“Welcome” von Philippe Lioret

34 Kilometer vom Glück entfernt

“Welcome” von Philippe Lioret

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Illegale Immigration ist in Europa längst zu einer der am meistdiskutierten Herausforderungen für die Politik geworden – auch auf den eigentlich schwer erreichbaren Britischen Inseln. “Welcome” erzählt die Geschichte eines waghalsigen jungen Kurden, dessen einzige Möglichkeit nach London zu kommen darin besteht, den Ärmelkanal zu durchschwimmen.

Von Lukas Hunziker.

Wer illegal nach England immigrieren möchte, wird dies mit grosser Wahrscheinlichkeit von der französischen Hafenstadt Calais aus versuchen. Hunderte Lastwagen schiffen dort täglich nach Dover ein, dessen Klippen man von Calais aus sieht; nur 34 Kilometer sind die beiden Städte von einander entfernt. Die beste Möglichkeit, sich nach England zu schmuggeln, ist an Bord eines Lastwagens, doch die Grenzpolizei ist gut genug ausgerüstet, um die versteckte Fracht zu finden. Auch Bilal, ein 17-jähriger Kurde und die Hauptfigur von “Welcome”, wird beim Versuch, in einem Lastwagen über die Grenze zu kommen, erwischt. Dabei drängt für ihn die Zeit mehr als für alle anderen, denn seine Freundin, die es mit ihrer Familie nach London geschafft hat, soll bald verheiratet werden.

Da er zu grosse Angst vor einem zweiten Versuch in einem Lastwagen hat, entschliesst sich Bilal, den Kanal zu durchschwimmen. Athletisch genug ist er, doch für eine Kanalüberquerung braucht es mehr als nur Muskeln. Strömungen und die Gefahr, einem Schiff in die Quere zu geraten, machen es Amateurschwimmern fast unmöglich, die 34 Kilometer zu schaffen. Also nimmt Bilal für sein letztes Geld Schwimmunterricht beim ehemaligen Sportschwimmer Simon, der in einem Hallenbad als Lehrer tätig ist. Der von seiner Scheidung schwer mitgenommene Simon schliesst den mutigen Bilal schliesslich ins Herz, lässt ihn eine Weile bei sich wohnen, und unterrichtet ihn schliesslich umsonst.

Ein Film gegen ein absurdes Gesetz

Illegale Einwanderer zu beherbergen oder ihnen in irgendeiner Weise zu helfen ist in Frankreich allerdings seit dem Ende des 2. Weltkriegs verboten und kann sogar mit Gefängnis bestraft werden. Gegen dieses Gesetz zog Regisseur Philip Lioret mit “Welcome” in den Krieg. Obwohl sich Simon der möglichen Konsequenzen bewusst ist, nimmt er sich des jungen Flüchtlings an – nicht weil er dessen Chancen, wirklich über den Kanal zu schwimmen, als realistisch einschätzt, sondern weil er das Bedürfnis, Menschen in Not zu helfen, nicht einfach abstellen kann.

© Studio / Produzent
© Studio / Produzent

Simon und Bilal verbindet, dass sie von ihrer grossen Liebe getrennt sind. Während Simon mit seiner Ehe auch sich aufgegeben hat, kämpft Bilal weiter um seine Freundin Mîna, entgegen aller Widrigkeiten. Simon beeindruckt der Kampfgeist und naive Mut des jungen Kurden, und findet durch ihn neue Kraft, für etwas zu kämpfen. Das mag kitschig klingen, aber erstaunlicherweise driftet der Film nie ins Melodrama ab, sondern bleibt realistisch – bis zum Ende. In Frankreich verhalf ihm dies zu grossem Erfolg an den Kinokassen, und auch gegen das Gesetz, welches “Welcome” kritisiert, hätte Lioret fast gewonnen. Doch trotz der heftigen Debatten, welche der Film auslöste, bleibt Hilfeleistung für illegale Einwanderer in Frankreich bis heute strafbar.

Ausstattung der DVD

Neben den üblichen Trailern besteht das Bonusmaterial der DVD aus einem sehenswerten Making of, in welchem Regisseur und Darsteller zu Wort kommen und über die Hintergründe des Films und seiner Entstehung berichten.


Seit dem 22. September 2010 im Handel.

Originaltitel: Welcome (Frankreich 2009)            
Regie: Philippe Lioret
Darsteller: Vincent Linton, Firat Ayverdi, Audrey Dana
Genre: Drama
Dauer: 104 Minuten
Bildformat: 1:2,35
Sprache: Französisch, Deutsch
Untertitel: Deutsch
Audio: Dolby Digital 5.1, Dolby Digital 2.0
Bonusmaterial: Making of, Trailer
Vertrieb: Warner

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Lukas Hunziker

Lukas Hunziker ist Gymnasiallehrer für Deutsch und Englisch. In seinem Garten stehen drei Bäume, in seinem Treppenhaus ein Katzenbaum. Er schreibt seit 2007 für nahaufnahmen.ch.

2 Gedanken zu „“Welcome” von Philippe Lioret

  • 22.02.2011 um 16:30
    Permalink

    Der Film war ein super. Sehr spannend und interessant. Es hat Spaß
    gemacht ihn anzusehen, auch wenn es kein Happy-End gab 🙂

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