Interview mit Alice Gabathuler

„Viele Jugendliche schwören auf das Papier-Buch“

Jugendbuchautorin Alice Gabathuler im Interview über E-Books und das digitale Lesen

Die Ostschweizer Autorin Alice Gabathuler schreibt seit einigen Jahren erfolgreiche Jugendbücher. Ihr neuer Krimi ist neben der gedruckten Version auch als E-Book erschienen. Im Interview mit nahaufnahmen.ch erzählt sie, inwiefern digitale Bücher in der Jugendbuchszene schon ein Thema sind und ob sie Jugendliche wieder vermehrt zum Lesen bringen könnten.

Von Stephan Sigg.

AlcieGabathtulerNahaufnahmen.ch: Dein neues Buch „Freerunner“ ist auch als E-Book erschienen. War das eine bewusste Entscheidung von dir oder deinem Verlag?

Alice Gabathuler: „Ganz ehrlich? Ich erfuhr erst aus dem Verlagskatalog, dass es Freerunning auch als E-Book gibt – und habe mich darüber gefreut, da ich eine stark im Internet verwurzelte Person bin und eine schon fast persönliche Beziehung zu meinem Computer habe. Als ich meinen Verlag das letzte Mal besuchte, verbrachte ich recht viel Zeit in der Online-Abteilung, „blätterte“ begeistert in einem Reader und fragte die Frauen ein Loch in den Bauch, weil ich denke, dass E-Books in der Zukunft einfach dazugehören. Ich war überrascht über das Layout (genau wie im Buch) und die Leserfreundlichkeit des Geräts, zum Beispiel konnte ich die Schrift genau auf die Grösse einstellen, in der ich sie wollte.“

Lässt sich mit E-Books in der Schweiz schon Geld verdienen?

„Gemäss Angaben meines Verlags sind die Verdienstmöglichkeiten im Jugendbuchbereich (noch) sehr, sehr gering.“

Bringen E-Books Jugendliche wieder vermehrt zum Lesen?

„Ich denke, dass im Jugendbuchbereich ganz andere Formen gefunden werden müssen. Das geht von Texten direkt im Internet bis hin zu Handyromanen. In der Verlagswelt wird derzeit experimentiert. Ob das E-Book Jugendliche vermehrt zum Lesen bringt? Ich weiss es nicht. Ganz viele Jugendliche schwören auf das Papierbuch. Wenn schon elektronisch, dann in anderen Varianten – auch „Kurzfutter-“ oder „Anfix“-Varianten. Auf jeden Fall finde ich die Entwicklung spannend und bin neugierig, wohin die Reise führen wird.“

Ist das Thema bei Jugendlichen denn schon im Gespräch? Wirst du bei Schullesungen damit konfrontiert?

„Bei Schullesungen ist das E-Book absolut kein Thema. Unter Jugendbuchautoren-KollegInnen reden wir manchmal darüber, aber es ist nicht wirklich eines unserer Hauptgesprächsthemen.“

Und du persönlich, nutzt du bereits E-Books?

„Ich bin ein altmodischer Papierfreak. Genauso, wie ich noch Schallplatten hatte, als längst alle auf CDs gewechselt haben, und später noch lange mit einem Discman und einem Rucksack voller Tonträger rumlief, als die MP3-Player und der iPod aufkamen. Heute habe ich einen iPod und finde das Ding schon sehr, sehr praktisch. Was mich nicht daran gehindert hat, kürzlich den Plattenspieler zu reaktivieren und wieder die guten alten Vinylscheiben zu hören. Die digitalen Lesegeräte mit ihren Möglichkeiten faszinieren mich jedoch – genauso, wie mich die Idee fasziniert, hunderte von Songs auf einem Minigerät immer dabeizuhaben – und ich denke, früher oder später werde ich mir so eins kaufen.“

Dein neues Buch beschäftigt sich mit Freerunnern. Wie bist du auf dieses Thema gekommen,  Freerunning wird nicht gerade ein typischer Sport im Rheintal sein?

„Ich habe vor einigen Jahren zum ersten Mal Parkour-Aufnahmen gesehen und war begeistert. Schon damals war mir klar, dass diese Sportart irgendwann in eines meiner Bücher einziehen würde. Bei der Recherche stiess ich dann auf das Freerunning – einen kreativen Verwandten von Parkour. Fast gleichzeitig lernte ich bei einer Lesung Jugendliche kennen, die Parkour machten. Parkour/Freerunning wird auch im Rheintal ausgeübt, allerdings glaube ich nicht, dass es bei uns weit verbreitet ist (lacht). Es waren aber auf jeden Fall zwei Jungs aus dem Rheintal, die mich für das Buch in die Gefühlswelt der Freerunner eingeführt haben.

Ist „Freerunning“ „einfach“ ein Thriller oder willst du mit diesem Buch eine Botschaft vermitteln?

„Freerunning ist eigentlich ein klassischer Krimi, der zum Teil in der Freerunning-Szene spielt und dessen Hauptfiguren Freerunning ausüben. Ich will mit jedem Buch eine Botschaft vermitteln – aber die verpacke ich zwischen den Zeilen und fuchtle nicht mit einem moralischen Zeigefinger in der Luft herum, Jugendliche mögen so was nicht. Wer die Botschaft finden will, findet sie – und wer sich einfach nur unterhalten will mit meinen Büchern, darf das gerne auch tun.“

Jugendliche sind eine sehr kritische Zielgruppe. Ist es nicht gerade eine doppelte Herausforderung, für diese Leser zu schreiben?

„Ich mag Jugendliche: weil sie dir geradeheraus ins Gesicht sagen, ob ihnen etwas gefällt oder nicht, weil sie allergisch auf moralische Zeigefinger sind, weil sie ein Gefühl für echte und falsche Töne haben, weil sie Fragen stellen, die Erwachsene nicht stellen und Antworten geben, die Erwachsene nicht geben, kurz, weil sie genauso sind, wie sie sind. Für Jugendliche zu schreiben ist exakt das, was ich will. Und Schreiben ist ja immer eine Herausforderung, egal für welche Altersgruppe man schreibt.“


Im Netz: 
www.alicegabathuler.ch

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