun in deutscher Sprache erschienenes Werk „Der Freund Butler“ vorstellte. Darin begibt sich ein Mann namens Johan in den Provinzort, aus welchem sein Zwillingsbruder Timon spurlos verschwunden ist, um der Polizei bei den Nachforschungen zu helfen. Vor dem Verschwinden war sein Bruder ein erfolgreicher, aber zurückgezogener Schriftsteller, der zuletzt Biografien fiktiver Autoren verfasst hatte. Zwei davon gab es in Leukerbad zu hören und beide sind wunderbare Satiren auf den Literaturbetrieb: Owen W.Butler erhielt im ausgehenden 19.Jahrhundert zwar höchste literarische Auszeichnungen für seine Novellen und Gedichtbände, brachte aber für einen geplanten Roman nur gerade einen einzigen Satz zustande, bevor er im wahrsten Sinne des Wortes verstummte (was in gelehrten Kreisen zu den wahnwitzigsten Erklärungen führte) und seine Leiche Jahrzehnte später bei Renovationsarbeiten wieder auftauchte. Der blasse und blasierte Malcolm Dunbarne, eine Art Pete Doherty des Literaturbetriebs, avancierte im England der 80er-Jahre mit Werken wie „Faster and Deeper“, „Smooth and Clean“ und „Becoming a piece of furniture“ zum Shooting-Star, bis das Publikum seine Geschichten von Sauf-, Sex- und Drogenexzessen satt hatte, und die „wüste Karikatur des Enfant Terrible“, unfähig ein „richtiges Buch“ zu schreiben, seinem Leben mit Gin und 18 Kapseln ein Ende setzte. Lafargue gelang mit „Der Freund Butler“ ein literarisches Verwirrspiel der Extraklasse, bei dem Fiktion und Realität vergnüglich miteinander verschmelzen.

Suchen ist seliger denn Finden

Wie Fiktionen muten auch die Geschichten in Judith Schalanskys „Atlas der abgelegenen Inseln. Fünfzig Inseln auf denen ich nie war und niemals sein werde“ an. Die Autorin und Kommunikationsdesignerin Schalansky hat jedoch die Episoden, mit denen sie jedes der für das Buch ausgewählten, oftmals öden und unwirtlichen Eilande präsentiert, gründlich recherchiert. So findet man in dem auch optisch sehr schön aufgemachten Band Geschichten von Schatzsuchern wie dem Deutschen August Gissler, der 16 Jahre lang die Kokos-Insel umgegraben hat, jedoch getreu nach dem Motto „Suchen ist seliger denn Finden“ nur ein paar Dukaten und einen vergoldeten Handschuh entdeckte. Schauerliches spielte sich auf der Insel St.Kilda in den Äusseren Hebriden ab. Dort grassierte jahrelang eine vermeintlich mysteriöse 8-Tage-Krankheit, welcher neugeborene Kinder zuhauf erlagen, bis sich herausstellte, dass die des Schreibens und Lesens unkundige Hebamme die Säuglinge jeweils mit Tetanus infiziert hatte.

Die zugleich schönste und unglaublichste Geschichte ist diejenige des Franzosen Marc Liblin, der als Kind im Traum eine Sprache erlernte, die niemand verstand. Erst als er Mitte dreissig war, interessierten sich Forscher der Universität Rennes für ihn. Sie brachten ihn mit Matrosen zusammen, von denen einer die Sprache auf der polynesischen Insel Rapa Iti schon einmal gehört hatte und eine von dieser Insel stammende Frau kannte, die in der Nähe von Rennes lebte. Marc Liblin traf also die einzige Frau, die ihn verstand und verliebte sich in sie. Die beiden heirateten und zogen nach Rapa Iti. Übrigens, auch wenn die Schweiz keinen Meereszugang habe, meinte Judith Schalansky zur Einleitung ihrer Lesung verschmitzt, so habe das Land doch eine gewisse Affinität zum Thema Inseln.

