“Humpday” von Lynn Shelton

I dare you to fuck me, Buddy

“Humpday” von Lynn Shelton

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Wetten, die man betrunken abschliesst, neigt man am Morgen danach zu bereuen. Besonders wenn sie verlangen, dass man mit seinem besten Kumpel vor der Kamera Sex hat. In “Humpday” geht Regisseurin Lynn Shelton der Frage nach, was passieren würde, wenn Mann eine solche Wette auch im nüchternen Zustand noch durchziehen will.

Von Lukas Hunziker.

Der unerwartete Besuch seines ehemaligen besten Kumpels Andrew stürzt Ben in seine Dreissigerkrise. Sein gemütliches Leben in einem eigenen Haus mit einem festen Job und einer festen Partnerin wirkt im Vergleich mit Andrews Abenteuerleben geradezu bieder. Dieser führt ein zwar erfolgloses, aber wildes Künstlerleben, feiert Parties, reist herum und lernt in kürzester Zeit die interessantesten Leute kennen. Als Ben Andrew auf eine Party im Haus von dessen neuesten Bekanntschaften begleitet, gibt sich Ben daher alle Mühe, so alternativ zu wirken, wie es ihm möglich ist. Als die heitere Gesellschaft spät nachts über das Amateurpornofestival HUMP! und über die Grenzen zwischen Kunst und Pornographie diskutiert, stellt Ben die Idee in den Raum, einen Film zu drehen, in welchen zwei heterosexuelle Kumpels miteinander schlafen. Ganz im Sinn von: wenn schwule Männer ficken, ist das Porno, wenn Heteromänner ficken, ist das Kunst.

Kumpelsex als Mutprobe

Als Ben und Andrew beide behaupten, der jeweils andere hätte zu so einem Projekt ja doch nicht den Mumm, kommt eine Mutprobe der unangenehmeren Sorte zustande. Ben will Andrew beweisen, dass er bei weitem nicht so bieder ist, wie es den Anschein hat, und Andrew muss Ben beweisen, dass er tatsächlich der furchtlose Draufgänger ist, der er vorgibt zu sein. Zwar geben die beiden Kumpels am nächsten Morgen zu, dass die Wette wohl nur wegen ihres Alkoholpegels zustande gekommen war, aber einen Rückzieher wollen beide trotzdem nicht machen. Bevor die Mutprobe jedoch stattfinden kann, muss Ben seiner Partnerin Anna beibringen, warum er unbedingt mit seinem besten Freund Sex vor der Kamera haben muss. Eine Aufgabe, um die man ihn wahrlich nicht beneidet.

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© Studio / Produzent

Obwohl “Humpday” keine expliziten Sexszenen zwischen Männern zeigt, ist der Film nichts für Homophobe ¬– ausser vielleicht ein erster Schritt, ihre Homophobie hinter sich zu lassen. Wie Andrew und Ben hofft auch der Zuschauer, dass der Pornodreh im Hotelzimmer durch irgend etwas verhindert wird und die zwei ihrer Wette entkommen. Nicht, weil Sex zwischen Männern etwas Ekliges wäre, sondern weil sich Sex und Freundschaft eben nur selten gut vertragen, und zwischen zwei Heteromännern wohl besonders selten. Lachen darf man bei “Humpday” trotzdem gerne und oft, denn die Regisseurin geht mit ihrem Thema so befreiend schamlos um, dass man den Film ohne Humor sowieso nicht durchstehen würde.

“Humpday” ist nicht nur inhaltlich sondern auch formal ein klarer Indiefilm. Gefilmt wurde mit der Handkamera, die Dialoge sind improvisiert und die einzelnen Szenen meistens sehr lang und gesprächslastig. Funktionieren tut das, weil die drei grossen Rollen – Andrew, Ben und Anna – klasse besetzt sind mit Schauspielern, welche von Sheltons Projekt offensichtlich begeistert waren. Der kleine Film mauserte sich 2009 zu einem Geheimtip aus der Indie-Ecke und gewann verdient den “Special Jury Price for the Spirit of Independence” am Sundance 2009.

Ausstattung

Die DVD von “Humpday” enthält ein ausführliches Interview mit Lynn Shelton, unveröffentlichte Szenen und einen Kurzfilm der Regisseurin, in welchem eine Lesbe und ein Schwuler vergeblich versuchen, sich dazu zu überwinden, miteinander Sex zu haben. Passend zum Hauptfilm – aber nicht halb so lustig.


Seit dem 27. August 2010 im Handel.

Originaltitel: Humpday (USA 2009)            
Regie: Lynn Shelton
Darsteller: Mark Duplass, Joshua Leonard, Alycia Delmore
Genre: Komödie
Dauer: 95 Minuten
Bildformat: 1:1,85
Sprache: Englisch
Untertitel: Deutsch, Französisch, Niederländisch
Audio: Dolby Digital 5.1, Dolby Digital 2.0
Bonusmaterial: Kurzfilm “Beyond Gay”, Interview mit der Regisseurin, unveröffentlichte Szenen
Vertrieb: Warner

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Lukas Hunziker

Lukas Hunziker ist Gymnasiallehrer für Deutsch und Englisch. In seinem Garten stehen drei Bäume, in seinem Treppenhaus ein Katzenbaum. Er schreibt seit 2007 für nahaufnahmen.ch.

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