“Stationspiraten” von Michael Schaerer

Krebs macht Spass!

“Stationspiraten” von Michael Schaerer

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Vier Jungs lassen sich von ihrer Krebserkrankung nicht unterkriegen und machen den Spitaltrakt mit Rollstuhlrennen und nächtlichen Fussballspielen unsicher. Was Stoff für einen berührenden Film mit einer äusserst ernsten Thematik hergäbe, lässt Michael Schaerer in ein kitschiges Feelgood-Movie verkommen. Bei Flirts mit Krankenschwestern und verbotenem Baden im Teich mit Zigaretten und Bier wähnen wir uns im Ferienlager. Ab und an bringt uns der subtile Humor mancher Szenen trotzdem zum Lachen.

Von Simon Wottreng.

Kevin, Benji, Michi und Jonas heissen jene vier Patienten, die das Pflegepersonal im fünften Stock auf Trab halten. Die Verschworenheit der  Schicksalsgenossen vermag nicht darüber hinweg zu täuschen, dass jeder Einzelne seinen eigenen Kampf gegen den Krebs führt, und dies auf jeweils unterschiedliche Weise: Jonas, der Jüngste, will Pilot werden und flüchtet sich in seine Fliegerwelt. Benji versucht mehr oder weniger erfolgreich, seine Angst mit Witz und coolen Sprüchen zu überspielen. Michi schöpft Hoffnung im Sport und setzt alles daran, der erste Profi-Fussballer mit Beinprothese zu werden. Nur der älteste im Bunde, Kevin, hätte bereits vor seinem Schicksal resigniert, wäre da nicht das hübsche Mädchen aus der siebten Etage.

Symptome

Schauspielerisch ist “Stationspiraten” kein Feuerwerk. Während Stefan Kurt, bekannt für seine Hauptrolle in “Der Schattenmann” (1996), den sympathischen Chefarzt äusserst glaubhaft verkörpert, wirken die Zeilen der Jungdarsteller zuweilen auswendig gelernt. Trotzdem schaffen sie es, ihren jeweiligen Charakteren Ausdruck zu verleihen. Es wird aber auch nicht immer einfach gewesen sein,  die im Drehbuch vorgeschriebenen Dialoge glaubhaft zu spielen: Wenn Michis Meinung zu den Gesunden, “Die einte händ halt Glück”, von Benji in einem vermeintlich herzerwärmenden Anflug von Lebensfreude mit „Mir alli händ doch Glück“ kommentiert wird, so wirkt dieser übertriebene Optimismus angesichts der tödlichen Krankheit nahezu zynisch. Und dieser blinde Optimismus zieht sich durch den ganzen Film.

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Was massgebend zur emotionsschwangeren Stimmung des Streifens beiträgt, ist die Musik Adrian Siebers, des Sängers der Band “Lovebugs”. In regelmässigem Rhythmus wechseln sich Resignation und Hoffnung widerspiegelnde, musikalisch untermalte Sequenzen ab, die an Videoclips erinnern. Wenn schon die Harmonien als Stimmungsindikatoren gereicht hätten, so sind explizite Verse wie „I had a life. I had a reason to go on…“ endgültig zu viel des Guten. Weniger ist mehr.

Diagnose

Am Zurich Film Festival, wo “Stationspiraten” bemerkenswerterweise den Publikumspreis gewonnen hat, trat mit “Oxygen” ein thematisch ähnlicher Film zum Wettbewerb an. Im belgischen Pendant leiden zwei Brüder an einer irreversiblen Lungenkrankheit, auch sie sind mit dem eigenen Tod konfrontiert. Doch ungleich der Schweizer Produktion wurde mit Musik, Farbe und Gags gespart, um die eigentliche Thematik nicht aus dem Fokus zu verlieren. Resultat ist ein sehr viel nachdenklicheres, tragischeres Werk, das sich mit der Sterblichkeit befasst, anstatt diese in einer Woge von Galgenhumor zu leugnen.
An der Strategie, Schrecken mit Humor zu begegnen, findet sich nichts Verwerfliches. Auch als Komponente für einen Film über krebskranke Jugendliche taugt sie durchaus. Wenn sie aber zur Hauptaussage wird, scheint die Auseinandersetzung mit dem Tod nicht nur eindimensional, sondern gar ausgeblendet. Natürlich ist Freundschaft unverzichtbar, aber der Tod ist letztlich ein individueller Akt.

Man mag einwerfen, Schaerer gehe es auch nicht um den Tod, sondern um das Leben. In diesem Sinne wäre dem Zuschauer sein Popcorn durchaus gegönnt, denn “Stationspiraten” bietet gute Unterhaltung, viele Emotionen, und ein bedrückendes Ende bleibt dem Publikum erspart. Das dramatische Potenzial der Thematik wäre dann aber nicht ausgeschöpft. Es soll nun aber die Vermutung angebracht werden, dass es keineswegs die Absicht des Regisseurs war, den Tod aus der Erzählung auszusparen. Vielmehr fehlte es schon bei der Entstehung des Drehbuchs an Mut, dem Schweizer Kinopublikum weniger leicht verdauliche Kost vorzusetzen, deren Anspruch über Unterhaltung hinausgeht. Dabei wäre dies den hiesigen Kinogängern nicht nur zuzutrauen, sondern könnte auch die Wahrnehmung des Schweizer Films im Ausland stärken.

“Stationspiraten” wird als herzerwärmender, lebensbejahender Jugendfilm angepriesen werden, und dieser Bezeichnung entspricht er vollumfänglich.  Wenn Du mit Krebs im Spital liegst, brauchst Du nur mit deinen Kumpels um die Gänge zu kurven, und das Leben macht Spass.


Seit dem 4. November 2010 im Kino.

Originaltitel: “Stationspiraten” (Schweiz 2010)
Regie: Michael Schaerer
Darsteller: Scherwin Amini, Vincent Furrer, Max Hubacher, Nicolas Hugentobler, Stefan Kurt
Genre: Drama
Dauer: 93 Minuten
CH-Verleih: Disney

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Ein Gedanke zu „“Stationspiraten” von Michael Schaerer

  • 02.11.2010 um 12:50
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    Ich kann mich dem Gefühl nicht entwehren, dass der Autor dieses Beitrags schon mit einer gewissen Erwartungshaltung im Kinosessel Platz genommen hat – und zwar dass das Thema Krebs offensichtlich ausschliesslich tragisch und ernst behandelt werden muss. Diese traurigenThemen kommen durchaus zum Zug im Film, nur werden sie einem nicht einfach um die Ohren gehauen sondern mal zarter, mal heftiger ausgedrückt. Wenn dem Autor die Zwischentöne und das Thema Tod entgangen sind, war er wohl gerade Popcorn holen.
    Dieser Film ist kein Wohlfühlfilm, sondern ein Film der zeigt, dass Jugendlich trotz der Krankheit ihre Themen haben und sich ein normales Leben wünschen und manchmal auch wieder haben können.

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