Warum Menschen ihren Abfall auf die Strasse werfen.

Die Anderen tun es ja auch

Eine einsame Dose

Besonders in der wärmeren Jahreszeit liegt auf öffentlichen Plätzen Müll in rauen Mengen. Dass er auf Parkbänken und in Blumenkisten nichts zu suchen hat, weiss jeder. Warum aber lassen die Menschen ihren Abfall trotzdem liegen?

Unterwegs schnell noch einen Becher Kaffee hinunter gekippt oder einen Schokoladenriegel verputzt – doch wohin mit dem Abfall? Viele Passanten deponieren ihre lästig gewordenen Verpackungen an allen möglichen Stellen – nur nicht im Mülleimer.

Den „Nicht-Litterer“ mag dieses Verhalten befremden. Warum werfen Menschen, bar jeder Vernunft, ihre Abfälle und Zigarettenstummel achtlos auf die Strasse oder in die Büsche? „Das war keine Absicht; das ist doch gar nicht so schlimm; was sollte ich sonst damit tun; die andern tun es ja auch; normalerweise bin ich umweltbewusst“ – antworten die Wegwerfer.

„Das sind Rationalisierungen und Rechtfertigungen für das eigene, sozial nicht erwünschte Verhalten“, erklärt Ralph Hansmann, Dozent am Departement für Umweltwissenschaften der ETH Zürich. Oder anders ausgedrückt: Litterer wissen eigentlich, dass ihr Verhalten falsch ist.

Der Litterer, wer ist das?
„Weniger der Charakter als vielmehr die Situation und die sozialen Einflüsse bestimmen, ob jemand zum Litterer wird“, erklärt Littering-Experte Hansmann. Besonders häufig geschieht dies an Grossanlässen: Grund für das veränderte Verhalten ist – neben dem erhöhten Alkoholkonsum – das Gefühl, die soziale Norm erlaube in dieser Situation das Littering.

Ein Gefühl, das oft entsteht, wenn wir uns an Andern orientieren. Wir imitieren einfach, was üblich scheint und „was alle tun“. Dies belegen zahlreiche Littering-Experimente, die Wissenschaftler seit Jahrzehnten an öffentlichen Orten wie Fussballstadien, Schwimmbädern und Kinos durchführen. Ist die Umgebung bereits verschmutzt, neigen die beobachteten Menschen eher zum achtlosen Wegwerfen.

Sie littern jedoch weniger, wenn – gut sichtbar platziert – nur ein einzelner Gegenstand am Boden liegt. Die Erklärung: Dieser Abfall macht unser Gehirn darauf aufmerksam, dass die Umwelt ansonsten sauber ist. Dadurch wird das Verhaltensmuster „was getan werden sollte“ aktiviert. Ein Wink mit dem Zaunpfahl sind auch Abfalleimer: Gross, gut sichtbar und leicht zugänglich werden sie tendenziell häufiger frequentiert.

Mehr Littering trotz Aufruf
Solche positiven Verhaltensmuster möchten auch die Anti-Littering-Kampagnen aktivieren. Allerdings sind deren Macher gut beraten, ihre Botschaft subtil zu vermitteln. Denn Experimente haben gezeigt: Lautet der Aufruf „Abfälle wegwerfen verboten“, liegt schon bald mehr Müll herum. Der Mensch fühlt sich durch das Verbot in seiner persönlichen Freiheit eingeschränkt und neigt zu einer Trotzreaktion – ein Fall von so genannter Reaktanz.

Trotzdem gehen einige Städte und Kantone diesen Weg. So die aktuelle Solothurner Kampagne, die Litterern unmissverständlich Bussen androht. „Gut möglich, dass diese Kampagne Reaktanz auslösen wird“, kommentiert Ralph Hansmann. „Der potentielle Litterer passt sich nur dort an die geltenden Regeln an, wo er sich beobachtet fühlt.“ Wenn niemand zuschaut, lässt er wieder alles liegen.

