Internationale Kurzfilmtage Winterthur 2010

Von der Mondlandung und trinkenden Waschbären

Die 14. Internationalen Kurzfilmtage Winterthur vom 10. – 14. November 2010

"Animal Kingdom"
"Animal Kingdom"

Zum 14. Mal sind in Winterthur die Kurzfilmtage über die Bühne, respektive Leinwand, gegangen. Das vielfältige Programm überzeugte nicht nur mit interessanten internationalen Filmen, sondern bewies, dass auch hierzulande talentierte junge Filmemacher am Werk sind, von welchen in Zukunft auch anspruchsvolle Langfilme erwartet werden dürfen. Ein Augenschein des Schweizer Beitrags am renommierten Festival.

Von Simon Wottreng.

Zug verpasst. Für den ersten Kurzfilmblock reicht es nicht mehr. Nicht so schlimm, denk ich mir, laden Sonnenschein und Frühlingstemperaturen doch dazu ein, durch Winterthurs Altstadt zu schlendern und das Programm zu studieren. Die Filme im nationalen Wettbewerb werden erst am Nachmittag gezeigt, und diesen gilt heute meine besondere Aufmerksamkeit.

One small step for a man…

Kurzfilmblock Nr. 3 beginnt gleich mit einem Paukenschlag: In „Yuri Lennon’s landing on Alpha 46“ von Anthony Vouardoux spiegelt sich die Mondlandung eines Astronauten in dessen Visier, und der sich uns beim Verlassen des Raumschiffs bietende Blick über die karge Oberfläche des Jupitermondes ist ein visueller Wow-Effekt. Stand der diesbezügliche Aufwand im Vergleich zur Storyausarbeitung – wie der Regisseur im Anschluss ans Screening bereitwillig zugibt – klar im Vordergrund, so zeigt der Film doch deutlich, dass nicht nur Hollywood seine Protagonisten auf den Mond schicken kann. Verdientermassen gewann Kameramann Pascal Walder den Preis für die beste Kameraarbeit.

Yuri Lennon
"Yuri Lennon’s landing on Alpha 46"

Ebenfalls auf den Mond fliegt der kleine Remo in „Schub auf Maximum“ von Rolf Hellat. Allerdings nicht in Wirklichkeit, sondern in seiner Vorstellung. Der Kurzfilm, welcher dem befreundeten Kameramann Jan Mettler als Bewerbungsfilm für sein Studium an einer Filmakademie dienen sollte, überzeugt nicht nur mit ästhetisch anspruchsvollen Bildern, sondern erinnert auf humorvolle Weise an die eigenen Kindheitsfantasien, die ein Spielplatzkarussell zu wecken vermochte.

Was ist normal?

Das Leben im Zeitraffer zeigen Laurent Fauchère und Antoine Tinguely in ihrem Werk „Le miroir“. Aus der Egoperspektive schauen wir in den Badzimmerspiegel und entwickeln uns vom Baby zum Greis. Dabei erleben wir den ersten Pickel, die erste grosse Liebe, Frau und Kind, Alkoholprobleme, Gewichtszunahme und schliesslich den Erhalt eines künstlichen Gebisses im Laufe der Morgentoilette zwischen Waschen und Zähneputzen. Technisch beeindruckend gefilmt, stellt das Werk die Frage nach dem viel beschworenen Sinn des Lebens und dekonstruiert diesen gleichermassen, indem es dem individuellen Lebensentwurf die biografische Normalität gegenüberstellt.

"Le Miroir"
"Le Miroir"

Der schon im Vorfeld als Höhepunkt des Blocks Nr. 1 gehandelte „dürä..!“ von Quinn Reimann und Rolf Lang ist der letzte Film der Reihe. Michi und seine beiden Mitpatienten Mani und Dani sitzen in der psychiatrischen Klinik und wollen raus. Doch so einfach ist dies nicht, und Michi realisiert, dass er den Ausbruch nur alleine schaffen kann. Wäre die Handlung eigentlich voraussehbar, so schaffen es die  beiden Autoren mit einem astreinen Drehbuch, das Publikum an der Nase herumzuführen. Tatsächlich hat „dürä..!“ einen Spannungsbogen, der sehr an einen Langspielfilm erinnert und von handwerklicher Sattelfestigkeit zeugt. Meisterlich ist im Übrigen das Schauspiel von Joel Basman, welcher Mani verkörpert. Dessen Ausgeflipptheit und übersteigerte Lebensenergie sind gleichsam witzig wie auch beängstigend und machen den fliessenden Übergang zwischen so genannter Normalität und Wahnsinn fassbar.

Herkunft

Der fortgeschrittenen Zeit zum Trotz füllt sich der Theatersaal vor Beginn des Blocks Nr. 2 fast komplett. Im Programm finden sich auffallend viele Experimentalfilme, von welchen einer den ersten Jurypreis gewinnen soll, was zu diesem Zeitpunkt noch nicht bekannt ist.

Dass mit „Animal Kingdom“ von Nils Hedinger der meines Erachtens beste Animationsfilm des Festivals in diesem Block vertreten ist, wird mir schnell klar. Der Zeichentrickfilm handelt von einem Waschbären, einem Fuchs und einem Bären, welche die freie Wildbahn nur noch aus dem Fernsehen kennen. Genervt von der Passivität seiner Mitbewohner, macht sich der Fuchs auf, um die Wildnis mit eigenen Augen zu erkunden. Wirkt die Vorstellung eines exzessiv Bier trinkenden Waschbären und eines Zigarre rauchenden Bären recht absurd, so kann das Tiermärchen als Metapher für eine entfremdete Gesellschaft gelesen werden, die den Bezug zu ihrer natürlichen Umwelt und ihrem Ursprung verloren hat.

"Heimatland"
"Heimatland"

Aus der Feder des Regiequartetts Loretta Arnold, Andrea Schneider, Marius Portmann und Fabio Friedli entstammt der ebenfalls animierte Kurzfilm „Heimatland“. Hausi, der Prototyp eines patriotischen Bünzlis, steht zu Ländermusik auf, schneidet das Brot in Schweizerkreuzform und hat an der Wand ein Foto des Matterhorns hängen. Der Einzug eines türkischen, Kebabmesser wetzenden Nachbarn bringt sein Leben völlig aus der Bahn. Die skurrile Überzeichnung von Xenophobie greift den aktuellen politischen Diskurs in unserem Land auf, der geprägt ist von politisch motivierter Angstmacherei und bewusst geschürter Fremdenfeindlichkeit. „Heimatland“ wurde mit dem Publikumspreis belohnt.

Der Siegerfilm im nationalen Wettbewerb heisst „Stick Climbing“ von Daniel Zimmermann. Mit einer Steadycam ausgerüstet, spaziert der Künstler durch ein beschauliches Dörfchen, um dann von der Strasse abzubiegen und plötzlich eine scheinbar vertikale Felswand empor zu klettern. Die äusserst glaubhaft inszenierte Kletterpartie macht uns der Manipulierbarkeit unserer Wahrnehmung bewusst. Trotzdem überrascht der Sieg dieses eher unfilmischen Videokunstwerks in Anbetracht manch brillanter Konkurrenzfilme doch sehr.

"Stick Climbing"
"Stick Climbing"

Mitternacht ist vorbei, und draussen ist es empfindlich kühl geworden. Ich widerstehe der Versuchung, noch an die Zombie- und Trashfilm-Vorführung zu gehen, ziehe den Reissverschluss meiner Jacke hoch und gehe, den Kopf voller Bilder, der nächtlichen Strasse entlang in Richtung Bahnhof. Am Himmel scheint der Mond genau zur Hälfte.

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