Interview mit Paul Riniker

„Ich bin manchmal selber auch behindert“

Interview mit Paul Riniker

sommervoegel
Szenenbild aus "Sommervögel" | © Studio

Nach über 70 Dokumentarfilmen für das Schweizer Fernsehen hat Paul Riniker mit „Sommervögel“, einer berührenden Liebesgeschichte zwischen einer verhaltensauffälligen Frau und einem in die Jahre gekommenen Biker, seinen ersten Spielfilm und gleichzeitig ein kleines Meisterwerk realisiert. Nahaufnahmen.ch traf den Regisseur am Filmfestival Locarno und sprach mit ihm über die Schwierigkeiten bei der Finanzierung, die Suche nach einem geeigneten Campingplatz und seine Drehsucht.

Von Christoph Aebi.

Nahaufnahmen.ch: Ich war überrascht, zu lesen, dass es Leute in Ihrem Umfeld gab, welche zu der Tatsache, dass Sie im Alter von 63 Jahren mit „Sommervögel“ Ihren ersten Spielfilm realisieren, meinten: „Was will der alte Trottel sich nun noch in einem Bereich versuchen, der weitab seiner Kernkompetenz liegt?“ Waren viele Leute dieser Meinung?

Paul Riniker: Ja, ich würde sagen etwa die Hälfte.

Wieso, denken Sie, hatten die Leute diese Einstellung?

Wenn man seine Identität etwas variiert, ist das immer ein Problem für die Umwelt. Irgendwie war klar, ich bin der Dokumentarfilmer und man fand: „Wieso willst du jetzt einen Spielfilm machen?“ Es ist ein Beharren auf einem Bild, das man von jemandem hat.

Hat es auch etwas mit Ihrem Alter zu tun?

Mit dem Alter natürlich auch. Man fand: „Wenn schon, dann mach doch noch einen Dokumentarfilm. Wieso denn jetzt noch etwas Neues anfangen?“ Nun bin ich halt Jungfilmer.

Die Geschichte des Films „Sommervögel“ über eine Liebe zwischen einer verhaltensauffälligen Frau und einem in die Jahre gekommenen Biker beruht auf einer wahren Begebenheit. Können Sie uns etwas mehr darüber erzählen?

Petra Haas, die Frau, welche vor fünf Jahren die Idee zum Film hatte, schrieb eine Arbeit für den Abschluss einer Ausbildung zur Kulturmanagerin. Darin beschrieb sie einen Fall, den sie irgendwo gefunden hatte. Dieser war aber sehr weit weg von dem, was jetzt im Film zu sehen ist. Die Begebenheit war in einem bäuerlichen Milieu angesiedelt, die Frau war sehr schwer behindert. Eine andere Welt als diejenige, welche ich jetzt im Film zeige.

Neben Petra Haas und Ihnen waren zwei weitere Autorinnen (Signe Astrup und Eva Vitja) am Drehbuch beteiligt. Wann stiessen Sie zum Projekt?

Die Idee kam zu mir, ich war von Anfang an dabei. Nachdem wir Geld für die Entwicklung erhalten hatten, versuchte ich, während zwei Jahren zusammen mit Petra Haas das Drehbuch zu schreiben. Wir hatten aber total unterschiedliche Vorstellungen. So schrieb ich dann eine Version, die noch nicht sehr gut war. Daraufhin nahmen zwei junge Drehbuchautorinnen die Sache in die Hand und schrieben im Gespräch mit uns eine weitere Fassung. Offiziell bin ich zu einem Viertel am Drehbuch beteiligt.

Das Budget des Films war recht klein…

2.4 Millionen Schweizer Franken, das ist extrem wenig für einen Spielfilm.

Wie leicht oder schwierig war es, das Geld für den Film aufzutreiben? Hatten Sie als bekannter Regisseur von Dokumentarfilmen einen Bonus?

