“The Kids Are All Right” von Lisa Cholodenko

Das Recht auf Unglück

“The Kids Are All Right” von Lisa Cholodenko

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“The Kids Are All Right” wird hierzulande trotz Staraufgebot als US-amerikanischer Indie-Film verkauft. Dass diese klischeeverseuchte Komödie als innovatives Kino durchgeht, sagt einiges über die unabhängige Filmszene in den Staaten aus.

Von Sandra Despont.

Nic, Jules, Paul und Joni könnten eine ganz normale amerikanische Vorzeigefamilie sein. Da steht ein schmuckes Häuschen in der Vorstadt, Autos gibt’s auch genug, die intelligente Tochter fährt bald zum College, der rebellierende Sohn macht gerade seine Skater-Phase durch, ist aber eigentlich ein netter Kerl. Nur etwas ist nicht ganz so wie bei den meisten andere Familien: Die Eltern sind zwei Mütter und die Kinder sind das Resultat künstlicher Befruchtung.

Samenspender Paul: Bedrohung für die Löwenmutter

An ihrem 18. Geburtstag drängt Paul (Josh Hutcherson) seine Schwester, endlich mit der Suche nach ihrem gemeinsamen biologischen Vater zu beginnen. Widerstrebend macht sie ihn ausfindig, arrangiert ein Treffen. So kommt der Lebemann Paul (Mark Ruffalo) unverhofft zu einer Familie, denn auch die Mütter können das Auftauchen eines Vaters im Leben ihrer Kinder nicht ignorieren. Bald sind alle ziemlich begeistert von dem unkonventionellen, lebenslustigen Paul – ausser Nic (Annette Bening). Diese sieht ihre Familie, die sie sorgfältig, um nicht zu sagen krampfhaft, zusammenhält, durch den Eindringling bedroht. Und so Unrecht hat sie nicht. Bisher superbrav, steigt Joni (Mia Wasikowska) plötzlich auf etwas so hoch Gefährliches wie ein Motorrad, und Jules (Julianne Moore) hat einen ersten Kunden für ihr eben erst gegründetes Landschaftsarchitekturunternehmen: Paul. Und bald ist dieser ein bisschen mehr als ein Kunde. – Das von Homosexuellen selbstironisch reklamierte Recht, ihr Unglück ebenfalls in einer Ehe finden zu dürfen, nehmen Nic und Jules, bisher ein Traumpaar, jedenfalls energisch für sich in Anspruch.

© Studio / Produzent
© Studio / Produzent

„The Kids Are All Right“ zeigt eine Familie in einer schwierigen Phase: Die Kinder lösen sich langsam von zu Hause ab, sind dabei, ihren Weg zu finden, die Eltern verlieren den Einfluss auf den Nachwuchs und werden mehr und mehr auf sich selbst zurückgeworfen. Löwenmutter Nic entgleitet die Kontrolle, ein Albtraum für die resolute Frau, die fragile Kindfrau Jules sieht nach Jahren des Hausfrauendaseins eine Möglichkeit, sich beruflich neu zu erfinden. Samenspender Paul sorgt in diesem sowieso schon schwierigen Übergangsprozess für weitere Spannungen, gerade weil er ein so unkomplizierter, lockerer Typ und damit ein Gegenpol zu der starken Nic darstellt. Was nun nach Seelenstrip und Drama klingt, wurde von Regisseurin Lisa Cholodenko leicht und locker inszeniert. Es fehlt nicht an emotionalen Momenten, doch insgesamt ist „The Kids Are All Right“ eine Komödie.

Konstruierte Figuren, vielschichtige Konflikte

Monatelang hätten sie an der Story gearbeitet, monatelang eine erste Version skizziert, monatelang Dialoge geschrieben, dann wieder überarbeitet, alles von Null wieder angefangen, so beschreiben Lisa Cholodenko und Stuart Blumenberg ihre gemeinsame Arbeit am Drehbuch. Diese minutiöse Arbeit merkt man dem Film an, doch leider macht es „The Kids Are All Right“ nicht besser. Die Figuren wirken zu konstruiert, ihre Konflikte zu vielschichtig, als dass sie in einem Film mit dem Label „Lockere Komödie“ funktionieren würden. Neben den präzis gesetzten Pointen gibt es zu viel emotionalen Ballast, der das Publikum irgendwann dazu bringt, genauer darüber nachzudenken, was es da gerade sieht – und dadurch auf etliche weitere Schwächen stösst.

Mannweib und Kindfrau

Da wäre einmal die Tatsache, dass es sich hier um ein Elternpaar aus Müttern handelt. Daraus kann man entweder eine Geschichte machen oder man kann so tun, als ob dies bloss Zufall wäre und für den Film eigentlich keine Rolle spielt. „The Kids Are All Right“ tut letzteres, schafft es dann aber doch nicht, sich von leidigen Klischees fern zu halten. Dass sich Gegensätze anziehen, scheint insbesondere bei lesbischen Paaren unverbrüchliche Paarbildungsregel zu sein. Und so steht der toughen, kurzhaarigen Nic natürlich die sensible, feminine Jules gegenüber. Irgendwie muss ja klar, sein, wer in dieser Beziehung der Mann ist, wer die Frau. Andererseits schafft der Film irritierende Momente, wie etwa den, dass sich Jules für ihren Seitensprung ausgerechnet einen Mann aussuchen muss. Natürlich, das gibt es, doch es verkompliziert die für eine Komödie eh schon reichlich verzwackte Geschichte unnötig. So wird als Komödie deklariert, was Stoff für mehrere Dramen bereithielte und in Wohlgefallen aufgelöst, was Raum für eine genauere Auseinandersetzung bräuchte. Insgesamt bleibt „The Kids Are All Right“ zwischen belanglosem Mainstream und anspruchsvollem Independent-Kino, zwischen Klischee und Innovation stecken.


Ab dem 4. November 2010 im Kino.

Originaltitel: The Kids Are All Right (USA, Frankreich 2010)            
Regie: Lisa Cholodenko
Darsteller: Annette Bening, Julianne Moore, Mark Ruffalo, Mia Wasikowska, Josh Hutcherson, Yaya DaCosta
Genre: Komödie
Dauer: 104 Minuten
CH-Verleih: Filmcoopi

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