Locarno – Semaine de la critique

Flucht aus dem hohen Norden

63. Festival del film Locarno – Semaine de la critique

Schiff des Torjaegers
"Das Schiff des Torjägers"

Die mittlerweile 21.Ausgabe der Kritikerwoche, organisiert vom Verband der Schweizer Filmjournalisten, erfüllte auch in diesem Jahr das selbst gesteckte Ziel, dem Publikum eine möglichst abwechslungsreiche Mischung von Dokumentarfilmen zu präsentieren, mühelos. Für Höhepunkte sorgten insbesondere die drei skandinavischen Beiträge über häusliche Gewalt, ein dunkles Kapitel des 2.Weltkrieges sowie einen Subutex-Junkie.

Von Christoph Aebi.

Nein, die Geschichte habe er nicht leicht verkraftet, meint Peter Pander, Manager des deutschen Fussballklubs VfL Wolfsburg. „Eine oder oder mehrere Millionen Euro hätten wir für Jonathan Akpoborie bei einem Transfer erhalten. Das war nun nicht mehr möglich.“ Was war geschehen? Akpoborie, erfolgreicher Torschütze des Klubs, ursprünglich aus Nigeria stammend, hatte seiner Familie zur Verbesserung der Lebensgrundlage und als eine Art Hilfe zur Selbsthilfe in Dänemark eine ausrangierte Fähre gekauft. Diese wurde auf den Namen der Mutter, Etireno, getauft und die Familie startete damit einen Fährbetrieb zwischen den Ländern Benin und Gabun.

Im April 2001 ging urplötzlich ein Aufschrei durch die Weltpresse: Das Schiff wurde als „Kindersklaven-Transporter“ bezeichnet, nachdem die Behörden Gabuns auf der Etireno über 40 Kinder ohne gültige Dokumente entdeckt hatten. Die Kinder waren von den Eltern zum Arbeiten in die Fremde geschickt worden. Als  internationale Organisationen wie „Terre des hommes“ und „Unicef“ erfuhren, wer der Besitzer des Schiffes war, machten diese Druck auf Volkswagen, den Sponsor des VfL Wolfsburg. Jonathan Akpoborie war als Fussballer für den Klub nicht mehr tragbar geworden, seine Karriere nahm mit der Affäre ein jähes Ende. Eine Schuld konnte ihm nicht nachgewiesen werden. Akpoborie meint heute dazu, er habe seinen Bruder jeden Monat gefragt, wieviel er mit dem Fährbetrieb verdient habe. Das sei alles gewesen, mehr habe er nicht gewusst.

Die Welt als globalisierter Sklavenmarkt

In ihrem neusten Dokumentarfilm „Das Schiff des Torjägers“ verwebt die Schweizer Regisseurin Heidi Specogna drei Erzählstränge: Die Geschichte des Schiffes Etireno (welches mittlerweile im Hafen von Cotonou hindümpelnd auf seine Verschrottung wartet, dessen Stahl in Europa aber dringend benötigt wird), diejenige des Fussballers Jonathan Akpoborie und das Schicksal zweier Kinder, welche damals als 9- und 10-Jährige auf dem Schiff waren. Nach langen Recherchen hat die Regisseurin zusammen mit ihrer Co-Autorin Christine Kretschmer die Kinder in Benin und Togo aufgespürt. Noch heute sind die beiden spürbar gezeichnet von den Erlebnissen auf dem Schiff und geschockt, dass ihre Eltern sie als Arbeitssklaven nach Gabun schicken wollten. Das Gehalt des ersten Monats hätten sie den Schleppern abgeben müssen, für die weiteren Monate sei vereinbart gewesen, 2/3 des Gehaltes an die Vermittler abzugeben. Akpoborie jedoch vergleicht das Schicksal der Kinder mit seiner Karriere als Fussballer: Der Begabteste werde für den sozialen Aufstieg der ganzen Familie in die Fremde geschickt.