Karrieretechnisch die Handbremse lösen

Ein ebenso verschmitzter Zeitgenosse ist der deutsch-isländische Schriftsteller Kristof Magnusson, der in Leukerbad mit Lesungen aus seinem zweiten Roman „Das war ich nicht“ die Anwesenden verzückte. In seinem Buch lässt Magnusson drei Figuren am Rande des Nervenzusammenbruchs aufeinandertreffen: Der junge deutsche Börsenhändler Jasper Lüdemann ist davon überzeugt, mit einer Stelle in Chicago „karrieretechnisch die Handbremse gelöst“ zu haben und hat seinen Arbeitsplatz im Händlersaal bereits mit der königsblauen Fahne seines Lieblings-Fussballklubs markiert. Nach der Rückkehr von einer Schulung in London muss er feststellen, dass man bei seinem Arbeitgeber sehr wohl auf seine Dienste verzichten kann. Der alternde schwule Bestsellerautor Henry La Marck hat in einer englischen Talkshow in Anwesenheit von Elton John vollmundig verkündet, er habe bereits einen Tag nach den Anschlägen auf das World Trade Center mit der Arbeit an einem grossen 11.September-Roman begonnen.

Seitdem warten alle auf einen Jahrhundertroman, der Verlag hat bereits ein Marketing-Konzept ausgeheckt – doch geschrieben ist von dem angestrebten Mammutwerk noch keine einzige Zeile. Stattdessen verbunkert sich der Autor in einem Hotel und verliebt sich in die Foto eines Bankers, der verzweifelt auf die fallenden Kurse statt. Derweil wartet die Übersetzerin Meike Obansky, die soeben von Hamburg in ein Häuschen auf dem Lande gezogen ist und sich „nur noch daran gewöhnen muss, dass es so richtig schön ist“, vergebens auf das neuste Manuskript „ihres“ Autors, von dessen Buchübersetzungen sie ihren Lebensunterhalt bestreitet. Magnusson ist als Theaterautor ebenfalls erfolgreich und so wird „Das war ich nicht“, welches die Buchtante Iris Radisch jüngst als „Literatursimulation“ bezeichnete, folgerichtig im Herbst im Theater Basel uraufgeführt werden. Eine Première, auf die man sich freuen darf.

Die Super-Blondine

Eine Wohltat und herrlich erfrischend waren ebenfalls die Lesungen von Milena Moser. In ihrem neusten Roman „Möchtegern“ wird die ehemalige Erfolgsschriftstellerin Mimosa Mein (laut der Autorin eine „Variation von ihr“) in die Jury der neusten Casting-Show des Schweizer Fernsehen namens „Die Schweiz sucht den SchreibStar“ berufen. Als „Hasbeen“ soll sie Nachwuchsautoren, die „Wannabes“, beurteilen. Natürlich ist alles ein abgekartetes Spiel und die Siegerin durch die Verantwortlichen der Show bereits vorbestimmt. Zwar ist „Möchtegern“ nicht Mosers stärkstes Buch, da die Handlung auf über 450 Seiten manchmal etwas unentschieden zwischen Satire und Krimi pendelt und die Message, dass jeder schreiben kann, der will, etwas gar penetrant wirkt.  Lesungen mit Milena Moser sind aber ein Erlebnis, denn die Autorin hat ein Gespür für Witz und das richtige Timing.

Milena Moser
Milena Moser

Moser trägt nicht nur Ausschnitte aus ihrem Buch vor, sondern gibt Anekdoten zum Besten und lässt den Zuhörer an der Entstehungsgeschichte des Buches teilhaben. „Möchtegern“ sei ihre „Super-Blondine“, meinte sie, geschrieben in einer beruflichen Midlife-Crisis. Sie habe „alles erreicht, was sie sich erträumt hatte, war versorgt, angekommen“ und hatte einen Vier-Bücher-Vertrag mit einem renommierten deutschen Verlag, als sie gemerkt habe, dass künstlerische Freiheit und finanzielle Sicherheit nicht unbedingt gleichzeitig zu haben seien. So löste sie sich „nicht ohne Mühe“ aus den Verträgen, um wieder schreiben zu können wie früher: Ohne Vorschuss, Vertrag, Vetreterkonferenzen und die Einflussnahme von Marketingabteilungen. Im Buch verarbeitete sie viele eigene Erfahrungen als angehende Schriftstellerin auf der Suche nach einem Verlag. Dabei liess sie sich damals einiges einfallen: So wusste Milena Moser, dass der Verleger Klaus Wagenbach eine bestimmte Sorte Champagner gerne trank. Sie besorgte sich eine Flasche davon, trank sie aus und versuchte, das Manuskript in die Flasche hineinzustopfen, was nicht gelang. So band sie das Manuskript rund um die leere Flasche und schickte das Paket nach Berlin – aus dem angestrebten Vertrag wurde jedoch nichts.

