Adolf Muschg: “Sax”

Zeit ausser Rand und Band

Adolf Muschg: “Sax” (Roman)

In seinem jüngsten Roman verbindet Adolf Muschg viele Einzelgeschichten zu einem Ganzen, mischt verschiedene Genres sowie Realität und Traum, lässt so vieles im Dunkeln und wirkt dennoch erhellend.

Von Lisa Letnansky.

saxMuschgs neuster Roman ist so verzweigt und vielschichtig, dass man sich am Schluss unwillkürlich fragt, was das Ganze zusammenhält. Die Antwort findet man wohl in einem Haus, das Haus „Zum Eisernen Zeit“, der geographische und narrative Mittelpunkt der Geschichte. Namensgeber des Hauses ist die Sonnenuhr an seiner Aussenfassade. „Ein Metallstab ragte schräg aus der Sandsteinfront und kam eigentlich nie in den Fall, seinen Schatten auf den Fächer mit der Stundenskala zu werfen, denn die Hausfront lag zur Nordseite hin. Ultima necat lautete die Devise im geknickten Spruchband, und Leu lieferte gleich die Übersetzung: ‚Die letzte tötet.’“

Das Gespenst und der Geist

Der Roman beginnt im Jahr 1970, als die jungen Anwälte Jacques Schinz, Hubert Achermann und Moritz Asser – durch und durch 68er und vom Kommunismus angetan – in dieses Haus Einzug halten. Doch die Geschichte des Hauses reicht viel weiter zurück, bis zu einem gewissen Freiherrn Philipp von Hohensax, der es im 16. Jahrhundert kaufte, es aber erst nach seinem Tod als Geist betrat. Die Familie von Peter Leu, der vor den Anwälten darin hauste, zerbrach am anhaltenden Spuk. Nun soll das anders werden, davon ist zumindest Jacques’ Vater überzeugt: „Deine Geister und das Gespenst des Kommunismus – die treiben sich gegenseitig aus, wetten?“

Eine Kuppel mit chronologischem Defekt

Der Geist des Freiherrn verschwindet aber nicht und bleibt auch nicht der einzige. Bis ins Jahr 2013 reicht Muschgs Roman und immer wieder werden hier die Grenzen verwischt. Die Geschichte der Anwälte geht über in fantastische Visionen und philosophische Allegorien. So auch in der versteckten Kuppel – ein weiteres vom Haus behüteten Geheimnis – welche ein Astronom im 19. Jahrhundert heimlich angebracht hat, die aufgrund statischer Probleme aber nie benutzt werden konnte. In dieser Kuppel, deren Inneres viel geräumiger anmutet, als es von aussen möglich scheint, muss ein „chronologischer Defekt“ herrschen. Uhren stehen in ihr still und für die Personen, die sich in ihr aufhalten, scheint die Zeit entweder gar nicht zu existieren oder ist gar „ausser Rand und Band“. So entsteht eine Art „Zwischenraum“, ein von der Aussenwelt abgeschotteter Zufluchtsort.

Abrechnung mit der politischen Gegenwart

Aber auch ausserhalb der Kuppel scheint die Zeit ein wildes Spiel zu treiben, denn „Sax“ ist keineswegs einfach nur ein fantastischer Geisterroman und das Gespenst des Kommunismus bleibt auch nicht die einzige politische Spukgestalt. Die Vaterländische Partei, die über die Jahre immer mehr an Macht und Einfluss gewinnt, droht, die Geschicke der Schweiz in Richtung Abgrund zu lenken, eine ganz andere Richtung als sie sich die reaktionären Anwälte vorgestellt hatten. Hier findet Muschg nicht nur Platz für sein Lieblingsthema – die Verlogen- und Verlorenheit der Schweizerischen Pseudo-Neutralität – sondern auch für eine gnadenlose Abrechnung mit der eidgenössischen politischen Gegenwart. Die charismatische Führungspersönlichkeit der Vaterländischen Partei, die zum Beispiel die Forderung vertritt, die EU solle eher der Schweiz beitreten denn umgekehrt, trägt unverwechselbar die Züge Christoph Blochers, bekanntermassen ein Intimfeind des Autors.

Viele Botschaften sind besser als eine

In diesem Roman gibt es keine klar definierten Grenzen. Genres gehen ohne Vorwarnung ineinander über, und auch die Figuren bleiben merkwürdig verschwommen. Obwohl allesamt eigensinnige und klar wieder erkennbare Charaktere, haftet ihnen bis zum Schluss etwas Rätselhaftes und Undurchschaubares an. Die Entwicklung, die sie über die Jahre durchlaufen, verharrt im Hintergrund, denn es werden jeweils nur kurze Sequenzen aus ihrem Leben erzählt, wobei oft Jahre übersprungen und somit ausgelassen werden. So hat dieses Buch auch keine klare Botschaft, die man hier aphoristisch wiedergeben könnte. In „Sax“ geht es um die Mythen des Lebens, um die politische Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft, um die Zerbrechlichkeit zwischenmenschlicher Beziehungen und die scheinbare Unmöglichkeit wahrer Liebe, der Roman ist aber auch gleichzeitig eine spannende, eloquente und bemerkenswerte Abrechnung mit der Moderne und dem Individualismus.


Titel: Sax
Autor: Adolf Muschg
Verlag: C. H. Beck
Seiten: 456
Richtpreis: CHF 38.90

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