Organisationen wie „Unicef“ hätten die Kinder nun davon abgehalten, das zu tun, was sie eigentlich tun wollten. Nicht nur bei dieser Aussage ging ein Raunen durch den Kinosaal. Akpoborie arbeitet heute als Spielervermittler, der gegen den Schluss des Films Murat Yakin und dem GC-Fussball-Internat einen Besuch abstattet. Über die begabten, jungen Fussball-Talente sprechen die beiden wie über Handelswaren. Die zwielichtige, bis jetzt nicht geklärte Rolle Akpobories und die Tatsache, dass er in Locarno sozusagen als Stargast des Films angekündigt wurde, der zur Präsentation des Films eine lange Reise gemacht habe, lassen einen bitteren Nachgeschmack zurück. Weil sich der Film jeglichen Off-Kommentars enthält, bleibt auch die Meinung der Regisseurin im Dunkeln.

Die familiären Muster durchbrechen

Radikal subjektiv, und zwar im positiven Sinne, ist hingegen „Blood calls you“, der erste lange Dokumentarfilm der 39-jährigen Schwedin Linda Thorgren. In dieser sehr persönlichen Spurensuche über die Gewalt von Ehemännern gegenüber ihren Frauen geht die Regisseurin der Frage nach, ob sie erblich vorbelastet sei. Thorgren, Tochter einer Kubanerin und eines Schweden, befand sich für eine Reportage auf Kuba, als sie ihren späteren Ehemann Alexis kennen- und lieben lernte. Bereits eine Woche nach seiner Ankunft in Schweden, schlug Alexis seine Frau zum ersten Mal. Die Schläge hörten auch nicht auf, als Linda Thorgren schwanger wurde. Es brauchte einige Zeit, Mut und einen Spiessrutenlauf durch diverse behördliche Instanzen, bis die Regisseurin es wagte, sich von ihrem Mann zu trennen und diesem verboten wurde, sich ihr und dem Kind zu nähern.

Während jener Zeit, 2006, begann Thorgren, ihr Leben mit der Videokamera zu dokumentieren und ihrer Mutter immer drängendere Fragen zu ihrem leiblichen Vater zu stellen. Lindas Mutter lernte ihren Mann, einen schwedischen Reporter, bei ihrer Arbeit im legendären Nachtclub „Tropicana“ in Havanna kennen. Als Linda 8 Jahre alt war, verliess der Vater die Familie wegen einer anderen Frau. Seitdem hatte Linda kaum mehr Kontakt zu ihrem Vater. Lindas Mutter weigert sich zunächst, vor der Kamera näher auf die Gründe der Trennung von ihrem Mann einzugehen. Nach und nach verhärtet sich jedoch Lindas Verdacht: Ihre Mutter war genauso wie sie das Opfer von häuslicher Gewalt geworden. Der Vater trank oft und wurde sowohl körperlich als auch verbal gewalttätig.

Blood calls you

Auf einer gemeinsamen Kuba-Reise mit ihrer Mutter erfährt Linda Thorgren nicht nur mehr über die „Auswanderungs-Methode“ kubanischer Männer (Liebe wird nur vorgetäuscht, da die Heirat mit einer Ausländerin die einzige Möglichkeit ist, dem sozialistischen Regime zu entkommen), sondern auch über ihre Vorfahren. Bereits ihr Grossvater wendete gegenüber seiner Frau körperliche Gewalt an. Deren erstes Kind starb, da er seine Frau während der Schwangerschaft schlug. In der Familie von Lindas Urgrosseltern war Gewalt ebenfalls an der Tagesordnung.