Ganz am Anfang war das so. Das Geld für das Drehbuch kam sehr schnell zusammen. Danach stockte der Geldfluss plötzlich. Der Bund, das Schweizer Fernsehen sowie der Kanton Zürich machten zwar mit, aber alle anderen, die eigentlich in Frage gekommen wären, haben auf einmal gekneift. Der Kanton Aargau beispielsweise hatte für das Buch noch problemlos Geld gegeben, fand dann aber, der Film werde ja sowieso finanziert, sie müssten somit kein zusätzliches Geld mehr geben. Das war eine riesige Enttäuschung. Danach brauchte es grosse Anstrengungen seitens der Produzenten, dass der Film trotzdem finanziert werden konnte.

War es Ihre Entscheidung, die Hauptrollen des Films mit Roeland Wiesnekker und Sabine Timoteo zu besetzen?

Ja, das war weitgehend meine Entscheidung. Man hat mir die beiden Schauspieler vorgeschlagen und ich war sofort begeistert. Roeland Wiesnekker kannte ich natürlich, Sabine Timoteo jedoch nicht. Ich habe dann einen Film von ihr angeschaut und wusste sofort, dass sie die Rolle übernehmen sollte.

Sie haben in langer Zusammenarbeit mit Sabine Timoteo die Figur der Greta erarbeitet. Greta ist eine verhaltensauffällige Frau, es wird im Film nie der Name einer spezifischen Behinderung genannt. Wie kamen Sie schlussendlich zur Entscheidung, Greta genau so darzustellen, wie dies nun im Film der Fall ist?

Die Figur der Greta ist total im Dialog mit Sabine Timoteo entstanden. Wir hatten das Problem, zu entscheiden, wie behindert Greta sein sollte und wie wir das zeigen wollten. Immer wieder fragten wir uns: „Was ist glaubwürdig?“ Bis zum Schnitt haben wir daran gebastelt und uns überlegt: „Ist sie hier weniger behindert als dort?“. Wir sind dann zum Schluss gekommen, dass wir die Stärke der Behinderung im Film nicht konstant durchziehen müssen. Ich bin ja manchmal selber auch behindert und manchmal nicht.

Sie haben den Film in Erlach auf einem Campingplatz gedreht. Wie haben Sie die Location ausgewählt?

Die Ausstatterin und die Aufnahmeleiterin haben sich 150 Campingplätze angeschaut und danach eine Shortlist von 10 Campingplätzen erstellt, die wir zusammen begutachtet haben. Zwei davon haben sich schlussendlich herauskristallisiert: Einer am Murtensee und der andere in Erlach am Bielersee. Am Murtensee wäre die ganze Infrastrutkur bereits vorhanden gewesen, aber wir merkten, dass die Leute dort für unsere Filmcrew nicht bereit waren. Die hätten uns vielleicht ausnehmen wollen, aber nicht unbedingt Freude an unserer Anwesenheit gehabt. In Erlach haben sie uns hingegen mit offenen Armen empfangen, uns alles möglich gemacht und zur Verfügung gestellt. Das war ein irrsinnig gutes Erlebnis. Darum haben wir uns für Erlach entscheiden. Zum Glück!

Das ganze Setting des Films inklusive der improvisierten Beiz ist sehr liebevoll und farbenfroh gestaltet.

Wir wollten eine farbige Welt darstellen, einen farbigen Film machen. Das ist uns nun auch gelungen. Zudem hatten wir grosses Glück mit dem Wetter. Oft hat es rundherum geregnet, aber genau an unserem Drehort schien die Sonne. Erlach ist daher ein fast magischer Ort.

Die Musik spielt in „Sommervögel“, wie auch schon in Ihren Dokumentarfilmen, eine wichtige Rolle. Wie kam es zur Zusammenarbeit mit Marcel Vaid sowie Markus Schönholzer, der den Titelsong „Immer im Chreis“ komponiert hat?

