„Man musste auch in gewisser Weise ein Nerd sein, wenn man in diese Welt eintauchen wollte.“

„Man musste auch in gewisser Weise ein Nerd sein, wenn man in diese Welt eintauchen wollte.“

Sista Bliss an ihren Keys am Open Air Zürich. Bild: www.tilllate.ch
Sista Bliss an ihren Keys am Open Air Zürich. Bild: www.tilllate.ch

Interview, Sister Bliss von Faithless, 28.8.2010

nahaufnahmen.ch hatte am Zürich Open Air die Gelegenheit backstage mit Sister Bliss ein kurzes Interview zu führen. Ein Gespräch über Festivalauftritte, Madonna, Ladygaga und ihre Anfänge als DJ.

nahaufnahmen.ch: Du warst im April für ein Konzert im Zürcher Volkshaus. Magst du die grossen Festivalgigs im Freien lieber als Clubkonzerte?

Sister Bliss: Nun jedes Konzert ist anders. Aber ich liebe die Festivals, weil man hier auch für Leute spielt, die nicht unbedingt deine Fans sind. Wenn man alleine spielt ist das auch toll, weil alle deine Fans kommen, nur um dich zu sehen. Aber Leute für sich als Fans zu gewinnen, die Faithless noch nicht kannten, dass ist es was jede Band will. Wir wollten immer ein so grosses Publikum wie möglich erreichen. Was ich besonders mag, sind Leute die sagen: „Oh, ich kann mit dieser Dance-Music überhaupt nichts anfangen, die sind total verrückt. Aber ich liebe Faithless.“ An einem Gig wo alles deine Fans sind, kriegst du so was nicht, da sich dich sowieso schon alle lieben. Daher gehe ich sehr gerne an Festivals.

nahaufnahmen.ch: Wie unterscheidet sich bei euch konzeptuell ein Festival-Gig von einer Clubshow?

Sister Bliss: Nun bei einem Festival ist alles limitiert. Du hast 30 andere Bands, die auch spielen. Bei einer Clubshow bist du der Master of Production. Du kannst exakt bestimmen wie du es haben willst. Es gibt einen Soundcheck, grundsätzlich einfach mehr Kontrolle. Andererseits sind wir eine Band, meine ich, die soundmässig kraftvoll und visuell interessant anzusehen ist. So lange aber bei einem Festival, ein paar blitzende Lichter und eine gute Soundanlage da ist, wird alles gut.

nahaufnahmen.ch: Wie fest seid ihr von der Band z. Bsp. beim Lichtkonzept involviert?

Sister Bliss: Nun, man holt sich einen Light-Designer für eine Zusammenarbeit. Wir arbeiten mit demselben Light-Designer wie Placebo. Es macht wunderbare Sachen auf grossen LED-Screens. Wir sind jedoch eine Band, die live in erster Linie von ihrer Energie lebt und erst in zweiter Linie drumherum. Wenn du dir ein grosses Popkonzert anschaust, Madonna oder Lady Gaga, da ist alles bis ins Letzte durchgeplant. Die Tanzchoreo, die Lichter, die Köstumwechsel, da bleibt kein Spielraum für Band. Ich sage dass, weil ich Leute kenne, die in diesen Bands spielen. Das erste Konzert ist aufregend, aber danach ist es ständige Wiederholung. Bei uns haben wir acht Personen auf der Bühne und Maxi mit seinen Lyrics würde eigentlich alleine schon ausreichen, um die Leute zu rocken. Wir performen zusammen und es entsteht eine ungemeine Kraft. Das sagen jedenfalls die Leute.

nahaufnahmen.ch: War es eine grosse Herausforderung, eure elektronische Dancemusik live mit einer Band auf der Bühne umzusetzen?

Sister Bliss: Ja, auf jeden Fall. Wir waren zu Beginn ein richtiges Studioprojekt. Wir hatten keine Ahnung, dass wir je eine Liveband werden würden. Weil wir jedoch von unserer ersten Platte so wenig verkauften, riet uns unser Labelmanager, dass wir live spielen sollten. Zu Beginn spielten wir im Jazz-Café in London für 400 Leute. Danach wurden es Clubs für 1000 und später für spielst du plötzlich für 5000 Leute. Wir rekonstruierten dabei Faithless für den Liveact. Ich spielte einen Haufen der Instrumente selbst. Wir mussten also zuerst eine Band zusammenstellen, da ich ja nicht alles selbst machen konnte. Wir wollten auf keinen Fall einfach einen Dj auf der Bühne, das wäre einfach zu langweilig. Mit richtigen Musikern kriegst du einfach eine andere Energie, alles wird lebendiger. Wir wollen da bei auch auf keinen Fall, dass wir live genauso tönen, wie auf der Platte. Es sollte live mehr ein Remix des Songs auf der Platte sein, denn man will ja als Zuschauer nicht das Gleiche hören wie zu Hause.

nahaufnahmen.ch: Du warst 1987 eine der ersten Frauen, die sich als DJ in der elektronischen Musik etablieren konnte. Warum gibt es nicht mehr Frauen in der Szene? Siehst du dich als eine Art Pionierin?

Sister Bliss: Nun, ich habe ein paar Theorien. Eine davon ist die, dass in meiner Generation, die Mädchen nicht unbedingt dazu ermutigt sich mit Technologie zu befassen. Es hatte damals noch kein Gleichgewicht zwischen der Wissenschaft und dem Künstlerischen. Die Jungs wurden in die eine Richtung gepusht, und die Mädchen in die andere. Dazu kam, dass den Mädchen wohl auch etwas das Selbstvertrauen fehlte. Ein Mischpult und so viele Knöpfe und Tasten, das kann vielleicht etwas entmutigend wirken. Man musste auch in gewisser Weise ein Nerd sein, wenn man in diese Welt eintauchen wollte. Für mich war es einfach eine grosse Leidenschaft. Es war meine Obsession. Ich weiss nicht…(überlegt kurz). Es ist auch ein hartes Leben. Jeder macht Party und du bist diejenige, welche die Party schmeisst. Ich fuhr alleine in meinem Auto durch ganz Grossbritannien. Nacht für Nacht an verschiedene Gigs, um mir einen Namen zu machen. Das war wirklich verdammt hart.

nahaufnahmen.ch: Wurdest von Beginn weg akzeptiert? Wie hat man dich in der Szene aufgenommen?

Sister Bliss: Nun was mir auffällt, ist, dass es männliche DJs gibt, die nach kürzester Zeit weltberühmt werden und ich habe so viele Millionen von Platten mehr verkauft als diese Jungs. Darüber kann ich echt nur lachen. Andererseits wenn man mich als Frau sieht, die sich durchgesetzt hat, dann inspiriert das vielleicht andere Frauen diesen Weg zu gehen. Man hat nie daran geglaubt, dass Frauen Ärztinnen sein könnten, bis man Ärztinnen gesehen hat, oder nicht? Aber ich weiss nicht, ob ich mich eine Pionierin nennen will.

Zürich Open Air Review




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