Heimweh und Verbrechen | Universität Basel, Pathologiehörsaal

Das Baby brennt

HEIMWEH UND VERBRECHEN, eine musik-theatralische Tiefenbohrung a

Beate Fassnacht, Hilde Schneider und Balthasar Streiff machen den Pathologiehörsaal der Uni Basel zum Schauplatz einer spannenden Begriffsbestimmung.

Karl Jaspers, der Mediziner, Psychiater und Philosoph, der in den 1960er-Jahren an der Universität Basel tätig war, schrieb 1909 eine Dissertation zum Thema Heimweh. Anhand von Kriminalfällen aus dem 19. Jahrhundert erarbeitete er eine Studie zu den psychosozialen Folgen des Heimatverlusts. Seine Studie ist Ausgangspunkt für eine szenisch-musikalische Erkundung des Heimwehs.

Licht und Klang
Der Pathologiehörsaal ist in goldgelbes Licht getaucht. Wenn Heimweh eine Farbe hätte, dann diese. Und ihr Klang wäre diese langgezogene, todtraurige Mundharmonika (Musik: Balthasar Streiff). Eine Schauspielerin räkelt sich auf dem Tisch, wo sonst Leichen aufgeschnitten werden. Dann grelles Neonlicht: Die szenische Obduktion kann beginnen.

Idee von Heimat
Die Schauspieler (Kristina Brons, Rebekka Burckhardt, Sebastian Krähenbühl, Hans Rudolf Twerenbold) füllen verschiedene Rollen aus, von besorgten Eltern und Gasteltern bis zum Mediziner und Psychiater, stets in der Mitte eine junge Frau, Tochter in der Fremde, Verdingkind, Dienstmagd. Sie zersehnt sich nach den Bergen, nach Schokolade. Die Heimat sei ihr zur Idee geworden, hören wir: Das sei ja das Problem. Es gehen Diagnosen hin und her. Da wird über die Zerrüttung der Dienstmagd debattiert, mit der Präzision des Medizinjargons (Magd = Objekt), mit dem Vokabular der Psychologie (Magd = Subjekt). Man beginnt sich ein Bild zu machen von der jungen Frau, die einen Kindsmord beging, um wieder heim zu können.

Stimmenkaskaden
In einer atemlosen, von verschiedensten Klängen durchwobenen Stimmenkaskade, zählen die Schauspieler vergleichbare Fälle auf. Da wurden Kinder zu Tode geprügelt, ins Wasser geschmissen, abgefackelt. Die Ungeheuerlichkeit des Satzes: “Das Baby brennt“ – soll man lachen oder heulen? Hier spricht der Originalton der Aussagen, die Jaspers in seiner Arbeit verwendete. Es ist ein Verdienst dieses Abends, mit Wertungen und Urteilen zurückzuhalten, die Zuschauer auf die eigenen Ansichten zurückzuwerfen. Es bleibt die zuweilen schockierende Klarheit von Sprache und Spiel: Kein Wort, kein Ton, keine Geste zu viel. Reizvoll sind die vielen Schatten, die von den Lichtern an die Wände geworfen werden (Licht: Thomas Giger). Musikalisch bietet der Abend verschiedenste Klänge (Harmonika, Alphorn, Horn etc.): Alles ohne Pathos und Schmelz, im besten Sinn auf die Räumlichkeiten zugeschnitten.

Wort, Spiel, Musik
Ein nachdenklich stimmender Abend, die gelungene Fusion von Wort, Spiel und Musik. Erst gegen Ende, die Kindsmörderin ist verurteilt und eingesperrt, haperts ein wenig. Der Amokmonolog der Mörderin steht sehr vom restlichen Abend ab, die Aktualisierung ist nicht nahtlos ins Ganze eingebettet. Das zeichnete sich schon früher ab, Stichwort Heimweh und Internet. Auch dort traten die Kontraste jäh auf, ohne zueinander in ein länger anhaltendes, szenisch-musikalisch umgesetztes Spannungsverhältnis zu treten und die Thematik von Karl Jaspers Dissertation (geschrieben 1909) vollends ins Jahr 2010 zu hieven.

Heimweh, die Tagung
Aber dafür ist ja die interdisziplinäre Tagung “Heimweh: Entwurzelung – Integration – Identität“ gedacht, die diesen Freitag und Samstag im Medizinhistorischen Seminar und im Literaturhaus Basel stattfinden wird. Hier nehmen u.a. Dr. Valentin Groebner (Uni Luzern), Dr. Esther Fischer-Homberger (Uni Bern), Dr. Michael Kessler und Dr. Hubert Thüring (beide Uni Basel) und der Psychoanalytiker, Autor und Kolumnist Dr. Peter Schneider teil (bekannt von DRS3 und SonntagsZeitung) teil.


Besprechung der Wiederaufnahme vom 30.11.2010

Weitere Vorstellungen im Pathologiehörsaal der Universität Basel (jeweils 20 Uhr): 2., 3., 7., 8. und 9. Dezember 2010


Besetzung
Kristina Brons, Rebekka Burckhardt, Sebastian Krähenbühl, Balthasar Streiff und Hansrudolf Twerenbold

Regie und Ausstattung: Beate Fassnacht und Hilde Schneider

Musik: Balthasar Streiff

Licht: Thomas Giger

Dramaturgie: Heike Dürscheid

Regieassistenz: Irina Reinke

Regiehospitanz: Lukas Tholen

Technik: Nils Koechlin/Cedric Vogel

Grafik: Ayla Walther


Produktion: Peter-Jakob Kelting, Mitarbeit Muriel Gardi

Kontakt: North By North West Kulturprojekte, St. Galler Ring 168, CH 4054 Basel, northbynorthwest@gmx.ch


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