Dieter Bachmann: „Unter Tieren“

Die besseren Menschen

Dieter Bachmann: „Unter Tieren“ (Prosa)

In dem schmalen Bändchen „Unter Tieren“ lässt Dieter Bachmann seinen Helden über das Leben mit, neben und unter Tieren philosophieren, über die Überheblichkeit der Menschheit, ihren Gott-Komplex und ihren Hang dazu, nichts ausser sich selbst und die aktuelle Gegenwart wahrzunehmen. Ganz nebenbei lenkt er das Augenmerk aber auch auf die Schönheit der Welt, ihre Merkwürdigkeiten und Fragilität.

Von Lisa Letnansky.

UnterTierenDieter Bachmann ist wohl den meisten als langjähriger Chefredakteur des Kulturmagazins „du“ bekannt; neben seiner Arbeit als Publizist hat er aber auch mehrere Romane und Essays geschrieben, die von den Medien wohlwollend betrachtet wurden. Mit seinem neusten Werk „Unter Tieren“ stellt er ein Buch vor, das zwar nicht mit spannungsgeladener Action oder bahnbrechenden Ideen auftrumpft, das aber das alltägliche Leben in der westlichen Welt kritisch, pointiert und ohne falsches Schamgefühl in einer wundervoll fliessenden Prosa auf den Punkt bringt.

Schönheit ohne Absichten

Wie die meisten anderen von Bachmanns Helden, hat sich auch Hebel, die eigenbrötlerische und leicht misanthropische Hauptfigur aus „Unter Tieren“, von der Menschheit abgewandt. Zwar war er noch nie eine sehr gesellige Person, doch mittlerweile beherrscht eine regelrechte Abscheu seine Gefühle seinen Mitmenschen gegenüber. „Menschheit in winzigen, homöopathischen Dosen, mit Abständen. Dann schmeckt sie vielleicht wieder, dachte er.“ Den Beruf des Versicherungskaufmanns, den er noch nie wirklich leiden konnte, hat er an den Nagel gehängt. Die Arbeit mit Menschen behagt ihm nicht. Hebel sehnt sich nach Einsamkeit, wirklich einsam ist er aber dennoch nie – scharfsinnige und zärtliche Beobachtungen bringen ihn der Welt der Tiere näher und lassen ihn staunend die zerbrechliche Schönheit der Welt um ihn herum entdecken.

Dabei beschränkt er sich nicht auf die allgemein als schön und elegant geltenden Tierarten, wie Tiger oder Eisbären, sondern widmet seine Überlegungen in gleichem Masse Käfern, Krähen und Tiefseefischen. Die elementare Art und Weise, in der jedes Tier in seiner spezifischen Umgebung unter den gegebenen Umständen sein Leben führt, erfüllt ihn nicht nur mit Bewunderung und Ehrfurcht, sondern sogar mit etwas Eifersucht. Das Tier ist sich niemals fremd. Es braucht auch keine Moral oder übergeordnete Ziele; das Tier „ist kontinuierlich“, macht sich keine Gedanken über sein Wirken oder äusseres Auftreten. Kein Tiger schreitet im Zoo dem Gitter entlang, um auf die menschlichen Beobachter elegant zu wirken. „Erst der Filter der Stäbe, hinter denen der Tiger tigert, erzeugt die Meinung, sein Gang sei elegant. Dem Tiger ist es egal, er ist weder elegant noch hat er einen natürlichen Gang; er geht.“

Die Plage namens Mensch

Diese Bodenständigkeit, der Bezug aufs Wesentliche, ist es, was das Tier dem Menschen Hebels Meinung nach voraus hat. Dass es nicht sprechen kann, die Welt nicht in dem Masse verändern kann, wie es der Mensch tut, ist kein Nachteil, sondern eine „Gnade“. Diese Erkenntnisse bringen Hebel auf die grundlegende Pointe von „Unter Tieren“: „Das Tier ist der bessere Mensch.“ Obwohl er sein Leben allen Widrigkeiten zum Trotz gern zu leben scheint, glaubt er, dass die Welt ohne seine Art besser dran wäre; dass Noah die Arche nicht den Tieren allein überlassen hatte, erscheint ihm unverzeihlich.

Hebels Überlegungen, Beobachtungen und Gedanken erscheinen in kleinen Glossen und Beschreibungen, immer wieder unterbrochen von (sowohl fiktiven wie auch durch reale Begebenheiten angeregten) Zeitungsberichten und Zitaten von bekannten Schriftstellern und Denkern, wie Johann Gottfried Herder, Vladimir Nabokov, Sigmund Freud, oder Botho Strauss. Dadurch ergibt sich ein angenehm frischer Erzählfluss, der ohne überspitzte, adjektivlastige Beschreibungen auskommt, und trotzdem nie ins Stocken kommt oder sich wiederholt. Obwohl kein Mann grosser Worte, erkennt Hebel die wichtigen Aspekte des Lebens mit Mensch und Natur, und auch seine trotzigsten und eigensinnigsten Behauptungen müssen spätestens bei genauerer Betrachtung als nicht ganz unwahr anerkannt werden.

„Unter Tieren“ bringt den Leser dazu, sein Augenmerk wieder einmal auf das Wesentliche zu richten und bietet viele Anregungen zu weiterführenden Gedanken und Diskussionen. Dafür sind wir dem Autor dankbar und möchten ihm in diesem Sinne nicht nur zu seinem neusten Werk, sondern auch zu seinem siebzigsten Geburtstag nächsten Monat gratulieren.


Titel: Unter Tieren
Autor: Dieter Bachmann
Verlag: Limmat
Seiten: 160
Richtpreis: CHF 32.00

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