Harald Martenstein: „Gefühlte Nähe“

Enzyklopädie des menschlichen Paarungsverhaltens

Harald Martenstein: „Gefühlte Nähe“ (Roman)

Sonst ist er als Kolumnist im Magazin der deutschen Wochenzeitung „Die Zeit“ zu Hause, jetzt widmet sich Harald Martenstein in seinem zweiten Roman dem menschlichen Paarungsverhalten in all seinen Facetten. Er erzählt die Lebens- und Liebesgeschichte von N. – aus der Sicht ihrer Lebensabschnittsgefährten. Herausgekommen ist eine ungewöhnliche Biografie, die Martenstein als einen Männer verstehenden Autor mit Klasse zeigt, dessen faire und präzise Charakterstudie auch Frauen gefällt.

Von Fee Anabelle Riebeling.

gefühltenäheAls Schülerin verführt die noch minderjährige N. ihren Deutschlehrer auf einer Klassenfahrt. Ihr „Erster“ zerbricht daran. Sie aber findet Gefallen am Spiel mit der Liebe. Eine Beziehung – und sei sie noch so kurz – birgt eben ein gewisses Konfliktpotential. Im Gegensatz zu ihren männlichen Mitspielern bleibt N. bis zum Ende namenlos, auch ihre Gefühle bleiben im Dunkeln. Im Grunde ist sie blosses Beiwerk. Doch mit jeder Begegnung lernt man sie besser kennen. So wie sie mit jeder Beziehung ein Stück mehr zu sich findet. In „23 Paarungen“, wie Martenstein seine Kapitel insgeheim und ganz zu Recht nennt, seziert er genüsslich das menschliche Paarungsverhalten und präsentiert offen all seine Facetten.

Entwicklung

Scheinen die Szenen zunächst nur lose und ausschliesslich über die Person N.s verbunden zu sein, so zeigt sich am Ende deutlich, dass Martenstein nicht bloss Einzelepisoden schildert: Tatsächlich bauen sie aufeinander auf, bedingen einander und zeigen die ganze Palette an zwischenmenschlichen Verhaltensmustern – haarscharf analysiert und herausgearbeitet von dem grossen Kolumnisten aus Deutschland. Liebevoll, schonungslos und ohne dabei das grosse Ganze aus den Augen zu verlieren: den Menschen.

Erscheint N. in den ersten Kapiteln noch gefühllos und kalt und in erster Linie um das eigene Fortkommen bemüht, wächst mit jedem Perspektivwechsel das Mitgefühl mit ihr. Die als Biografie getarnte Charakterstudie zeigt: Nach außen stark und selbstbewusst, ist N. oftmals einfach nur hilflos und ein Opfer ihrer eigenen Unsicherheit. Ein Opfer, das manchmal einfach eine starke Schulter zum Anlehnen braucht.

Fairness

Von ihrem Deutschlehrer entjungfert, verkehrt N. fortan in allen sozialen Kreisen. Grenzen – egal welcher Art – sind ihr unbekannt. Ob jung oder alt, dick oder dünn, farbig oder nicht, bekannt oder unbekannt, sie bekommt, wen sie will. Sie ist es auch, die entscheidet, wann und wie eine Beziehung endet. Typisch, mag man einer denken und die Schuld der Frau in die Schuhe schieben. Doch Martenstein schildert keineswegs das Klischee von der gutaussehenden Frau, die sich sorgen- und mühelos durch das Leben schläft. Fair beleuchtet er beide Seiten der Beziehungs-Medaille.

Nach dem Erfolg seines ersten Romans feierten die Feuilletons Martenstein, Deutschlands vielleicht bekanntesten Kolumnisten, als äusserst talentierten Autor. Doch manch einer mag im stillen Kämmerlein vielleicht etwas von einer Eintagsfliege gemurmelt haben. Dass die sich irrten, beweist Martenstein mit „Gefühlte Nähe“ und festigt seinen Ruf als bedingungslos lesenswerter Romanautor.


Titel: Gefühlte Nähe
Autor: Harald Martenstein
Verlag: C. Bertelsmann
Seiten: 224 Seiten
Richtpreis: CHF 33.90

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