Ralph Hansmann setzt daher vielmehr auf die Verinnerlichung von Anti-Littering-Normen in der gesamten Bevölkerung. Viel Arbeit also noch für die Kampagnenmacher. Bis wir es alle wirklich begriffen haben, landet noch so mancher Becher im Gebüsch, noch so manche Dose unter der Bank.

Stichwort Littering
Littering (von engl. „litter“: Abfall, „to litter“: wegwerfen, verstreuen) bezeichnet das achtlose Liegenlassen und Wegwerfen von Abfällen im öffentlichen Raum. Lebensmittelverpackungen, Zigarettenstummel und Gratiszeitungen sind in der Schweiz die häufigsten Abfälle. Sie bleiben vor allem in den Städten und auf Picknickplätzen liegen. Plastikabfälle und andere biologisch nicht abbaubare Materialien belasten die Umwelt. Wer vom Littering betroffene Orte besucht,  fühlt sich unwohl, dies bestätigen Umfragen. Daneben verursacht die Reinigung hohe Kosten für die öffentliche Hand. Vom Littering zu unterscheiden ist das gezielte illegale Deponieren von Haushaltsmüll.

Im Netz

Bundesamt für Umwelt

Littering.ch

Litteringbussen Kanton Solothurn

Cigarette Litter Organization

 

4 Gedanken zu „Warum Menschen ihren Abfall auf die Strasse werfen.

  • 22.10.2018 um 12:33
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    Ich habe zufällig diesen Artikel gelesen und kann das alles nur bestätigen.Auch ich mache die Erfahrung, dass zu bereits weggeworfenem Müll gerne noch mehr dazugetan wird.
    Schrecklich. Mich stößt es ab und ärgere mich darüber.
    Das Niveau der Menschen hat sehr nachgelassen.

  • 23.10.2018 um 22:26
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    Der Artikel ist ja mittlerweile 8 Jahre alt – aber das Problem ist keineswegs kleiner geworden, im Gegenteil. Alle Bemühungen seitens der Behörden haben wenig bis nichts gebracht. Immerhin gibt es inzwischen doch die eine oder andere Organisation, die sich dem Thema widmet. Und der überall herumliegende Abfall ist einer etwas breiteren Öffentlichkeit – auch dank Medienpräsenz – besser ins Bewusstsein gerückt als auch schon. Abfall aufzusammeln ist in gewissen Kreisen sogar wieder in. Es gibt wohl zurzeit mehr Abfallsammelaktionen als vor acht Jahren. Auch grosse Aktionen, die die Ozeane reinigen wollen, gehören dazu. Sicher keine schlechte Idee, aber es wäre wahrscheinlich einfacher bei der Ursache anzupacken. Wir müssen dringend beginnen, weniger (Plastik-)Abfälle zu produzieren – und wenn doch, diese wenigstens fachgerecht zu entsorgen, d.h. in modernen Verbrennungsanlagen.

  • 30.04.2019 um 17:20
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    Wenn genügend Mülleimer zur Abfallentsorgung bereitstehen, werden die auf jeden Fall gerne genutzt. Lässt sich aber flächendeckend eigentlich nur in der Innenstadt umsetzen

  • 13.05.2019 um 12:53
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    …selbst wenn gerade keine Mülleimer bereitstehen oder diese hoffnungslos überfüllt sind – ist es denn wirklich so schlimm, die Verpackung eines Snacks einfach mal für eine Weile in die Tasche zu stecken und sie dann halt zuhause wegzuwerfen? Mach ich so, hat mich noch nie gestört. Und wenn es mal zu viel Verpackungen sind, etwa beim Grillen am See, bereite ich mich halt vor und nehm ne Tüte mit und/oder achte darauf, nichts mit zu viel Umverpackung zu kaufen. Es kann doch so einfach sein…

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