“Un Prophète” von Jacques Audiard

Karriere im Knast

“Un Prophète” von Jacques Audiard

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Jacques Audiards Gefängnisepos “Un Prophète” war nach Michael Hanekes “Das weisse Band” der grosse Abräumer an den europäischen Filmfestivals 2009. Die Geschichte vom hart erkämpften Aufstieg eines arabischstämmigen Franzosen in einem korrupten Gefängnis begeisterte Kritiker durchs Band weg. Wohl nicht zuletzt, da sie in Audiards Film mehr sahen, als “nur” eine Knastgeschichte.

Von Lukas Hunziker.

Malik ist ein 19jähriger, ungebildeter, schüchtern wirkender Kleinkrimineller nordafrikanischer Abstammung. Zu sechs Jahren Gefängnis verurteil kommt er erstmals in eine Haftanstalt für Erwachsene, und bekommt gleich am ersten Tag zu spüren, dass Eigenbrötlern hier ein rauer Wind entgegenweht: auf seinem ersten Spaziergang im Hof schnappen sich zwei Häftlinge seine Schuhe. Grössere Gefahr geht jedoch von der korsischen Mafia aus, welche sich einige der Wärter mit Bestechungsgelder gefügig gemacht hat und das Gefängnis quasi regiert. Als Malik vom einem arabischen Häftling Reyeb, der gegen die Korsen aussagen soll, Drogen gegen einen Blowjob angeboten bekommt, lässt der korsische Pate César Luciani, der im Knast die Fäden zieht, Malik die Wahl: auf das Angebot einzugehen und Reyeb bei der Gelegenheit zu töten, oder selbst zu sterben.

Maliks Versuche, mit der Gefängnisdirektion Kontakt aufzunehmen, Luciani zu verraten und sich so aus der Affäre zu ziehen, scheitern an der Korruption der Wärter. So bleibt ihm nichts anderes übrig, als Reyeb in seiner Zelle zu besuchen und ihm mit einer Rasierklinge die Halsschlagader aufzuschneiden. Über den Mord kommt Malik während seiner sechs Jahr nie hinweg, und Reyeb wird zu seinem imaginären Zellengenossen, der in immer wiederkehrenden Tagträumen erscheint. Doch der Mord hat sich für Malik dennoch gelohnt, denn von nun an steht er unter dem Schutz von Luciani und den Korsen, die ihn zwar nicht als einen der ihren ansehen und für die er niedrige Arbeiten verrichten muss, aber die dafür sorgen, dass der Knastaufenthalt für Malik angenehmer wird.

Triumph über die Vaterfigur

Nach und nach wird Malik zu Lucianis Liebling. Der Korse erwirkt schliesslich Freigänge für ihn, während welcher Malik offiziell Arbeitserfahrung als Automechaniker sammelt. In Wirklichkeit erledigt Malik für Luciani Geschäfte ausserhalb des Gefängnisses. Bald verfügt er allerdings über so viel Insiderwissen, dass er sein eigenes Geschäft aufzubauen beginnt. Als Luciani dies merkt, verliert Malik dafür fast ein Auge, und merkt, dass er sich dem Machtbereich seines Mentors irgendwie entziehen muss. Als er für Luciani den Boss einer rivalisierenden Mafiagruppe ausschalten soll, sieht er seine Chance gekommen, einen mächtigen Verbündeten zu gewinnen, mit dem er der Herrschaft der Korsen ein Ende bereiten kann.

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“Un Prophète” ist im Grund eine Aufstiegsgeschichte nach dem Muster “vom Tellerwäscher zum Millionär”, nur in einem etwas anderen Milieu. Maliks Erfolgsstory ist geradezu paradox: er geht als ungebildeter und mittelloser Loser in den Knast, den er sechs Jahre später als erfolgreicher, schlauer und gefürchteter Gangster wieder verlässt, als Kontenpunkt eines landesweiten Schmuggelnetzwerks. Am Ende hat das harmlos aussehende Bübchen alle gegeneinander ausgespielt. Im Zentrum seines Aufstiegs steht aber stets der immer intensivere Konflikt mit der Vaterfigur Luciani, der von Niel Arestrup so unheimlich unberechenbar gespielt wird, dass man sich nicht nur einmal fragt, ob es Malik hier nicht mit dem Teufel persönlich zu tun hat. Als Malik mit ihm fertig ist, ist der korsische Pate allerdings nicht mehr als ein schwacher alter Mann.

