Jochen Heckmann “Tanz 4: Ein Sommernachtstraum nach William Shakespeare” | Luzerner Theater (Besprechung)

Liebeswirren, Erotik und viel Koketterie

Das Luzerner Theater zeigt Shakespeares Sommernachtstraum in einer aufwändigen, spartenübergreifenden Produktion. Entstanden ist ein mitreissendes und bezauberndes Tanzstück, poetisch und humorvoll zugleich.

Von Mona De Weerdt.

Wie ein solch verschachteltes Theaterstück wie Shakespears Sommernachtstraum erfolgreich tänzerisch umgesetzt werden kann, zeigen uns der Choreograph Jochen Heckmann und die Tänzer von TANZ LUZERNER THEATER. Alle Ebenen dieses bekannten barocken Stücks werden beibehalten: der athenische-aristokratische Hof des Herrschers Theseus als auch der Wald, in dem die Kobolde ihr Unwesen treiben und die Elfen singen (Damenchor). Parallel dazu die Welt der drolligen Handwerker (Chiara dal Borgo, Andrea Mirabile, Ha Young Lee, Luca Signoretti, Bert Uyettenhove), welche eine Tragödie einstudieren. Der Fokus liegt jedoch klar auf den Spannungen und den Liebeswirren der Liebespaare. Da wären zum einen der autoritäre Herrscher Theseus (Ihsan Rustem) und die trotzige Amazonenkönigin Hippolyta (Salome Martins), welche ihn heiraten muss, da er sie im Krieg bezwungen hatte. Neben dieser Hochzeit, welche insbesondere die Funktion hat, gesellschaftliche Normen zu erfüllen, stehen die Liebeswirren der jungen Liebenden. Hermia (Madeleine Crist) ist bereits Demetrius (Samuel Déniz Falcon) versprochen, liebt aber Lysander (Davidson Santos de Farias). Helena (Rachel Lawrence) hingegen liebt Demetrius, wird jedoch von ihm verschmäht, weil er wiederum Hermia liebt. Als ob dies nicht genug an Konfusion wäre, findet parallel dazu im Reich der Elfen auch noch der leidenschaftlich ausgetragene Konflikt des Königspaar der Elfen, Oberon (Ihsan Rustem) und Titania (Salome Martins) statt.

Erotik und Begierde
Den Tänzern wird an diesem Abend physisch viel abverlangt, vor allem in den Duetten mit den akrobatischen Hebefiguren und den verschlungenen Bewegungen. Die Vielfalt der Bewegungsmöglichkeiten des Zeitgenössischen Tanzes wird voll ausgekostet, Bewegungssequenzen werden räumlich und motivisch variiert. Die erdige, zeitgenössische Bewegungssprache kontrastiert gekonnt mit der süsslichen Musik von Mendelssohn-Bartholdy und bricht das ihr inhärente kitschige Moment. Die Tänzer stellen bei der Figurenkonzeption sowohl ihr tänzerisches als auch ihr schauspielerisches Talent unter Beweis. Sie erschaffen die repräsentierten Figuren mithilfe von Gestik, Mimik und tänzerisch durch einen unterschiedlichen, die gezeigte Figur charakterisierenden, Bewegungsduktus. Stolz und kraftvoll tanzt Theseus, der Herrscher von Athen, oder Oberon, der Herrscher des Elfenreichs (beide getanzt von Ihsan Rustem). Genauso stolz, widerspenstig und stur, gleichzeitig aber auch zart und manchmal fast zerbrechlich, zeigt sich die Amazonenkönigin Hippolyta und die Elfenkönigin Titania (beide getanzt von Salome Martins). Intensiv und erotisch spannungsgeladen sind diese getanzten Duette von Hipolyta / Titania und Theseus / Oberon. Erotik und Begierde spielen eine wichtige Rolle an diesem Abend. “Denn was wäre der Sommernachtstraum ohne Wirrungen, erotischer Physis, Schmunzeln und Sinnlichkeit?” meint der Choreograph Jochen Heckmann. Und dieses Knistern ist spürbar. Titania spielt neckisch mit ihren Reizen, kokettiert und verführt gekonnt. Und auch Puck (Cecilia de Madrazo Abad, grossartig!) scheint hier erotisch konnotiert, die enge pinke Hose und das rückenfreie Top, welches den Blick auf einen wunderbar durchtrainierten Frauenrücken freigibt, unterstützen diesen Eindruck. Puck huscht stets irgendwo vorbei, beobachtet das Geschehen neugierig, grinst schelmisch und bringt die ganzen sowieso konfusen Verhältnisse noch mehr durcheinander. So heisst es bei Shakespeare: “Gehen die Sachen kraus und bunt, so freu ich mich von Herzensgrund.” Und genau diese Komponenten verleiht Cecilia Madrazo de Abad diesem Puck: frech und immer zu einem Schabernack aufgelegt. Somit kommt auch der Humor an diesem Abend nicht zu kurz.

