Dandelion – ein Zuhause für Demenzkranke

Geborgenheit in der Demenz

Dandelion – ein Zuhause für Demenzkranke

Dandelion

Das „dandelion“ ist das erste Pflegezentrum für demenzkranke Menschen in der Nordwestschweiz. Im Herzen von Kleinbasel finden zur Zeit 58 an Demenz erkrankte Menschen ein neues Zuhause für ihren Lebensabend. Ein Rundgang gewährt einen kleinen Einblick in ihre Wohnsituation und den Alltag.


Von Graziella Putrino

Ausgerechnet an der für viele Basler verrufenen Sperrstrasse befindet sich ein Pflegeheim der gehobenen Preisklasse: Das dandelion- ein Zentrum für Demenzkranke. Wer es betritt, findet gleich beim Eingang links das Büro der Geschäftsführerin Regina Dubler. Dem Standard des Heimes entsprechend ist es geräumig und hell. Hier erwartet Dubler uns als Pressevertreter, um ausführlich über das dandelion zu berichten.

Geführter Rundgang
Sie lädt uns ein, das Heim mit ihr zu besichtigen. Noch bevor der Rundgang beginnt, betont Dubler, wie wichtig es für sie sei, dass die stationäre Demenzkranken als Bewohner apostrophiert werden statt als Patienten. Dies einerseits weil Demenz nicht heilbar sei. Andererseits, damit sich die Menschen hier daheim fühlten.
Dandelion bedeutet Löwenzahn. Diese Blume hat viele Gesichter: Eine wunderschöne Blüte, die sich zur weissen, zarten Kugel formt, deren Flugschirme durch einen Hauch weggeblasen werden und den nackten Kopf zurücklassen. Das Bild des Löwenzahns veranschaulicht die Philosophie des Pflegezentrums: In die Mitte stellt diese den demenzkranken Menschen, dessen Persönlichkeit sich verändert und langsam auflöst.

Geschlossene Anstalt?
Laut Dubler beschäftigt das Zentrum insgesamt neunzig Mitarbeiter- von der Pflege bis zur Küche. „Das dandelion ist somit eine richtige KMU“, hebt die Geschäftsführerin hervor. Auf dem Weg zum Treppenhaus zückt Dubler ihren Schlüssel. Im dandelion sind die Türen auf jeder Etage abgeschlossen. „Dies dient der Sicherheit der Bewohner“, rechtfertigt sich Dubler.
Im Treppenhaus ist es angenehm kühl. Wir gehen hinauf zur vierten Etage. Angekommen, schliesst Dubler auch hier die Tür mit dem Schlüssel auf. Wir betreten einen weitläufigen, internen Korridor mit einem Glasdach, welcher den Eindruck erweckt, man bewege sich unter freiem Himmel. Die Gastgeberin betont: „Genügend Bewegungs-möglichkeiten sind sehr wichtig, da demenzkranke Menschen, oft von einer starken motorischen Unruhe getrieben sind, solange sie noch mobil sind.“

Die Wohnsituation
Im dandelion hat jeder Bewohner ein Einzelzimmer. Einzige Ausnahme ist das sogenannte Männerzimmer, welches sich zur Zeit zwei Männer teilen, die zusammenwohnen wollen. „Pflegebett, Wandschrank und eine Nachtkommode gehören in jedem Zimmer zur einfachen Einrichtung.“ Den Rest können die Bewohner, oder ihre Angehörigen nach ihren Wünschen selbst einrichten und gestalten, erzählt die Geschäftsführerin und fügt hinzu: „Viele Demenzkranke halten sich nicht oft in ihren Zimmern auf, weil sie nicht gerne alleine sind“.
Auf die Frage, was der Unterschied zwischen Altersheim und Pflegezentrum sei, führt Dubler aus: „In einem klassischen Altersheim hatten alle betagten Menschen ein Zimmer, gingen selbstständig ein und aus und profitierten von den Dienstleistungen des Heimes.“ Heute gibt es  in jedem Altersheim Demenzkranke in getrennten Abteilungen.
Das Pflegezentrum dandelion sei insofern eine „Spezialität“, weil alle Bewohner in einem fortgeschrittenen Stadium demenzkrank sind. Ihre Pflege ist anspruchsvoll und belastend. Und eine grosse  Herausforderung für das Personal des Zentrums. Mit fortschreitendem Krankheitsverlauf sind die Bewohner auf Unterstützung rund um die Uhr angewiesen, denn auch alltägliche Aktivitäten können sie nicht mehr verrichten.

