Tom Rachman: “Die Unperfekten”

Die Totengräber der Nachrichtenbranche

Tom Rachman: “Die Unperfekten” (Roman)

Indem er episondenhaft aus dem Leben verschiedenster Personen berichtet, erzählt Tom Rachman in seinem Erstling die Geschichte einer internationalen Zeitung in Rom, von ihrer Entstehung bis zu ihrem Untergang, und entwirft ein wehmütig pessimistisches Bild von den Printmedien in ihrer aktuell sehr kritischen Lage.

Von Lisa Letnansky.

DieUnperfektenTom Rachmans Romandebüt ist sowohl hierzulande als auch in den USA ein voller Erfolg. In den Staaten erzielte es gar einen der höchsten Vorschüsse, die in den letzten zehn Jahren für einen Erstling bezahlt wurden, und die Kritikerstimmen bejubeln es beinahe durchgängig. Vor seiner Arbeit an den „Unperfekten“ war der 1976 geborene Rachman Auslandskorrespondent der Associated Press in Rom und Redakteur der International Herald Tribune in Paris; es ist also durchaus ein Insider, der hier von der Zeitungsbranche und den Leuten, die dort arbeiten, erzählt.

Einzelschicksale

So schildert er beispielsweise die Geschichte von Arthur Gopal, der in der Zeitung (die übrigens immer nur „die Zeitung“ genannt wird) für die Nachrufe zuständig ist. Zu seinem überragenden Arbeitsziel hat er das Nichtstun erklärt, er kommt oft später und geht früher nach Hause, und eigentlich würde er viel lieber mit seiner Tochter Gesellschaftsspiele spielen, als in der Redaktion herumzusitzen. Bis seine Tochter Opfer eines tödlichen Unfalls wird. Überraschenderweise weckt dies in ihm den Ehrgeiz wieder, er schreibt wieder Reportagen und kann sogar die Karriereleiter ein paar Sprossen höher steigen.

Es folgen weitere Geschichten, wie jene vom Chefkorrektor Herman Cohen, der herausfinden muss, dass sein heiss bewunderter Jugendfreund gar nicht so talentiert ist, wie er immer dachte; vom Jungreporter Winston Cheung, der in den Dunstkreis eines renommierten Kriegskorrespondenten gerät und schliesslich desillusioniert das Handtuch wirft; von Ornella de Monterecchi, einer passionierten Leserin, in deren Sammlung eine Ausgabe der Zeitung fehlt, was ihr Weltbild völlig durcheinander bringt; und von Abbey Pinnola, der Finanzchefin, die sich im Flugzeug ausgerechnet mit dem Korrektor anfreundet, der ihretwegen vor einigen Tagen entlassen wurde.

Eine unkonventionelle Hauptfigur

Diese Geschichten könnten durchaus als eigenständige Kurzgeschichten gesehen werden. Im Hintergrund laufen jedoch die Fäden zusammen und der Leser bemerkt bald, dass alle Figuren in einem Verhältnis zu einander stehen. Das Buch vereinigt insgesamt elf Geschichten aus elf Perspektiven, gefolgt von jeweils einem kurzen Abriss aus der Vorgeschichte der Zeitung. „Die Unperfekten“ hat also keine traditionelle Hauptfigur, die Hauptfigur ist vielmehr die Zeitung selbst; denn die ist es, was das Ganze im Innern zusammenhält. Elf Personen berichten aus ihrem Leben und charakterisieren die Zeitung und die Branche der Printmedien aus ihrer ganz eigenen Sicht. Zum Teil widersprechen sich diese Ansichten natürlich auch, aber genau dies lässt das umfassende Bild entstehen, das Rachman von diesem dem Tod geweihten Medium entwirft.

Dem Untergang geweiht

Der Eindruck, dass nicht nur das Medium im Allgemeinen, sondern die „Zeitung“ selbst im Spezifischem ihrem Untergang entgegen sieht, entsteht jedenfalls schon nach wenigen Kapiteln. In der Redaktion herrscht schon lange das Chaos: „Kein Mensch schmeisst hier irgend etwas weg; kein Mensch weiss, wer dafür zuständig ist.“ Während die Zeitung unter ihrem enthusiastischen Gründer Cyrus Ott zu einiger Bekanntheit gelangte und unter dem erfahrenen Chefredakteur Miton Berber sogar florierte und einige Auszeichnungen verliehen bekam, erscheint ihr Ruin unter Cyurs’ introvertiertem Enkel Oliver Ott beinahe unausweichlich. Sie bringt keinen Gewinn mehr ein, die eigenen Beiträge verschwinden unter jenen der Nachrichtenagenturen, ja die Zeitung hat nicht einmal eine eigene Internetseite. Totengräbern ähnlich arbeiten die Angestellten weiter, teils resigniert, teils noch hoffnungsvoll, teils mit neuen Zukunftsplänen im Kopf. Oliver Ott, der den Posten des Verlegers eigentlich gar nie wollte, kann schliesslich nichts mehr ändern, die Zeitung geht unter und die Geschichte schliesst mit dem abscheulichen Racheakt eines Angestellten.

Tom Rachman entwirft ein durchaus glaubwürdiges, aber ziemlich pessimistisches Bild des Alltags im modernen Zeitungsgeschäft. Das Überleben eines Blattes hängt nicht nur von den äusseren Umständen der Nachrichten- und Informationsindustrie ab, sondern auch von der Zusammenarbeit der Angestellten, den Fähigkeiten des Chefredakteurs und des Verlegers und ihrer Aufgeschlossenheit neuen Entwicklungen gegenüber. Dabei räumt Rachman mit dem klischeebehafteten Bild des sensationsgeilen und alltagsunfähigen Zeitungsmenschen zwar nicht vollständig auf, er lässt den Figuren aber innerhalb dieser Klischees genügend Platz, ihre ganz eigene Persönlichkeit zu entfalten.


Titel: Die Unperfekten
Autor: Tom Rachman
Übersetzerin: Pieke Biermann
Verlag: dtv premium
Seiten: 397

Richtpreis: CHF 23.90

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