HP Riegel: “Immendorff. Die Biographie”

»Mein Leitfaden war der Egoismus«

HP Riegel: „Immendorff. Die Biographie“ (Biographie)

Ein Streben für die Kunst: Hans-Peter Riegel erzählt ausführlich und schonungslos die Biographie des Künstlers Jörg Immendorff.

Von Adrian Flückiger.

ImmendorffAnlässlich seiner Aktion »Lidl-Stützpunkt 1« verfasste Jörg Immendorff das Manifest »Ich werde nicht dulden, dass ihr mich alleine lasst«. Er rief dazu auf, sich mit ihm zu solidarisieren und zwar zum Zwecke »gesellschaftlicher Arbeit«. Dieser Aufruf kann durchaus als programmatisch betrachtet werden, gelang es Immendorff doch immer wieder, Leute um sich zu versammeln und für seine Zwecke zu gewinnen. Auch HP Riegel stellte sich einst in den Dienst des Künstlers. Er lernte diesen 1974 kennen, war von 1979 bis 1983 sein Assistent und wurde schliesslich zu seinem Projektpartner. Dass diese Zusammenarbeit nicht immer unproblematisch war, wird dem Leser schnell klar. Riegel schlägt oftmals einen äusserst kritischen Ton an, bezichtigt Immendorff wiederholt des Egoismus. Er moniert, dass dessen Loyalität, dessen Aufrufe zu gesellschaftlicher Arbeit, letztlich nur dazu dienten, die eigenen Interessen durchzusetzen.

Zwar plaudert Riegel dabei nicht nur aus dem eigenen Nähkästchen – er lässt auch diverse Wegbegleiter Immendorffs zu Wort kommen und zeichnet so ein detailreiches und durchaus spannendes Portrait des Künstlers. Trotzdem lässt einem beim Lesen das Gefühl nicht los, es handle sich bei dieser Biographie um eine persönliche Abrechnung, um den verbalen Befreiungsschlag eines Gekränkten. Riegel demontiert, ja entmythologisiert den Künstler Immendorff. In oftmals etwas gar unmotivierten Mini-Kapiteln, welche dem Lesefluss kaum dienlich sind und zu zahlreichen unnötigen Wiederholungen führen, skizziert er nüchtern und schonungslos Immendorffs Leben.

Naive Antikunst

Immendorff wird am 14. Juni 1945 geboren. Er ist der Sohn eines Kavallerie-Offiziers, der seine Frau während eines Fronturlaubs geheiratet hat. Die Ehe wird später wieder geschieden und so kommt Immendorff im Alter von zwölf Jahren in ein Internat. Bald liebäugelt er mit der Kunst, will auf die Düsseldorfer Akademie. Sein Verhältnis zur Kunst ist zu dieser Zeit ein sehr romantisches, er wünscht sich ein »Bohèmeleben nach Pariser Prägung«, neigt zur Exzentrik. Zu seinem Studienantritt erscheint er »mit einem schwarzen Umhang sowie einem Stock mit Silberknauf«. Der junge Student besucht die Klasse von Joseph Beuys, der für ihn zu einer zentralen Bezugsperson wird. Im November 1965 assistiert er Beuys bei dessen berühmt gewordener Aktion »Wie man dem toten Hasen die Bilder erklärt«.

Immendorff verzichtet auf eine vertiefte Auseinandersetzung mit der Malerei und wendet sich bald einmal dem Aktionismus zu. Er begründet diesen Genrewechsel unter anderem mit einem Mangel an Talent: »Ich war weiss Gott, als ich anfing, nicht der supertalentierte Künstler. […] Ich habe das mit etwas anderem Wett machen können. Mir hat dann später, als es darum ging, eine Art Antikunst zu machen – nicht gegen die Kunst, sondern gegen die jeweils etablierte Kunst – vielleicht mehr meine Naivität oder meine Isolation geholfen, und dass ich nicht gut malen konnte.«

Immendorff Superstar

Die Leichtigkeit, ja der ironische Unterton dieser Äusserung scheint trügerisch. Schenkt man der Darstellung Riegels Glauben, so litt Immendorff ein Leben lang an diesem Mangel an Talent. Ihm war durchaus bewusst, dass Künstler wie Gerhard Richter, Baselitz oder Sigmar Polke in einer anderen Liga spielten als er. Zwar macht Immendorffs Karriere zu Beginn der Siebziger einen Sprung, als der Galerist Michael Werner sich für sein Werk zu interessieren beginnt und schliesslich zu seinem Förderer wird, trotzdem dauert es bis März 1982, als mit »Café Deutschland-Adlerhälfte« die erste grosse Immendorf-Ausstellung in Deutschland stattfindet.

Immendorff versuchte ständig, seine eigene Person zu popularisieren. Er wollte unbedingt reüssieren und träumte davon, »in der Zeitung zu stehen«. Um dies zu erreichen, erklärte er schliesslich den Egoismus zu seinem »Leitfaden« und ordnete dem Erfolg alles Private und Persönliche unter. Dieser Egoismus manifestierte sich unter anderem im Umgang mit seinen Mitarbeitern, die er oftmals nur so lange bei Stange hielt, als sie ihm von Nutzen waren. Auch sein politisches Engagement schien oftmals stark opportunistisch motiviert und erlosch schliesslich, einhergehend mit dem ökonomischen Erfolg, komplett.

