nahaufnahmen-Filmadvent: 1. Dezember 2010

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“Gainsbourg (Vie héroïque)” von Joann Sfar

dezember1Trotz Doppelverglasung und Handwerkerkitt dampft es schwadenweise aus dem ersten Fensterchen hervor: Der Gestank von tausend ausgerauchten Zigaretten mischt sich mit dem Duft süsslicher Frauenparfums und einem strengen Hauch von Angstschweiss. Wer oder was mag sich dahinter verbergen?

Serge Gainsbourg war, so will es die Überlieferung, zu gleichen Teilen auf Selbstzerstörung gepolte Zeitbombe und, wie der Volksmund so sagt, geile Sau. Joann Sfar war, so meint seine Biblio- und Biographie, bis in diesem Jahr in erster Linie verflucht produktiver Comickünstler. Seit 2010 wissen wir zudem: Joann Sfar ist auch ein Verehrer Gainsbourgs, und, was hier mehr interessieren soll, ein verflucht talentierter Regisseur. Und clever ist er dazu: So hat er gleich mit seinem ersten Film eine Lektion verstanden, die an der (in 2010 gottlob abgeflauten) Biopic-Welle vorbeigesurft ist: Das Leben eines Menschen lässt sich nicht in eine Drei-Akt-Struktur fassen. Umso weniger das Serge Gainsbourgs, der bereits zeitlebens das menschliche Dasein hin zur Chiffre, Ikone und zum Symbol transzendiert hatte (dass er ein allzumenschliches Ende gefunden hat, sei ihm dabei vergönnt).

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Sfar also versucht, Gainsbourg mittels Anekdote kleinzukriegen. Er schildert das Künstlerleben als Stationendrama und säumt den Lebensweg mit Obsessionen und Obsessionswürdigem: Surrealismus als Form der Interpretation der Wirklichkeit (und nicht deren Gegenteil); marionettenhafter, schwarzer Schabernack (Doug Jones spielt “La Gueule”, die den Menschen Ginsburg sabotierende Künstlerpersona Gainsbourgs, mit makabrer Eleganz); jede Menge verrucht-verehrungswürdiger Erotik (Anna Mouglalis, Laetitia Casta und Lucy Gordon in ihrer letzten Rolle). Überhaupt, ein aufregendes Schauspielensemble, durchs Band (ebenfalls beeindruckend: Kacey Mottet Klein als kettenrauchende Kindervariante und Eric Elmosnino als Erwachsener Gainsbourg). Tragik, und Komik. Und grossartige Musik, offensichtlich.

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Sfars Film birst nur so vor (visuellen) Einfällen – und manchmal scheint es, als solle die fadengerade Episodenstruktur die Überfülle der Ideen davon abhalten, völlig über die Schnur zu schlagen. Schlechteres jedoch mag man über “Gainsbourg (Vie héroïque)” nicht sagen – dass die Stationen den Film beim Umgehen der Biopic-als-faux-Doku-Falle geradewegs in die Fallstricke der Mythenzementierung führen wenigstens, sei ihm vergeben. Tatsächlich fördert Sfars Neu-Inszenierung bekannter Anekdoten nur wenig Neues zu Tage über Lucien Ginsburg, den Menschen hinter der selbstzerstörerischen Figur “Gainsbourg”. Bei einer derart öffentlich gelebten Vita ist dies aber letztlich unumgänglich – wie auch bei Todd Haynes Dylan-Studie “I’m Not There” ist die Ausschilderung der ewig wechselnden Masken das einzig adäquate Portrait eines Menschen, der völlig in seiner öffentlichen Persona aufgegangen ist. Sfars Film lässt ihr ihre Würde und konstruiert ihr einen Tempel und einen Kosmos, in dem sie zur Geltung kommen kann: Eine Welt voll schöner Frauen, lästerlicher Musik und einem Hang zur Zerstörung und zum Wahn, vor denen es kein Entrinnen gibt.


Originaltitel: Gainsbourg (Vie héroïque) (Frankreich 2010)
Regie: Joann Sfar
Darsteller: Eric Elmosnino, Kacey Mottet Klein, Lucy Gordon, Anna Mouglalis, Laetitia Casta, Doug Jones
Genre: Bio-Märchen
Dauer: 130 Minuten

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