Hilft Memotechnik beim Erinnern?

Das Lernen lernen

Hilft Memotechnik beim Erinnern?

Bild von Albert Anker: Die Dorfschule

Gesichter zu denen die Namen fehlen, die falschen Artikel im Einkaufskorb, da die Einkaufsliste zu Hause liegen blieb und das Gefühl, nach stundenlangem Büffeln genau so wenig zu wissen wie zuvor: Ziemlich machtlos erleben wir, wie unser Wissen durchs Gedächtnissieb rutscht. Da nützt auch der Knoten im Taschentuch nichts. Vielmehr sollen Strategien der Assoziation helfen, Wissen langfristig abrufen zu können, behaupten sogenannte Memotrainer.


Von Stephanie Santschi

Ein Mann hält eine Tomate in der Hand aus der ein Erikablümchen wächst. Der Nikolaus schnappt sich dieses und spielt mit ihm Golf. Wenn es ihm gelingt, den Ball ins Loch zu versenken, musiziert er aus Freude darüber mit der Mundharmonika. Darauf hin kommt die Königin Elisabeth angefahren, in einem Ferrari von Michael Schumacher….
Nein, ich bin weder komplett übergeschnappt noch ist mir so langweilig dass ich irre Geschichtchen erfinde. Vielmehr handelt es sich hierbei um eine Gedächtnisstütze: Dank ihr weiss ich nun sämtliche Kinder von Thomas Mann auswendig: Erika, Klaus, Golo, Monika, Elisabeth und Michael. Das Ganze nennt sich Memotechnik und soll helfen, sich in kurzer Zeit viel Wissen anzueignen.

Fast zu schön, um wahr zu sein

Um das Lernen zu lernen, strömen ganze Scharen von Studenten ins Hauptgebäude der ETH Zürich. Erwartungsvolle Gespräche zwischen den Studenten lassen den Saal summen: Die Ankündigung der Lerntutoren, zwanzig unzusammenhängende Begriffe nach einer dreiminütigen Lernsequenz auswendig aufsagen zu können, hat alle Anwesenden aufhorchen lassen.

„Ich will KEIN Schreibzeug auf den Tischen sehen – alles weglegen bitte!“, verkündet Georg Schaub und zwinkert den vorbildlich mit Block und Bleistift ausgerüsteten Studenten zu. Als einer der bekanntesten sogenannten Memotrainer führt er seit vielen Jahren Lernseminare durch. Seine eigene, anscheinend sehr ausgeprägte Vergesslichkeit konnte er erst nach einem USA-Aufenthalt überwinden: Dort zappte er sich zufälligerweise in eine Reportage über Memotechnik: „Mich störte an dieser Doku, dass zwar über viele Theorien berichtet wurde, aber keine Übungen folgten“. Wiederholungen seien das Essenzielle beim Lernen. Deswegen entwickelte er über die Jahre eine Vielzahl von Übungen und ist dank Training nun in der Lage, sich beinahe alles zu merken.

Repetitio est mater studiorum

Natürlich erinnert auch er sich nicht an ausnahmslos alles. Von den unzähligen, jeden Tag auf uns einströmenden Informationen  bleiben nur die wichtigsten im Gedächtnis haften, das Meiste wird als unwichtig eingestuft. Wann hat jetzt meine Tante Geburtstag? Präsenter ist da das Einmaleins. Dieser Information haben wir durch ausführliches üben und wiederholen den Stempel „Merken“ aufgedrückt.

Um die Liste der zwanzig unzusammenhängenden Worte in unser Gedächtnis zu meisseln, bedient sich Schaub eines Potpourris von Übungen und Tricks. Ungeachtet des trockenen Stoffes wurde in diesem Vorlesungssaal selten so viel gelacht. Lernen soll Spass machen und mit Emotionen verknüpft sein, unser Gehirn ruft Infos viel eher ab, wenn kein Stress damit assoziiert ist. Mit allen Sinnen lernend, stehen wir zeitweise gedanklich in einem duftenden Zwetschgenkuchen: Kuchenblech ist das erste Wort auf der Zwanziger-Wortliste.

Mensch ärgere dich nicht
Begeistert schaufeln die Studenten Tonnen unnützen Wissens ins Gehirn. Und alle haben Spass dabei. Allerdings stellt sich die Frage nach der Nachhaltigkeit: Wie viel bleibt hängen? Üben und wiederholen, lautet die Devise. Zu diesem Zweck bietet Schaub ein Lernset auf CD an, welches die Punkte des Lernseminars vertiefen soll. Eine Zahlenmerkmethode, die Verknüpfung von Begriffen mit Orten im Raum oder am Körper und eine Anleitung zum Erdichten fantasiereicher Eselsbrücken finden sich zum Beispiel auf diesen CDs. Und dank der im Saal herrschenden Euphorie, fällt der Griff ins Portemonnaie leicht.

Die Taube auf dem Dach
Doch will ein Student mal einfach so zwanzig Stunden seiner kostbaren Zeit opfern, um diese CDs durchzuarbeiten? Die Aussicht auf zukünftige Zeiteinsparung dank Memotechnik ist zwar gut und recht. Aber was wenn es nicht funktioniert? “Zweifel ist der Schlüssel zum Wissen“, lautet das Kredo der Universitäten. Da bleibt der Student sicherheitshalber bei seinen herkömmlichen Lernmethoden. Und so bleiben die erworbenen CDs zu Hause noch ein wenig länger unausgepackt liegen. Bis sie schliesslich in Vergessenheit geraten…


Im Netz
Darstellung der Ebbinghaus-Vergessenskurve und Beitrag zu Lernkarteikarten
Homepage von Georg Schaub, Gedächtnistrainer

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