Der Versuch der Regisseurin, mit ihrem Film „Blood calls you“ häusliche Gewalt mit familiären Mustern zu erklären, löste nicht nur in Schweden (wo sie an Filmfestivals gefragt wurde, wieso sie eigentlich einen Film mache, statt in Therapie zu gehen) sondern auch bei der Auswahlkommission Diskussionen aus: So schrieb die Journalistin Pia Horlacher im Programmheft: „Auch nach vierzig Jahren ist die feministische Aufklärung noch nicht überall angekommen.(…) Denn mit dem „Ruf des Blutes“ versucht die junge Schwedin, sich ihr Unglück als eheliches Gewaltopfer rein familiär zu erklären – und muss daran natürlich scheitern. (…) Diese apolitische These von der individuellen weiblichen Opferbestimmung wird vor allem ältere Zeitgenossinnen befremden.“

Linda Thorgren führte jedoch klar aus, dass die Gewalt von Männern gegenüber Frauen ein gesellschaftliches und kein privates Problem sei. Ihr filmisches Selbstporträt gewinnt noch an Eindringlichkeit, indem sie ihren Vater, den sie nach Jahren für dieses Filmprojekt erstmals wieder aufsuchte, ebenfalls zu Wort kommen lässt. Dieser zeigt sich sehr selbstkritisch und sowohl Linda als auch die Zuschauer erfahren erstmals, dass Lindas Mutter ihn, kurz vor der Trennung, nach einem Streit mit einem Messer lebensgefährlich verletzte und er an diesen Verletzungen fast gestorben wäre. Linda Thorgrens Ex-Mann Alexis hätte im Film ebenfalls zu Wort kommen sollen. Er setzte sich jedoch 2008 nach Venezuela ab und wurde dort Opfer eines Raubmordes. Die Regisseurin dachte daraufhin darüber nach, ihr Filmprojekt abzubrechen, entschied sich aber dennoch zum Weitermachen: Der Film sei für ihre Tochter, die später einmal nicht Teil dieses familiären Musters sein solle.

Eine Fussnote in der finnischen Geschichte

Ebenfalls auf Spurensuche in die Vergangenheit, jedoch in diejenige ihres Heimatlandes, begab sich die finnische Regisseurin Virpi Sutari für ihren Film „Auf Wiedersehen Finnland“. Sie nahm sich eines Themas an, welches in ihrer Heimat gerne totgeschwiegen wird und in den Geschichtsbüchern, wenn überhaupt, nur als Fussnote auftaucht. Ende 1939 griff die UdSSR Finnland an und forderte die Abtrennung wichtiger strategischer Gebiete. Finnland verteidigte sich im sogenannten „Winterkrieg“ gegen die Sowjetunion, musste aber ein Jahr später im „Frieden von Moskau“ die umstrittenen Gebiete an die Sowjetunion abtreten. 1941 zog Finnland jedoch gemeinsam mit Deutschland gegen die Sowjetunion in den Krieg, 200’000 deutsche Soldaten wurden in Finnland stationiert.

Als 1944 Finnland mit der UdSSR einen Waffenstillstandsvertrag abschloss, welcher dem Land die Unabhängigkeit zusicherte, waren über Nacht die deutschen Soldaten zu Feinden geworden, die das Land unverzüglich verlassen mussten. Hunderte von Finninnen, welche sich in deutsche Soldaten verliebt hatten, und diese nicht alleine ziehen lassen wollten, folgten ihnen. Doch in Deutschland angekommen, fanden sie sich in zerbombten Städten wieder und oftmals in Familien, in welchen sie nicht willkommen waren. Teilweise waren ihre Freunde an die Ostfront abkommandiert worden, von welcher sie nicht mehr zurückkamen oder sie waren in ihrer Heimat bereits anderweitig gebunden. Zurück in Finnland wurden die Frauen geächtet und von der Gesellschaft verstossen.

auf wiedersehen finnland

Verständlich, dass sie jahrzehntelang nicht über ihre Erlebnisse reden wollten. Über Verwandte lernte die Regisseurin eine dieser Frauen kennen. Sie benötigte jedoch mehrere Jahre, um durch Informationen aus Archiven und polizeiliche Unterlagen drei weitere Frauen aufzuspüren und sie davon zu überzeugen, bei ihrem Filmprojekt mitzumachen. Entstanden ist eine behutsame Annäherung an die vier Protagonistinnen. Da ist Elma, die ihr abgelegenes Haus in Lappland mit selbst hergestellten Wandteppichen dekoriert hat, auf denen Sprüche wie „Vergeben und vergessen“ prangen, mit denen sie sich selbst zu heilen versucht. Wenn sie über ihre Mutter spricht, die sie als „Hure“ betitelt und aus dem Haus gejagt hatte, als sie erfuhr, dass ihre Tochter sich in einen deutschen Soldaten verliebt hatte, ist ihre Stimme immer noch voller Wut und Bitterkeit.