Das Land, in dem Grössenwahn gedeiht wie Unkraut

Heisst der Autor nicht gerade Ismail Kadare, findet albanische Literatur in den hiesigen Feuilletons kaum oder gar nicht statt. Mit der Einladung der beiden Schriftstellerinnen Ornela Vorpsi und Bessa Myftiu ist es den Organisatoren des Literaturfestivals Leukerbad nun gelungen, die albanische Literatur wieder einmal auf die literarische Landkarte zu setzen. Beide Autorinnen gehörten denn auch zu den positiven Entdeckungen am diesjährigen Festival. Ornela Vorpsi, 1968 in Tirana geboren, studierte in den neunziger Jahren an der Accademia die Belle Arti di Brera, schreibt in italienischer Sprache und arbeitet derzeit als Schriftstellerin, Fotografin und Videokünstlerin in Paris. Ihr erstes Buch „Das ewige Leben der Albaner“ ist eine mit beissendem Spott geschriebene Abrechnung mit ihrem Herkunftsland zur Zeit des Kommunismus, als der Diktator Enver Hoxha mit grausamer Willkür herrschte. Albanische Männer werden als archaische Frauenhasser und Zeitbomben beschrieben, die überall explodieren können. Dies in einem Land, in dem man „keinen Spass versteht und Grössenwahn gedeiht wie Unkraut“. Ihre eigene Schönheit erlebte die Autorin immer als Hindernis, da das kommunistische Regime alle Menschen gleich machen wollte. Schönheit war etwas, womit man aus der Reihe tanzte und damit war man zu verteufeln. Man sagte, wenn eine Frau schön sei, sei sie automatisch eine Hure und stellte mit dieser Gleichung die egalitäre Ordnung wieder her.

Nur wenig versöhnlicher ist das zweite Buch „Die Hand, die man nicht beisst“, welches fragmentarische Reminiszenzen an die Vergangenheit beinhaltet. Die Ich-Erzählerin reist darin aus Paris nach Sarajevo, um einen vermeintlich kranken Freund zu besuchen, welcher jedoch vor allem am Weltschmerz leidet. Auch Bessa Myftiu, die seit 1992 in Genf lebt, wo sie einen Lehrauftrag im Bereich Erziehungswissenschaften hat und „aus Liebe“ ihre Bücher in französischer Sprache schreibt, blickt in ihrem ersten auf Deutsch erschienenen Roman „An verschwundenen Orten“ in die Vergangenheit zurück. Sie erzählt aus der Perspektive eines Mädchens die Geschichte ihrer Familie und ihrer Kindheit in Albanien. Der Vater geriet beim Regime in Ungnade, wurde psychiatrisiert, erhielt Schreibverbot und verdiente danach seinen Lebensunterhalt als Kioskverkäufer. Bei aller Schwere der Themen blitzt in ihrem Buch jedoch immer wieder Humor auf, beispielsweise in der Episode der wahrsagenden Grossmutter. Das Regime will ihr die Aktivitäten verbieten und schickt einen Polizeikommandanten vorbei, um die alte Frau zum Verhör mitzunehmen. Mit einer Charmeoffensive wickelt die Grossmutter den Polizisten jedoch um den Finger, liest ihm die Karten, worauf dieser hocherfreut mit einem Kuchen zurückkehrt, denn sie habe ihm sehr geholfen.

Vom Immigrantenkind zum Gesellschaftslöwen

Es liessen sich in Leukerbad jedoch nicht nur bisher wenig bekannte Autoren und Autorinnen entdecken. Zwei Bestsellerautoren reisten gar mit noch unveröffentlichten Manuskripten an und lasen erstmals Kostproben daraus vor. Rolf Dobelli, schriftstellernder CEO des weltweit führenden Anbieters von Buchzusammenfassungen, präsentierte sein sechstes Werk „Massimo Marini“, welches Ende September erscheint. Der Gesellschafts- und Entwicklungsroman deckt die zweite Hälfte des letzten Jahrhunderts ab und beginnt Anfang der Fünfzigerjahre, als 300’000 bis 400’000 Italiener als billige Arbeitskräfte in die Schweiz geholt wurden. Sie wohnten in Baracken auf Fabrikgeländen, da sie keine eigenen Wohnungen haben durften. Der Nachzug von Familienmitgliedern war ebenfalls verboten.

