Graf Dracula: “Mein Tagebuch”

Das Leben als Legende

Graf Dracula: “Mein Tagebuch” (Tagebuch)

In Zeiten, in denen sich junge Mädchen überlegen, einen Vampir zu heiraten, und sich andere Vampire von synthetischen Blut ernähren und somit absolut keine Bedrohung mehr für die Menschheit sind, sieht der berühmteste aller Blutsauger Anlass dazu, sich wieder einmal zu Wort zu melden, Twilight, True Blood und Co. die Stirn zu bieten, und endlich die Wahrheit über das unsterbliche Leben als Vampir zu enthüllen.

Von Lisa Letnansky.

Mein_TagebuchJahrzehnte lang war es still um den berühmten Grafen aus Transsylvanien. Doch nun konnte er nicht mehr schweigen, konnte es nicht mehr ertragen, das öffentliche Bild des Vampirs so misshandelt und verunstaltet zu sehen. Jedenfalls ist dies seine Begründung, warum er angefangen hatte, dieses Tagebuch zu schreiben: „Weil ich die Schnauze gestrichen voll habe von Schmocks und Schmierfinken (angefangen bei diesem Scharlatan Stoker), die mit ihren Werken Millionen scheffeln, mein Ansehen beschmutzen und der Welt ein völlig falsches Bild vermitteln.“

Liebe zum Detail

Er will der Welt die Wahrheit über das Leben als Untoter berichten, und dies tut dieser blutrünstige und rabiate Zeitgenosse mit überraschend viel Liebe zum Detail. Denn sein Tagebuch besteht nicht nur aus Texten, sondern auch aus einem Sammelsurium von Kleinigkeiten, die ihm in seinem Alltag in die Hände fallen – eben ein Tagebuch, wie man es sich vorstellt: eingeklebte getrocknete Blumen, Visitenkarten von Bekanntschaften, Kostenvoranschläge, Etiketten guter Tropfen, Flyer und vieles mehr dergleichen. Das Interessante dabei ist, dass Draculas Alltag zwar nicht gerade dem Leben der Normalsterblichen entspricht, diesem aber auch nicht allzu unähnlich ist. So hat auch die Legende mit Beziehungsproblemen, Streit mit der Mutter und Geldsorgen zu kämpfen.

Die guten Vorsätze

In kurzen Einträgen mit abwechslungsreichen und farbenprächtigen Bildern erfährt man von Draculas alltäglichen Machenschaften, seinen Geschäftsideen und seiner Freizeitgestaltung. Anscheinend möchte der Blutsauger sein Leben umkrempeln; so hat er sich zum Beispiel vor kurzem den „Sauberen Sanguinikern“ angeschlossen, einer Selbsthilfegruppe, die Vampiren mit unstillbarem Blutdurst helfen soll. Gleichzeitig muss er seine Finanzen aufpolieren, um sein „Schloss Feratu“ zu renovieren. Unzählige mehr oder weniger ausgearbeitete Geschäftsideen versammeln sich hier inklusive Marketingplänen: das Schreiben von Büchern (der Markt an Vampirliteratur ist leider schon gesättigt), der Verkauf von Sargbausätzen für Reisende oder stilvollem Zahnpflegezubehör. Gleichzeitig organisiert er zahlreiche Partys und Bälle, sowie Workshops à la „Wie man einen wütenden Mob in Schach hält.

Dracula zu Weihnachten

Eins muss hier aber noch klar gestellt werden: Graf Draculas Tagebuch ist kein Buch zum am Stück durchlesen, kein spannender Roman. Zu viele Running Gags durchziehen seine Einträge und zu oft bleibt es bei zwar witzigen, aber oberflächlichen Aufzählungen und Anmerkungen. Dies ist ein Buch zum Schmökern, zum Herumzeigen und exponiert ausstellen – und, so kurz vor Weihnachten durchaus auch ein Buch zum Verschenken! Jedem Bibliophilen (vor allem mit Hang zum Horror- oder Fantasygenre) wird es das Herz höher schlagen lassen. Nur schon der Umschlag mit sorgfältigen Einprägungen ist eine Augenweide. Die vielen kleinen Details von der schräg angebrachten Büroklammer bis zu kleinen umgeknickten Eselsöhrchen tun dabei ihren Rest.


Titel: Mein Tagebuch
Autor: Graf Dracula
Übersetzerin: Edith Beleites
Verlag: Eichborn
Seiten: 160
Richtpreis: CHF 20.50

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