Mit Marcel Vaid habe ich bereits andere Filme gemacht. Er ist ein Freund von mir, gleichzeitig mein Nachbar und ich bin Patenonkel eines seiner Kinder. Für mich war deshalb klar, dass er die Filmmusik komponieren sollte. Es war eine wahnsinnig fruchtbare Zusammenarbeit mit ihm. Musik ist immer eine heikle Sache. Sie kann einen Film kaputt machen, aber auch retten. Als Marcel den Film zum ersten Mal gesehen hat, meinte er: „Es braucht gar keine Musik. Der Film ist so gut!“ Jetzt hat es doch ziemlich viel Musik im Film, was sehr schön ist. Markus Schönholzer habe ich an einem Fest getroffen. Zuerst sagte er mir, er habe überhaupt keine Zeit und mache sicher nichts für den Film. Als der Abend fertig war, meinte er jedoch: „Ja, ich schreibe dir einen Song.“ Ich finde, dass sein Lied „Immer im Chreis“ ein sehr schöner Ohrwurm ist.

Sie sagen von sich selber, Sie seien „drehsüchtig“. Weshalb?

Weil ich Situationen liebe, in denen man weiss: „Jetzt oder nie! Jetzt muss es passieren!“. Ich mag die Präsenz, welche es braucht, wenn man 150 Prozent abrufen muss. Das gibt mir ein Gefühl wie bei einer Droge. Ich bin nicht jemand, der gerne über 24 Stunden konstant irgendwelche Schrauben anzieht und während dieser Zeit immer voll präsent ist. Meine Tochter sagt, sie kenne mich nicht mehr, wenn ich am Drehen sei. Ich sei dann ein völlig anderer Mensch.

Haben Sie schon Ideen für weitere Spielfilmprojekte?

Ja, ich möchte weitermachen. Ich habe zwar noch nichts sehr Konkretes, hoffe aber, dass „Sommervögel“  so gut läuft, dass mir ein paar Drehbücher vorgelegt werden, die ich dann  umschreiben und verfilmen darf.

Sie haben über 30 Jahre beim Schweizer Fernsehen gearbeitet und waren im Rahmen des „pacte de l’audivisuel“ für die Förderung junger Dokumentarfilmer verantwortlich. Gab es in diesem Jahr einen Dokumentarfilm, der Ihnen besonders gefallen hat?

Es gab ein paar wunderschöne Schweizer Filme. „Unser Garten Eden“ beispielsweise finde ich traumhaft. Wir haben immer noch ein hohes Niveau bei den Dokumentarfilmen. Darum braucht es mich für Dokumentarfilme jetzt nicht mehr.


Zur Person

Paul Riniker wurde 1946 in Aarau geboren. Nach einem Jus-Studium an der Universität Zürich arbeitete er zunächst als Lehrer sowie als Journalist für diverse Medien. Von 1976 bis 2006 war er Redaktor und Filmemacher bei SF DRS. Während dieser Zeit realisierte er mehr als 70 Dokumentarfilme, darunter Meilensteine wie „Tonis Träume – Porträt eines geistig behinderten Bergbauernsohns“, sein Lieblingsfilm , oder „Traum Frau (Coco) – Stationen einer Geschlechtsumwandlung“. Von 1993 bis 2006 war Riniker ebenfalls verantwortlich für die Koproduktion von Dokumentarfilmen im Rahmen des „Pacte de l’audiovisuel“. Er arbeitete zudem als Dozent an verschiedenen Instituten (MAZ und Hochschule Luzern, ZHdK) und ist seit 2006 Inhaber einer eigenen Kommunikationsagentur.


„Sommervögel“ läuft ab 28. Oktober 2010 im Kino.

Originaltitel: Sommervögel (Schweiz 2010)            
Regie: Paul Riniker
Darsteller: Sabine Timoteo, Roeland Wiesnekker, Anna Thalbach, u.a.
Dauer: 96 Minuten
CH-Verleih: Frenetic Films

Im Netz
www.sommervoegel-film.ch

Ein Gedanke zu „Interview mit Paul Riniker

  • 20.11.2010 um 18:41
    Permalink

    An Paul Riniker: Lieber Paul, Du erinnerst Dich wohl kaum mehr an mich. Ich leitete einmal mit Urs Alter zusammen einen Interview-Kurs, an dem Du Tn warst.
    Nun habe ich heute Deinen Film gesehen.Kurz und einfach: grossartig, ich bin berührt von der
    Poesie der ganzen Geschichte.
    Der Film lässt eine gute Stimmung zurück im Herzen.

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