So wird Massimo Marini als Säugling in einem Koffer in die Schweiz geschmuggelt und neun Jahre lang versteckt gehalten, damit seine Eltern die Aufenthaltsbewilligung nicht verlieren. Sein Vater arbeitet sich zum erfolgreichen Bauunternehmer hoch. Als Jugendlicher weigert sich Massimo, in die Fussstapfen seines Vaters zu treten, studiert Germanistik statt Architektur, nimmt an den Operhauskrawallen in Zürich und an Anti-Atom-Demonstrationen teil. Nach dem Tod des Vaters wird er aber dessen Unternehmen übernehmen, vom Linken zum Rechten, vom Opernhausdemonstranten zum Opernhaussponsor und erfolgreichen Geschäftsmann mutieren, dessen Firma unter anderem für den Bau von zentralen Abschnitten des Gotthard-Basistunnels verantwortlich ist. Rolf Dobelli, der die Geschichte in Rückblenden von Massimo Morinis Anwalt erzählen lässt, schreibt in einer schnörkellosen Sprache, trägt aber dramaturgisch ab und zu etwas gar dick auf.

Das Schicksal eines irischen Geschwisterpaars

Um einiges weniger durchsichtig ist das neuste Epos von Rolf Lappert mit dem Titel „Auf den letzten Inseln des Lichts“, welches ab Mitte August im Handel erhältlich sein wird. Auf erste Ausschnitte aus Lapperts Werk war man besonders gespannt, erhielt der Autor für sein letztes Buch „Nach Hause schwimmen“ doch nicht nur höchstes Kritikerlob im ganzen deutschsprachigen Raum, sondern ebenfalls den ersten Schweizer Buchpreis. Lappert, der seit zehn Jahren in Irland lebt und von sich sagt, er habe eine unbeschwerte Kindheit gehabt, deshalb schreibe er über unglückliche Kindheiten, stellt in seinem über 500-seitigen Buch ein irisches Geschwisterpaar in den Mittelpunkt. Tobey versucht sich in  Dublin als Rockmusiker und macht sich im ersten Teil der Geschichte auf den Weg nach einer abgelegenen philippinischen Insel, wo Wissenschaftler und Versuchstiere einer einstigen Forschungsstation für Primaten vor sich hin vegetieren und Tobey seine verschollene Schwester Megan vermutet. Diese hat sich durch ihre fanatische Leidenschaft für den Tierschutz in Schwierigkeiten gebracht.

Der zweite Teil des Romans führt die Leser in die Vergangenheit und auf jene Farm im Südwesten Irlands, auf welcher Tobey und Megan aufgewachsen sind. Die Mutter verlässt die Kinder (worauf diese im katholischen Irland eine gewisse lokale Berühmtheit erlangen); der Vater ist ein sturer Hund, der auf seinem Hof herumwerkelt. Um den Haushalt kümmert sich eine Nachbarin, die für einen Kindsmord einige Zeit im Gefängnis verbracht hat. Nach dem Tod des Vaters verlässt Megan den Hof und schliesst sich einer Gruppe von Tierschützern an. Als Tobey volljährig ist, zieht er ebenfalls weg und gründet in Dublin eine Band. Im Schlussteil des Buches wird man als Leser dann, so kündigte der Autor an, erfahren, was mit Megan auf der philippinischen Insel passiert ist. Wie in „Nach Hause schwimmen“ fasziniert Lappert auch in seinem neusten Roman mit einer liebevollen und detailreichen Beschreibung seiner Romanfiguren und deren Lebenswelten. Die Lesung von Rolf Lappert am späten Sonntagnachmittag bildete somit den krönenden Abschluss eines an literarischen Höhepunkten reichen Festivals.

Das 16. Internationale Literaturfestival Leukerbad wird vom 1. bis 3. Juli 2011 stattfinden.


Im Netz
www.literaturfestival.ch

Ein Gedanke zu „15. Literaturfestival Leukerbad 2010

  • 11.07.2013 um 17:01
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    Mir im Themalbad was schönes vorlesen lassen ? Ein Feeling, dass ich mir gut vorstellen kann !

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