Sie lieben und verschmähen sich
Die Beziehungen zwischen den jungen Liebenden scheinen im Gegensatz zu den erotisch-leidenschaftlichen Begierden der Herrscherpaare eher harmloser, verspielter und naiver Natur zu sein. Sehr berührend gezeichnet ist die Figur der Helena. Sie liebt Demetrius, der sie jedoch verschmäht, weil er sich in Hermia verguckt hat. Schroff, ja fast schon brutal, wird Helena von Demetrius immer wieder zurückgewiesen, weggestossen. Lange gibt sie nicht auf, folgt ihm auf Schritt und Tritt, versucht sich seine Liebe zu erkämpfen. Dennoch ist sie gezeichnet von Ohnmacht und Bodenlosigkeit, wenn sie in ihrem Schmerz zu ertrinken droht. Schmerzhaft ist besonders die Szene, als sie ihm, der nur Augen für Hermia hat, sehnsüchtig nachschaut, dann traurig den Kopf hängen lässt und desillusioniert abgeht. Das schroffe, abweisende Verhalten Demetrius’ gegenüber Helena kontrastiert stark mit der zärtlich-liebevollen Verbindung zwischen dem anderen Pärchen: Hermia und Lysander. Die Figur der Helena findet Heckmann besonders spannend, er betont: “Sie ist die wahre Verliererin in diesem Stück, die auch eine grosse Tragik zu überwinden hat.” Es war ihm wichtig, die Verletztheit und den Schmerz dieser Figur sehr explizit zu zeigen. Helena einerseits energisch und entschlossen, für ihre Liebe zu kämpfen, anderseits auch zerbrechlich und gekennzeichnet von grenzenloser Enttäuschung. Die Frage, wie viel so ein junges Herz erträgt, wird an die Inszenierung herangetragen. Denn sie leidet von allen definitiv am Meisten unter den Irrungen und Wirrungen. Als dann zuerst der von Puck mit dem Liebessaft verzauberte Lysander und dann auch noch Demetrius plötzlich beginnen, ihr Avancen zu machen, ist sie verwirrt und glaubt an eine Verschwörung. Nun ist plötzlich Hermia die Zurückgewiesene und Helena die von allen Begehrte. Der 1. Akt endet somit in einem grenzenlosen Chaos von Liebeswirren, von Lieben, Begehren, Zurückweisen und Verschmähen. Realität und Traum vermischen sich immer mehr. Verstärkt wird dieser Eindruck des Chaotischen durch ein unordentliches Bühnenbild, alles liegt kreuz und quer durcheinander.

Der Konflikt löst sich
Zum Glück lösen sich die Konflikte gleich zu Beginn des 2. Aktes auf. Die schlafenden Liebespaare erwachen und die Verhältnisse haben sich wie durch einen unsichtbaren Zauber geklärt. War am Ende doch alles nur geträumt im nächtlichen phantastischen Elfenwald? Die Verhältnisse am Athener Hof sind wieder geregelt, die Konventionen wieder hergestellt. Hermia darf ihren Lysander heiraten, Helena bekommt Demetrius und auch Hippolyta hat sich in ihr Schicksal eingefügt und schenkt Theseus ein Lächeln. Ein Happyend. Endlich dürfen auch die Handwerker ihr langgeprobtes Stück, die Tragödie von Pyramus und Thisbe, zeigen. Diese komödiantische Einlage sorgt für viel Erheiterung beim Publikum. Und die Komik gelingt, weil sie mit viel Charme daherkommt.

Verzaubert wurden an diesem Abend nicht nur die Menschen, Elfen und Handwerker des Sommernachtstraums, sondern auch das Premierenpublikum, welches seine Begeisterung durch langanhaltenden Applaus ausdrückte und die Leistungen der Bühnenakteure gebührend würdigte.

Besprechung der Aufführung am 1. Oktober 2010.
Weitere Vorstellungen am 10.,15.,23.,28.,29.,31. Oktober, 4.,17.,20.,24.,28. November, 3., 5.,11.,19. Dezember 2010.

Dauer: ca. 120 Minuten

Besetzung
Madelaine Crist, Chiara dal Borgo, Cecilia de Madrazo Abad, Rachel Lawrence, Ha Young Lee, Salome Martins, Andrea Maria Mirabile, Davidson Santos de Farias, Samuel Déniz Falcon, Ihsan Rustem, Luca Signoretti, Bert Uyttenhove


Choreographie: Jochen Heckmann
Choreographieassistenz: Oliver Dähler
Künstlerische Leitung: Kathleen McNurney
Dramaturgie: Sophie Käser
Musikalische Leitung: Rick Stengårds
Nachdirigat: Florian Pestell
Choreinstudierung: Lev Vernik
Sopran: Simone Stock / Maria Montero
Mezzosopran: Caroline Vitale / Miriam Timmo
Luzerner Sinfonieorchester
Chor und Damenextrachor des Luzerner Theaters
Klavier: Patricia Ulrich
Inspizienz: Lothar Ratzmer
Bühne: Andreas Carben
Bühnenbildassistenz: Kathrin Schulze
Kostüme: Adriana Mortelliti
Licht: Gérard Cleven
Musik von: Felix Mendelssohn-Bartoldy

Im Netz
www.luzernertheater.ch

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