Riegel zeichnet also das Bild eines Mannes, der ein Leben lang nach Anerkennung, nach Erfolg strebte, der diesem Streben vieles unterordnete. Dabei spart er nicht mit Kritik. Dies ist sein gutes Recht, ist aber insofern problematisch, als dem Leser eine Gegenposition fehlt. Man will nicht zum Komplizen des Autors werden, will die Demontage des Künstlers nicht mitverantworten und so vermag man schliesslich die Lektüre nur mit Vorsicht, mit gebührender Distanz zu geniessen.


Titel: Immendorff. Die Biographie
Autorin: HP Riegel
Verlag: Aufbau
Seiten: 399
Richtpreis: CHF 37.90

2 Gedanken zu „HP Riegel: “Immendorff. Die Biographie”

  • 17.11.2010 um 12:07
    Permalink

    Lieber Herr Flückiger,

    zunächst möchte ich mich für die Aufmerksamkeit bedanken, die Sie meiner Arbeit zukommen
    lassen. Ihrer Bewertung, es wird Sie nicht überraschen, kann ich nicht vollends zustimmen.

    Vieles von dem ich in meinem Buch berichte, das Sie “eine persönliche Abrechnung” nennen, habe
    ich gar noch abgeschwächt darstellen müssen. Dabei hat die Androhung juristischer Schritte durch die Witwe kaum eine Rolle gespielt, da es nie meine Absicht war, Immendorff unter die Bettdecke zu schauen. Während der Arbeit an dem Buch habe ich, der glaubte Immendorff gut zu kennen, von Umständen Kenntnis erhalten, deren Absurdität es nicht erlaubten diese aufzuschreiben. Niemand würde dem Glauben schenken.

    Immendorffs Leben und Werk war ein weiten Teilen, ich vereinfache hier, ein potemkinsches
    Dorf. Uns so ist mein Buch auch eine Kritik an der Kritik. Denn es waren nicht wenige der besten
    Kuratoren und Kunstkritiker die Immendorff auf den Schild gehoben haben.

    Aber was nicht sein darf, kann nicht sein. So ist es dann leichter mir den Vorsatz von “Abrechnung” und “Demontage” zu unterstellen, statt den Fragen nachzugehen, die ich in Zusammenhang mit der Sicht auf Immendorffs Schaffen und damit den Mechanismen des Kunstmarktes aufwerfe.

    Das ich hierbei nicht ausser Acht lassen kann, das Immendorff grosse Teile seines Oeuvres mit
    Ideen und Versatzstücken anderer Künstler aufgebaut hat, so sein von seiner damaligen Frau
    Chris Reinecke “enteignetes”, später hochgelobtes “Lidl”-Frühwerk und dass sich damit auch die Frage nach seiner sozialen Kompetenz stellt, ist evident.

    Jedoch konnten oder wollten die letztlich auch den Mechanismen des Kunstmarktes unterworfenen Kuratoren nicht hinterfragen, was ihnen von Immendorff dargeboten wurde. Denn warum nicht einen Immendorff nehmen, wenn man damit auch den Baselitz bekommt? (Immendorffs Galerist vertrat beide Künstler.)

    Und dass Aufsätze in Immendorff-Publikationen von Kuratoren und Kunsthistorikern nicht nur für Gottes Lohn geschrieben wurden, darf man annehmen. Schliesslich wurden deren Thesen von der Kunstkritikern in Rezensionen übernommen und bald erschienen diese “Kritiker”, als Verfasser von Texten in Immendorff Katalogen. So schliesst sich der Kreis und so wird ein Künstler gemacht, dem es schlussendlich kaum noch um die Kunst und viel mehr Kohle ging.

    Ich hatte keinen Grund irgendetwas mit Immendorff abzurechnen und tue dies auch nicht in meinem Buch. Wenn Sie meine kritische Haltung so nennen wollen, ist das Ihre unbenommene Sicht.

    Immendorff und auch dies stelle ich in meinem Buch ausführlich dar, ist Mensch von grosser persönlicher Tragik gewesen. Von seiner verpfuschten Kindheit, dem Selbstmord des Vaters, seinen Süchten und Obessionen, bis hin zu seinem elenden Tod.

    Diese Darstellungen unterschlagen Sie den Lesern Ihrer Kritik.

    Herzliche Grüsse aus Zürich

    HP Riegel

  • 01.12.2010 um 21:40
    Permalink

    Mit großem Vergnügen habe ich das Buch von HP Riegel über immendorff gelesen.
    Es war wohl an der Zeit, daß einmal Klartext geschrieben wurde über den “Malerfürsten”
    und dessen Entourage.

    Selten ist ein Künstler derart überschätzt worden, wie Immendorff. Selten wurde so präzise über
    die Schiebereien des Kunst-Marktes geschrieben, die erst Karrieren wie die des Jörg Immendorff
    möglich machen.

    Ich kann mich nur Prof. Honnef anschließen, der auf HP Riegels Website schreibt:

    Ihr Buch zählt zu den lesenswertesten und aufschlussreichsten der gegenwärtigen Literatur über zeitgenössische Kunst. Dagegen ist Jörg Heisers “Plötzlich diese Übersicht” leeres Gewäsch. Kompliment.”

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