„Ich weiss, es wird einmal ein Wunder geschehn’“ läuft in Terttus Wohnzimmer im Hintergrund, als sie sich an ihren deutschen Freund Manfred erinnert. Ein gebildeter, intelligenter, höflicher Soldat, der während des Krieges Goethes „Faust“ las und ihr das Buch mit Widmung schenkte. Sie zog mit ihm erst nach Norwegen und als ihr Freund wieder nach Deutschland abkommandiert wurde, folgte sie ihm. Sie zögerte aber, während seiner Abwesenheit bei seiner deutschen Familie zu leben. So sahen sie sich in Hamburg das letzte Mal.

Kaisu verliess Finnland mit einem deutschen Soldaten, um vor den Russen zu fliehen. Sie arbeitete zunächst als Chefsekretärin, entschied sich aber, nach Ende des Krieges wieder nach Finnland zurückzukehren. Dort wurde sie tagelang von der finnischen Polizei vernommen wegen des Verdachts, eine deutsche Spionin zu sein. Wie eine nicht bewältigte Vergangenheit das Leben von Menschen der folgenden Generation zerstören kann, wird bei Roosa und ihrem Sohn Fras klar. Fras Mutter, die ihrem deutschen Freund nach Hamburg gefolgt war, deren Wege sich dort aber getrennt hatten, weigerte sich all die Jahre, ihm etwas über die Identität seines deutschen Vaters zu erzählen. Sie steckte ihn, zurück in Finnland, erst in ein Kinderheim. Danach kam er zu einer Tante, die ihn zwar adoptierte, ihn jedoch schlug und als deutschen Bastarden sowie Hurensohn betitelte.

Erst kürzlich fand er heraus, dass sein in Zwischenzeit verstorbener Vater damals in Deutschland bereits verheiratet und wieder zurück zu seiner Familie gezogen war. Seine Halbschwester lehnt jeglichen Kontakt mit ihm ab. „Manchmal habe ich das Gefühl, dass „Mutter“ einfach nur ein Wort ist“, meint Fras im Film traurig. Virpi Sutari ist mit „Auf Wiedersehen Finnland“ ein eindrückliches Zeitdokument gelungen, in welchem Interviewsequenzen geschickt mit von amerikanischen Truppen erstelltem Archivmaterial und für den Film extra gedrehten, traumartig-meditativen 8mm-Aufnahmen verwoben sind.

Haista vittu!

Im Gegensatz zu Virpi Sutari konzentriert sich der ebenfalls aus der nordfinnischen Stadt Rovaniemi stammende Joonas Neuvonen mit seinem Film „Reindeer Spotting – Escape from Santaland“, der nun auch am „Zurich Film Festival“ zu sehen sein wird, ganz auf das Hier und Jetzt. Der 31-jährige Neuvoonen nahm zwischen 1999 und 2002 Fotografieunterricht in Edinburgh, London und San Francisco. Zurück in Rovaniemi lebte er von der Sozialhilfe und begann Drogen zu konsumieren. Als er 2003 im Rahmen eines sozialen Projektes eine Videokamera erhielt, fing er an, das Leben seiner ebenfalls drogenabhängigen Freunde und insbesondere dasjenige seines guten Freundes Jani mit der Kamera zu dokumentieren. Jani, damals 19 Jahre alt, finanziert durch Diebstähle und Einbrüche seine Sucht nach Subutex. Dieses künstlich hergestellte Opiat wird in Frankreich Drogenabhängigen kostenlos abgegeben, um vom Heroin loszukommen. In Rovaniemi ist Subutex nur auf dem Schwarzmarkt erhältlich und unter Jugendlichen die Droge Nummer eins. Damit versuchen sie, der Ödnis der nordfinnischen Stadt, welche nur durch das jährliche Rentierrennen unterbrochen wird, zu entkommen.