Düsterer Prophet

In der titelgebenden Szene des Films rettet Malik sich und den Insasses des Autos von Lucianis Konkurrenten das Leben, indem er impulsartig prophezeit, dass der Wagen mit Rehen kollidieren werde, welche die Strasse überqueren. Die meisten Kritiker sahen jedoch nicht Malik, sondern den Film als Propheten. Guardian Kritiker Philip French verglich http://www.guardian.co.uk/film/2010/jan/24/a-prophet-review den Film nicht ganz zu Unrecht mit einem Brechtstück ohne epische Elemente, welches die Mechanismen der Gesellschaft anhand einer Parallelgesellschaft, hier jene des Gefängnisses, zeigt. Maliks Karriere folgt den Regeln eines gewissenlosen Kapitalismus, in welchem jeder jeden gegen jeden ausspielt und die Konkurrenz in Machtspiele verwickelt, bis sie daran zugrunde geht. Die Ablösung einer mächtigen Organisation durch die Machtgewinnung eines bisherigen Underdogs findet sich in der aktuellen Lage der Weltwirtschaft schliesslich wieder und Parallelen zwischen Film und aktueller Wirtschaftsgeschichte sind kaum zufällig.

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© Studio / Produzent

“Un Prophète” kann aber auch viel direkter und sozialkritischer gelesen werden. Maliks Karriere als Krimineller nimmt ihren Anfang schliesslich in der Notwehr; die Korruption im Gefängnis lässt ihm schlicht und einfach keine andere Wahl, als in die blutigen Geschäfte der Korsen einzusteigen. Als arabischer Secondo hat Malik weder im Knast noch im Frankreich ausserhalb des Knastes ein einfaches Leben. Die Korsen (und wohl auch die Franzosen) sehen ihn als Araber, die Araber sehen ihn als Korsen oder Franzosen – die Rolle des Aussenseiters gibt ihm schon sein Aussehen vor. Das französische Justizsystem kommt in Audiards Film alles andere als gut weg: die Gefängnisse sind korrupt, Zeugen werde im Gefängnis umgebracht, die grossen Fische bleiben unangetastet, den kleinen wird kein Schutz gewährt. Die Haftanstalt in “Un Prophète” ist mehr Brutstätte als Verwahrungsort von Kriminellen. Eine wahrhaft düstere Prophezeiung.

Ausstattung der DVD

Die DVD enthält unverständlicherweise kein Bonusmaterial. Kein Trailer, kein Audiokommentar, gar nichts. Dies ist nicht nur schade, sondern schlicht erbärmlich, gerade wenn man bedenkt, dass aufgrund des Erfolges von “Un prophète” an zahlreichen Festivals mehr als genug erschwingliches Interviewmaterial existieren muss. Die Ausstattung ist mit zwei Sprachfassungen und nur deutschen Untertitel mehr als unterdurchschnittlich. Kurz: Standing Ovation für den Film, ein Gewitter von Buhrufen für die DVD.


Seit dem 19. August 2010 im Handel.

Originaltitel: Un Prophète (Frankreich 2009)            
Regie: Jacques Audiard
Darsteller: Tahar Rahim, Niel Arestrup, Adel Bencherif
Genre: Drama/Thriller
Dauer: 149 Minuten
Bildformat: 1,85:1
Sprache: Französisch, Deutsch
Untertitel: Deutsch
Audio: Dolby Digital 5.1, Dolby Digital 2.0 (Deutsch)
Bonusmaterial: –
Vertrieb: Impuls

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Lukas Hunziker

Lukas Hunziker ist Gymnasiallehrer für Deutsch und Englisch. In seinem Garten stehen drei Bäume, in seinem Treppenhaus ein Katzenbaum. Er schreibt seit 2007 für nahaufnahmen.ch.

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