Je frischer die Erinnerung, desto fragiler ihre Gedächtnisspur

Im November beschäftigt sich das Ressort Wissen mit dem Vergessen. Zur Einstimmung hier ein Artikel aus dem Jahr 2008.

Kaum gewusst und schon vergessen

Mikroskopische Aufnahme der Grosshirnrinde einer Maus. Ein zentral gelegenes Pyramiden-Neuron mit grossem Dendriten-Baum exprimiert grün fluoreszierendes Protein. Quelle: Wikipedia

Die Kapazitäten des Gehirns sind beschränkt. Nicht alles, was wir täglich sehen, hören oder lesen, bleibt in Erinnerung. Die ersten Minuten bis Stunden sind für neue Informationen entscheidend. Dann werden die Erinnerungen daran gefestigt – oder sie werden vergessen.

Von Martin Geiser

Wie lautete das Wort des Jahres 2008 in der Deutschschweiz? Auch wenn Sie diese Frage nicht sofort beantworten können, funktioniert Ihr Gehirn sehr wahrscheinlich normal. Denn bei der Flut an Information, die es in jeder Stunde und Minute zu verarbeiten hat, kann sich unser Gedächtnis nicht alles merken – zumindest nicht auf einmal. Folglich vergisst es Irrelevantes, noch bevor es gespeichert wurde. Dies zeigen auch die zahl- und variantenreichen Experimente mit Erinnerungen.

Je mehr man weiss, desto mehr vergisst man
Seit den ersten wissenschaftlichen Aufzeichnungen des deutschen Psychologen Hermann Ebbinghaus aus dem Jahr 1885 sind tausende Studien durchgeführt worden. Dabei müssen sich die Probanden meist Wörter oder Zahlen merken und werden danach zu verschiedenen Zeitpunkten darüber abgefragt. Die wenig überraschenden Ergebnisse: gleich nach dem Lernen sind die Resultate noch recht ansprechend, doch je später die Versuchsteilnehmer getestet werden, desto schlechter schneiden sie ab.

Werden die Ergebnisse grafisch dargestellt,  entstehen „Vergessenskurven“, die am Anfang recht steil abfallen. Beispielsweise weiss der Proband unmittelbar nach dem Lernen 16 Wörter, nach drei Minuten noch deren 8. Nach weiteren drei Minuten wird der Kandidat nochmals befragt. Typischerweise weiss er nach dieser Zeit etwas mehr als die Hälfte des vorhergehenden Resultats; in unserem Falle also vielleicht 5 Wörter.

Wissenschaftler sind seit Jahren auf der Suche nach einer einheitlichen Formel für Vergessenskurven. In einer kürzlich veröffentlichten Arbeit schlagen die Psychologen Mark Lansdale von der Leicester University und Thom Baguley von der Nottingham Trent University ein neues mathematisches Modell vor. Ihre Idee: Je länger eine Information im Gedächtnis vorliegt, desto schwieriger wird es, diese aus der sich im Laufe der Zeit ansammelnden Fülle weiterer Informationen herauszufiltern, desto kleiner also die Wahrscheinlichkeit, sich daran zu erinnern.

Fragile Gedächtnisspur
Mathematisch funktioniert das Modell von Lansdale und Baguley, und die Formel passt auch zu den Vergessenskurven vieler Experimente. Ob sie auch die Funktionsweise des Gedächtnisses abbildet, ist jedoch noch offen. Denn was exakt im Gehirn passiert, wenn sich eine Information ins Gedächtnis einprägt, wissen  Forscher nicht bis ins Detail. Wie es scheint, werden gewisse Nervenzellen beziehungsweise Verbände mehrerer miteinander verschalteter Neurone besonders aktiv. Sie schütten vermehrt Botenstoffe aus, welche die Signale zwischen ihnen übertragen.

Solche Gedächtnisspuren verblassen jedoch nach einigen Minuten bis Stunden. Damit eine Information dauerhaft gespeichert wird, muss das Gehirn sie „umschreiben“. Dies geschieht über mehrere Stufen in verschiedenen Gehirnregionen. Schliesslich werden Nervenzellen sich neu verbinden, indem sie neue Fortsätze ausbilden, um mit anderen Neuronen in Kontakt zu kommen, Oder sie lassen solche Kontaktstellen verkümmern. Das Geflecht aus Nervenzellen verändert sich dadurch ständig.

Im Falle des deklarativen Gedächtnisses, das für Erinnerungen an Fakten und Ereignisse zuständig ist, spielt eine Gehirnregion mit dem Namen „Hippocampus“ eine wichtige Rolle. Hier werden neue Informationen verarbeitet und zur weiteren Speicherung in andere Gehirnregionen geleitet; zumindest zum Teil, denn Vieles geht auch verloren.

Wie viele Informationen schliesslich behalten werden, liegt unter anderem daran, wie effizient der Hippocampus Informationen ins Langzeitgedächtnis „schreibt“. Die zahlreichen Experimente der letzten Jahrzehnte zeigten, dass gelernte Fakten umso schlechter gespeichert werden, je intensiver sich der Versuchsteilnehmer nach dem Lernen mental beschäftigt.

In neuerer Zeit wurde daraus der Schluss gezogen, dass die Hippocampus-Region, in der die Informationen kurzzeitig gespeichert werden, bei zu viel geistiger Arbeit „überlastet“ war. Die zuvor gelernten Inhalte konnten somit schlechter ins Langzeitgedächtnis übertragen werden. Eine Entlastung des Hippocampus mit wenig anspruchsvoller Tätigkeit brachte dagegen bessere Resultate.

Alkohol und Schlaf gegen das Vergessen
Eine solche Entlastung wird interessanterweise auch durch Substanzen wie Alkohol oder gewisse Schlafmittel erreicht. Testpersonen, die gleich nach dem Lernen einer ersten Wortliste Alkohol zu sich nahmen, und danach eine zweite Liste lernten, konnten sich besser an die erste Liste erinnern als Personen, die keinen Alkohol getrunken hatten.

Die Wirkung des Alkohols liefert eine mögliche Erklärung. Unter dessen Einfluss werden weniger neue Lerninhalte – im Experiment die zweite Wortliste – zu Gedächtnisspuren umgewandelt. Der nun „ungestörte“ Hippocampus kann seine Kapazität ganz für die Konsolidierung der alten Informationen – also die erste Wortliste – nutzen. Der Nachteil: Neue Informationen werden extrem schlecht gespeichert und gehen meist innert kürzester Zeit vergessen. Die Versuchsteilnehmer konnten sich denn auch kaum an die zweite Liste erinnern.

Die so genannten Non-REM-Schlafphasen haben den gleichen Effekt. Sie bewirken, dass im Hippocampus praktisch keine neuen Informationen bearbeitet werden. Dafür wird zuvor Gelerntes besser konsolidiert. Dies ist wohl mit ein Grund, warum wir so wenig darüber wissen, was unser Gehirn in der Nacht so treibt: Am Morgen haben wir es schon vergessen. Dies hat durchaus auch sein Gutes, denn umso besser können wir uns an den Abend zuvor erinnern.

Übrigens: Erinnern Sie sich an die Frage des ersten Satzes? Das Wort des Jahres 2008 heisst “Rettungspaket”!

Literatur zum Thema:
Lansdale M, Baguley T. 2008. Dilution as a Model of Long-Term Forgetting, Psychological Review. 115 (4), 864–892.

Wixted JT. 2004. The Physiology and Neuroscience of Forgetting, Annu. Rev. Psychol. 55, 235-69.

 

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