reindeer spotting

„Drogen kamen hier in Lappland sehr spät an, aber sie werden für immer hierbleiben“ meint Jani, der bereits als 14-Jähriger mit dem Konsum begann. Durch seine Drogensucht stiegen auch seine Schulden. Als er bei einem Einbruch 5000 Euro ergattert, zahlt er seine Schulden zurück und begibt sich zusammen mit Joonas auf eine Reise von Rovaniemi nach Frankreich. Im vermeintlichen Subutex-Paradies, in welchem Süchtige das Opiat verkaufen, um sich mit dem Erlös härtere Drogen zu beschaffen, deckt Jani sich mit einer Riesenration ein. Er beginnt, immer höhere Dosen zu konsumieren. Als er mit Joonas in der spanischen Enklave Ceuta in Marokko eintrifft, probiert er zum ersten Mal Heroin. Bald ist das Geld aufgebraucht und Jani, der im Voiceover immer wieder von seinem Traum von einem häuslichen Leben im Süden mit Frau und Kindern erzählt, reist zurück nach Finnland, wo er in den folgenden Jahren immer wieder mit dem Gesetz in Konflikt gerät und Gefängnisstrafen zu verbüssen hat. Wo Jani mittlerweile steckt, weiss nicht mal der Regisseur Joonas Neuvonen. Die letzten fünf Jahre hat er damit verbracht, 160 Stunden Filmmaterial auf 83 Minuten zusammenzuschneiden. Entstanden ist ein erschütternder, drastischer Dokumentarfilm, „gedreht, geschnitten und fertiggestellt unter Drogen“, wie der Regisseur anmerkte. Diese Innensicht ist es auch, welche „Reindeer spotting“ von ähnlichen Werken unterscheidet und den Film in Finnland zum meistgesehenen Dokumentarfilm aller Zeiten machte.

Was GPS mit der spanischen Inquisition verbindet

Potenzial zu einem Publikumshit hätte wohl auch „Article 12 – Waking up in surveillance society“ des Argentiniers Juan Manuel Biain gehabt. Auf jeden Fall ist das Thema des Films, die zunehmende Unterminierung von Menschenrechten zum angeblichen Schutze des Bürgers, brandaktuell. Gestützt auf den Artikel 12 der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte („Niemand darf willkürlich Eingriffen in sein Privatleben, seine Familie, seine Wohnung und seinen Schriftverkehr oder Beeinträchtigungen seiner Ehre und seines Rufes ausgesetzt werden“) geht Biain der Frage nach, ob es möglich ist, eine sichere Gesellschaft aufzubauen, ohne die Freiheiten der Bürger einzuschränken.

Article 12

3 Jahre benötigte der Regisseur von der Entwicklung des Films bis zum fertigen Produkt und führte dafür über 40 Interviews: Mit Gesellschaftskritikern wie dem Sprachwissenschaftler und Politikaktivisten Noam Chomsky, dem Musiker und Aktivisten Brian Eno sowie unzähligen Menschenrechtlern, Soziologen, Wissenschaftlern und Hackern. So erfahren wir unter vielem anderem, dass in den USA beim Betreten einer Shopping-Mall ID-Checks durchgeführt werden, dass GPS-Geräte mit dem amerikanischen Militär verbunden sind, Kreditkartenfirmen die Sexualität der Kartenbenutzer anhand der Einkäufe feststellen können, amerikanische Schulen Informationen über die Schüler ungefragt ans Militär weitergeben (zwecks Rekrutierung von Soldaten) und die Fluggesellschaft Jet Blue Airlines Daten der Fluggäste ans Pentagon weiterleitete. Auch der philippinische Überwachungs- und Folterstaat wird angesprochen, ja sogar einen geschichtlichen Exkurs ins 15.Jahrhundert enthält der Film, indem er darauf aufmerksam macht, dass damals bereits Tomas de Torquemada mit seinem inquisitorischen Verwaltungsapparat den Grundstein für die spanische Inquisition und somit die Verfolgung von Ketzern legte.

