Maximilian Steinbeis: “Pascolini”

Der heilige Räuber

Maximilian Steinbeis: “Pascolini” (Roman)

In “Pascolini” erzählt Maximilian Steinbeis ein Stück bayrische Nachkriegsgeschichte, die nie stattgefunden hat. Obwohl es einem die komplexe und figurenreiche Handlung des Romans nicht leicht macht, die Übersicht über die Namen und Geschehnisse zu behalten, kommt man nicht umhin, die Originalität der Geschichte und das Sprachtalent des Autors zu bewundern.

Von Lukas Hunziker.

pascoliniDie Handlung von “Pascolini” zu beschreiben, dürfte selbst für erfahrenere Rezensenten keine einfache Aufgabe darstellen. Der Roman hat nicht von ungefähr ein Personenverzeichnis im Anhang, um einem bei der Einordnung der vielen Namen unter die Arme zu greifen. Die eigentliche Hauptfigur ist denn eigentlich auch mehr der Ort des Geschehens: das fiktive bayrischen Örtchen Ettengrub. Dort steigt Matthias Pascolini, genannt “Hias”, vom Schmuggler zum Heiligen auf. Aufgewachsen im Gasthof zum Teufelsschlupf, verdient er sein erstes Geld, indem er Waren über die Pässe an der Grenze zum Tirol schmuggelt. Bald ist darunter auch ein weisses Pulver, mit welchem Pascolini und seine Bande, die er bald um sich versammelt, sich ein goldenes und weisses Näschen verdienen.

Als die Bande jedoch geschnappt und ihr der Prozess gemacht wird, kommt ihnen der religiöse Zwist zu Hilfe, welcher Bayern spaltet. Im tief katholischen Ettengrub herrscht nämlich ein gewaltiges Misstrauen gegen die als protestantisch empfundene Staatsgewalt, und so wird auch die Ermittlung gegen Pascolinis Bande als religionsfeindlicher Akt empfunden. Ettengrub zieht Selbstjustiz der Polizei vor, und so werden Pascolini und seine Bande bald vom Dorf versteckt und gedeckt. Lokalpolitiker nutzen den Unmut der Ettengruber, um sie gegen Protestanten wie den lokalen Unternehmer Heinz-Hubert Scholten aufzuhetzen. Als Hias’ Bande einen Polizisten erschiesst, nachdem dieser auf einen der ihren geschossen hat, eskaliert der Konflikt und die Ereignisse im kleinen Örtchen überstürzen sich.

Nacherzählung einer fiktiven Chronik

Teil dieser Ereignisse ist auch die Erzählerin des Romans, Camilla Friedmann, die zur Zeit der Geschehnisse noch keine 20 ist. Die Handlung wird rückblickend von ihr erzählt, wobei sie sich jedoch nicht nur auf ihre Erinnerungen, sondern auch auf eine (natürlich ebenfalls fiktive) Chronik stützt, die sie ständig ergänzt und kommentiert. Dieser reichlich komplexen Erzählperspektive ist auch die Sprache angepasst; Steinbeis’ Roman liest sich stellenweise wie ein Artikel aus einer Fachzeitschrift, der ein vergessenes Kapitel bayrischer Geschichte beleuchtet. Glücklicherweise ist jedoch nur die Sprache fachlich, der Ton hingegen ist alles andere als ernst, sondern beschwört in seinen besten Augenblicken den sarkastischen, bösen und schwarzen Humor eines Wolf Haas herauf.

Wenn Rezensenten die Sprache eines Autors loben, mag dies meist aus der Verlegenheit heraus geschehen, dass sich über die Handlung eben einfach zu wenig sagen lässt. Steinbeis’ Sprache hingegen verdient tatsächlich besondere Erwähnung, da sie trotz ihrer teils beinahe kleistschen Komplexität verständlich und ungleich amüsant ist. An Kleist erinnern übrigens nicht nur die Sätze und der an eine Chronik erinnernde Erzählton. Wenn man so will, ist Pascolini eine Art pervertierter Michael Kohlhaas. Hias Pascolini hat zwar nicht das geringste Bedürfnis nach Gerechtigkeit, seine Anhänger, die sich wie Kohlhaas der Willkür der Staatsmacht ausgesetzt sehen, dafür umso mehr. Wie Kohlhaas wird Pascolini zum Volkshelden, ohne jemals danach gestrebt zu haben.

Roman ohne Hauptfigur

Während Kleists Erzählung jedoch eine geradlinige Geschichte eines einzigen Protagonisten erzählt, kann man Hias nur mit Mühe als Hauptfigur von Steinbeis’ Roman bezeichnen, auch wenn dieser nach ihm benannt ist. Wer “Pascolini” nicht in mehr oder weniger einem Zug liest, wird sich vielleicht wie der Rezensent dabei ertappen, nach einer längeren Lektürepause die vorangegangenen Kapitel nochmals gründlich zu lesen, um in die Handlung zurückzufinden. Pascolini steht nicht weniger im Zentrum des Romans als die zahlreichen Nebenfiguren, die mit ebenso viel Liebe zum Detail beschrieben werden. Wenn “Pascolini” etwas fehlt, dann ein roter Faden, welcher die Ereignisse und auftretenden Personen der Handlung aneinanderknüpft.

Unter dem Strich ist “Pascolini” eine ebenso originelle und faszinierende wie sperrige Lektüre, die sich nicht besonders dafür eignet, in kleinen Häppchen gelesen zu werden. Nimmt man sich jedoch die Zeit, in die fiktive Geschichtsschreibung von Steinbeis einzutauchen, kommt man in den Genuss eines für die deutsche Literatur erfrischen ungewöhnlichen Leckerbissens.


Titel: Pascolini
Autor: Maximilian Steinbeis
Verlag: Aufbau
Seiten: 251
Richtpreis: CHF 34.50

Lukas Hunziker

Lukas Hunziker ist Gymnasiallehrer für Deutsch und Englisch. In seinem Garten stehen drei Bäume, in seinem Treppenhaus ein Katzenbaum. Er schreibt seit 2007 für nahaufnahmen.ch.

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