Geduld ist wichtig
Für Demenzkranke sieht die Welt merkwürdig und unverständlich aus. Sie sind nicht mehr in der Lage Gegenstände, Situationen und Personen in einen grösseren Kontext einzuordnen. Aufgrund ihrer Erinnerungsstörungen ist ihnen der Zugriff auf ihr früheres Wissen und auf ihre Erlebnisse verwehrt. Somit können sie sich nicht in der jetzigen Situation zurechtfinden. Oft verschwimmt auch der Unterschied zwischen Traum und Realität, zwischen Vergangenheit und Gegenwart. Viele Patienten haben ausserdem Halluzinationen, die sie als real erleben. Menschen, die an Demenz erkrankt sind, fühlen sich oft falsch verstanden, herumkommandiert oder bevormundet. Sie reagieren dann gelegentlich sehr verärgert.

Betreuung in Wohngruppen
Auf dem Rundgang zeigt Dubler ein grosses Gemeinschaftsbad. Diese geräumigen Bedezimmer befinden sich auf jeder Etage. Von der Decke leuchten verschiedene Lichtreflexe, die das Bad „in eine richtige Wohlfühloase“ verwandeln, wie es Dubler nennt. Auf jedem Stockwerk ist ausserdem eine sogenannte Mitte eingerichtet: grosse Wohn- und Esszimmer mit einer offenen Küche. Hier können die Demenzkranken beisammen sein. Die Wohnmitte ist das gemeinsame „Stübli“ der Bewohnerinnen und Bewohnern mit einem grossen Tisch im Zentrum. Auch antike Sofas und kleine ovalen Tische, viele Teddybären und Bilder findet man hier. Um die Mitte herum gruppieren sich die Zimmer der Bewohner. Die Wohngruppen von maximal sechs Bewohnern werden nach internen Kriterien zusammengestellt und sie werden jeweils von zwei bis drei Pflegenden betreut.

Der Alltag im Wohnheim
Alle Demenzkranken im dandelion werden in das Alltagsleben miteinbezogen, soweit dies noch möglich ist. Viele freuen sich über die kleinen Dinge, bei denen sie mit anpacken können. Das gibt ihnen das Gefühl, gebraucht zu werden. Nach dem Essen legen sich die an Demenz Erkrankten in den Ruheraum oder jassen zusammen. Der Ruheraum ist mit Betten ausgestattet und bietet genügend Platz für alle. Von der Ruheoase aus geht es in den Aufenthaltsraum oder in die Bastelecke. Hier können die Bewohner ihren gestalterischen Fähigkeiten freien Lauf lassen. Sie kreieren Collagen, malen mit Wasserfarbe oder kleben bunte Papierfetzen zu Mosaiken zusammen.   
Überraschend viele an Demenz erkrankte Personen können ihre Wünsche und Bedürfnisse in der einen oder anderen Art noch gut ausdrücken. Oft aber nicht mit Worten. Umso wichtiger wird die nonverbale Kommunikation mit dem Personal. Dieses erfährt so von den kleinen Alltagsfreuden und ist dann bestrebt, dass die Bewohner, diese auch ausleben können. Bei solchen Freuden handelt es sich um eine Pedicure, Manicure, oder eine Kosmetiksitzung. Auch das Rauchen ist möglich: Eine Pflegekraft führt eine Zigarette zum Munde eines Bewohners, der genüsslich daran zieht, wie wir während unseres Rundganges zum Garten beobachten.

Der doppelte Zahlencode
An der Ausgangstüre des dandelions angekommen, verabschiedet sich die freundliche Zentrumsleiterin und tippt zweimal einen Zahlencode ein. Eine weitere Sicherheitsmassnahme, die verhindern soll, dass kein Bewohner alleine hinausgeht und seiner Verwirrtheit überlassen ist. Wir treten aufs Trottoir hinaus. Die Schiebetüre des Heimes schliesst sich automatisch hinter uns. Was zurückbleibt ist das Bewusstsein, wie schön es doch ist, gesund und frei zu sein.
In Gedanken versunken, halte ich inne und frage mich, wo ich mein Auto geparkt habe. Nachdenklich werfe ich noch einen Blick auf den Eingang des dandelions: Dabei ertappe ich mich, wie ich mir von Herzen wünsche, mein Gedächtnis möge mich nie im Stich lassen.

Bildergalerie:

BiografiearbeitDas Männerzimmer Wellnessbad auch für Bettlägrige

Regina Dubler fragt eine Bewohnerin nach ihrem WohlbefindenAntike Möbel und Teddybären geben eine nostalgische Note Stundenplan der Wohngruppen

Links:
http://www.dandelion-basel.ch

http://www.alz.ch

Literatur:

Diener Oskar: Grundversorgung Demenz. Bericht zu Handen der Fachstelle Altersfragen des Bundesamtes für Sozialversicherung, Schweizerische Alzheimervereinigung und Pro Senectute Schweiz, Februar 2002.

Haas Jen: Demenz- Diagnose, Behandlung und Betreuung. Schweizer Experten empfehlen. Schweizerische Alzheimervereinigung, Yverdon-Les-Bains, 2008.

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