Bindeglied zwischen den einzelnen Interviewsequenzen sind nachgestellte Szenen, in denen Hacker den British Telecom-Turm, das UNO-Hauptgebäude in New York, usw. lahmlegen. Etwas lahm fühlt sich nach 76 Minuten auch der Zuschauer ob der Fülle an Informationen, welche etwas gar ungeordnet in akustischer und visueller Form von der Leinwand auf ihn einprasselten. Filmen wie diesem täte die Fokussierung auf weniger Gesprächspartner und die Bündelung der Aussagen auf jeden Fall gut.

Hop around the planet

Ebenfalls auf eine Reise um die halbe Welt führen uns Joshua Atesh Litle, Amerikaner mit türkischen Wurzeln, und sein Werk „The Furious Force of Rhymes“. Es war zwar nicht der einzige Film im diesjährigen Locarno-Programm, bei dem das Stillsitzen schwer fiel, jedoch hatte es in diesem konkreten Fall nichts mit der Qualität des Gezeigten, sondern mit dem Inhalt zu tun: Der Film ist ein geschichtlicher Diskurs über die Herkunft des Hip- Hop, dessen Siegeszug über den ganzen Globus und die mit diesem Musikstil verknüpften politischen Inhalte. Hip-Hop enstand Anfang der Siebzigerjahre innerhalb der afroamerikanischen, latinoamerikanischen und jamaikanischen Gemeinschaften in New Yorks Bronx.

furious force

DJ Kool Herc verwendete als erster den Begriff des Hip-Hop. Einzelne Phrasen, die er zur Musik übers Mikrofon dem Publikum verkündete, verbanden sich zu Sätzen und schliesslich zu ganzen Versen. Dies war die Geburtsstunde der Master of Ceremonies und somit der Rapper. Immer komplexere Improvisationen und Wortschöpfungen entstanden, die sich meistens sozialen und politischen Themen annahmen. Schnell breitete sich der Hip-Hop auf der ganzen Welt aus. Der Film folgt diesem Siegeszug zunächst von New York nach Frankreich, wo 1984 Radio 7 als erste Station eine Hip-Hop-Sendung ins Programm aufnahm. Ethnische Spannungen und soziale Krisen im Land bildeten einen fruchtbaren Boden für eine eigene, lebhafte französische Hip-Hop-Szene.

Als nächstes wirft der Film einen Blick auf Deutschland, im speziellen die Berliner Szene, wo insbesondere in „heissen“ Quartieren wie Kreuzberg und Marzahn der Hip-Hop einen hohen Stellenwert genoss und immer noch geniesst. Im Westjordanland besuchte Litle die Mitglieder von „System Ali“  (der einzigen Rap-Gruppe des mittleren Ostens, die sowohl aus muslimischen als auch jüdischen Musikern besteht) sowie die fantastische Shadia Mansour, wohl DIE Entdeckung des Films. Die musikalische Reise auf den Spuren des Hip-Hop endet schliesslich im Senegal und beschliesst einen sowohl formal als auch inhaltlich überzeugenden Film.

Der Preissegen

Die Jury bestehend aus Walter Hügli (Schweiz), Neptune Ravar Ingwersen (Schweiz) und Luis Martinez Lopez (Spanien) verlieh den SRG SSR idée/Semaine de la critique Preis, dotiert mit CHF 8’000.- an:
„Reindeer Spotting – Escape from Santaland“

Besondere Erwähnungen erhielten:
„Blood Calls you“ sowie „The Furious Force of Rhymes“


Im Netz
www.semainedelacritique.ch

www.schiff-des-torjaegers.de
www.mantarayfilms.se/ (Blood calls you)
www.forrealproductions.fi/ (Auf Wiedersehen Finnland)
www.reindeerspotting.com
www.article12themovie.com
www.furiosrhymes.com

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