Egon Neuhaus: “Spinnewipp”

Kein Freund von Gleichschritt

Egon Neuhaus: “Spinnewipp” (Autobiographischer Roman)

„Nicht schon wieder ein Buch über den Zweiten Weltkrieg!“, werden jetzt einige wohl denken. Doch Egon Neuhaus’ autobiographischer Roman sucht mit seiner nichts beschönigenden Darstellungsweise, seinem frechen Witz und seiner detailgetreuen Wiedergabe eines Zeitgeists seinesgleichen.

Von Lisa Letnansky.

spinnewippEgon Neuhaus’ Geschichte beginnt mit seiner Geburt an einem Sonntag im Jahr 1922. Als Sonntagskind sollte ihm eigentlich ein Leben voller Glück beschert sein, aber bereits seine Kindheit ist geprägt von Wechselhaftigkeit und schwierigen Umständen. Schon seine körperliche Statur zeichnet ihn als jemanden, der herumgeschubst werden kann: Er ist so klein und dürr, dass ihm sein Vater den Spitznamen „Spinnewipp“, also „Spinnennetz“ verpasst, der ihn sein Leben lang begleiten soll. Bald lassen sich seine Eltern scheiden und nach einem kurzen Aufenthalt bei seinen Grosseltern kommt er schliesslich in ein Waisenhaus und später als Arbeitskraft zu einem Bauern. Dass er sein Leben nicht selbst in die Hand nehmen darf und den Entscheidungen der Erwachsenen und Görings 4-Jahres-Plans unterworfen ist, geht ihm schon früh gegen den Strich. Mehrmals versucht er abzuhauen und bis nach Holland zu gelangen, doch als der Krieg ausbricht, muss er sich eingestehen, dass solche Unterfangen zu gefährlich sind und er sich seinem Schicksal beugen muss.

Armut und Hunger

Auch Neuhaus wird eingezogen und muss für sein Vaterland in den Kampf, obwohl er von Beginn an erkennt, dass er auf der falschen Seite steht und lieber seinen persönlichen Interessen nachgehen würde. „Ein Freund von Gleichschritt war ich nun mal nicht. Ich war mehr für das Herumstromern.“ Er wird aber an die Front geschickt, wo er sich immer, wenn es möglich ist, aus der Affäre zieht, freundschaftliche Beziehungen zum sowjetischen Volk aufbaut und seine Zeit absitzt. Dass Hitlers Tausendjähriges Reich nur von kurzer Dauer sein kann, hofft und glaubt er stets. Neuhaus’ Schilderung des Krieges ist dann auch die eines Realisten ohne politische Verklärung, und kommt erstaunlicherweise fast gänzlich ohne Gewaltdarstellungen aus. Der Tod wird nur am Rand erwähnt; viel wichtiger ist ihm die Situation des Volkes, die Armut und der Hunger, denen beide Seiten unterworfen sind.

Zeitgeist statt Einzelschicksal

In „Spinnewipp“ geht es dem Autor weder um die Schilderung der Gräuel des Nationalsozialismus noch um die Darstellung eines Einzelschicksals. Neuhaus’ Anliegen ist die Beschreibung und das Verständnis des Zeitgeistes, der damals herrschte. Schon als Kind beginnt er, Zeitdokumente zu sammeln und legt ein stets wachsendes Archiv von Inseraten und Zeitungsausschnitten an, von denen auch eine Auswahl im Roman abgebildet ist. „Front ist überall“ prangert da zum Beispiel von einer Werbung von Kola Dallmann. Zahlreiche Aufzählungen von aktuellen Kinofilmen und Radioschlagern runden das Bild ab und zeigen, worüber sich das Volk unterhielt, wenn es nicht mehr über den Krieg reden mochte. Den Grund für seinen Sammeltrieb erklärt Neuhaus so: „Für mich waren Flugblätter, Plakate, Inserate in Zeitungen und auch solche der privaten Wirtschaft ganz einfach Hilfsmittel, um eine Zeit in ihrer ganzen Breite zu verstehen. Geschichte wurde ja nicht nur in Kabinetten, bei Geheimdiensten und in Generalstäben gemacht.“ Beinahe staunend verfolgt der junge Neuhaus die Entwicklung Deutschlands und verliert seinen Witz und seine Lebenslust auch in den härtesten Zeiten nicht: „Ein Albert Speer war Minister für Bewaffnung und Munition geworden. Der Mann hiess sogar nach einer antiken Waffe. Sein Vorgänger hiess schlicht Fritz Todt.“

Das wahre Leben

Nach dem Krieg arbeitete Neuhaus erst als Kaffeeschmuggler, durchsuchte dann Müllhalden nach verwertbaren Materialien und landete schliesslich in München in einer Altpapierfabrik. Dort konnte er weiterhin seiner Passion nachgehen und Zeitdokumente sammeln, um sein Archiv zu erweitern, das heute die Sammlungen der Monacensia und des Münchner Stadtarchivs bereichert. Neuhaus hatte in seinem Leben nur wenige kleine Veröffentlichungen in Lokalzeitungen und hatte trotz prominenter Unterstützung, unter anderem von Uwe Timm, grosse Mühe, einen Verlag für sein autobiographisches Buch zu finden. 2008 starb er in einem Altersheim an Krebs, nicht ohne zuvor „durch Brief, Handschlag und Verbeugung eines Lektors“ sicherzugehen, dass sein Buch erkannt worden war, wie es im Nachwort betont wird. Sein Buch wurde erkannt und ist eine Bereicherung, sowohl für jeden, der glaubt, schon alles über den Zweiten Weltkrieg zu wissen, als auch für jene, die sich zusätzlich zu den Schilderungen der Geschichtsbücher auch ein Bild vom „wahren Leben“ dieser Zeit machen möchten.


Titel: Spinnewipp
Autor: Egon Neuhaus
Verlag: Verbrecher Verlag
Seiten: 394
Richtpreis: CHF 21.90

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