nahaufnahmen.ch-Filmadvent: 8. Dezember 2010

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“Scott Pilgrim vs. The World” von Edgar Wright

dezemember8Was ist bloss mit dem achten Fensterchen los? Von Ferne scheint alles noch in Ordnung zu sein. Doch wollen wir unsere gekühlten Nasen im wohligen Schauder der Vorfreude dagegen drücken, sehen wir plötzlich, dass das Fensterchen aus vielen eckigen Blöcken besteht. Verwundert öffnen wir es dennoch, und werden von einem Schwall biepender, rüttelnder Musik begrüsst.

Zweifelsohne verdient “Scott Pilgrim vs. The World” einen Platz in der Liste der Filme, die das Jahr geprägt haben. Die Geschichte um einen kanadischen Slacker, der auf dem Weg zum Herzen seiner Traumfrau ihre sieben bösen Ex-Freunde in bester Videospiel-Logik besiegen muss, ist handwerklich ausserordentlich: Der Film erweitert die Sprache des Films (oder doch immerhin der Comic-Verfilmung), indem er mit der Energie eines plutoniumbetriebenen Aufziehäffchens Genres und Schauplätze wechselt, ruhe- und nahtlos zwischen Komödie, Romanze, Kung-Fu-Flick und Musikfilm hin und herhüpft und unterwegs visuelle und auditive Anleihen an Comics und Computerspiele mit grosser Hand streut. Edgar Wrights Film ist, wie man im Game-Jargon sagt, Triple-AAA: Aufregend, amüsant, anders.

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Doch machen wir uns nichts vor: „Scott Pilgrim vs. The World“ bombte gründlich. Daran ändern alle amazon-Verkaufszahlen der Comic-Vorlage, alle begeisterten Blog-Vorschusslorbeeren und alle Twitter Trending Topics dieser Welt nichts. (Der Film steht als Denkmal für die oft vergessene Tatsache, dass die leicht in Aufregung zu versetzenden Online-Welt entschieden nicht dieselbe ist wie die träge, sich mit einem Popcorn-Becher in den Kino-Sessel wuchtende Normalo-Realität.)

Und machen wir uns nichts vor: Natürlich lassen sich ohne Weiteres Sündenböcke finden für das sang- und klanglose Untergehen von „Scott Pilgrim“ an den Kinokassen. Natürlich war es heikel, den Film am Startwochenende gegen die von Stallone dirigierte Testosteron-Altherrenriege „The Exendables“ antreten zu lassen. Natürlich wurde der Film von den Schweizer Verleihern totgeschwiegen, bevor er mit massiver Verspätung in wenigen Mini-Sälen doch noch anlief. Natürlich gab es ein Lager von Kritikern, das mit hämischer Vorfreude bereits vor Erscheinen des Films den verbalen Baseballschläger polierte, um am Start-Wochenende die nichtsnutzigen, hyperaktiven, daddelnden Rotz-Hipster von ihrem Hochkultur-Grundstück verjagen zu dürfen (womit sie nicht einmal den Film selber meinten, sondern seine Zuschauer).scott_pilgrim2

Natürlich, all das. Doch machen wir uns nichts vor: Der wichtigste Grund, warum „Scott Pilgrim vs. The World“ gescheitert ist, ist der, dass er als Film ein massives Problem hat. Ein Problem, das ihm in die Wiege gelegt wurde, und das von allem ihn stemmenden Talent nicht aus der Welt geschafft werden konnte. Und Talent birgt er in Massen: Edgar Wright war der beste denkbare Regisseur für den Job – Wright, der mit der TV-Serie „Spaced“ einen unbestrittenen Höhepunkt der britischen TV-Komödie geschaffen hat und in „Shaun of The Dead“ und „Hot Fuzz“ erneut seine popkulturelle Sensibilität unter Beweis stellte. Wright traf in der Produktion von „Scott Pilgrim vs. The World“ fast nur richtige Entscheidungen: Er versammelte einen Cast von mehrheitlich halb-bekannten, aber komplett-einnehmend Jungschauspielern um sich. Wright engagierte mit Bill Pope den idealen Kameramann, der für die „Matrix“-Filme und die Judd Apatow-Serie „Freaks&Geeks“ verantwortlich zeichnet und damit jene unmögliche Flexibilität aufwies, die eine Realisierung des Pilgrimschen Kosmos voraussetzte. Wright war sich der Bedeutung der Musik für den Film bewusst und engagierte die Indie-Grössen Nigel Godrich, Beck, Metric und Broken Social Scene, um den fiktiven Bands eigene Songs auf den Leib zu schneidern. Und er engagierte mit Jonathan Amos und Paul Machliss ein Cutter-Team, das, wenn es noch irgendwo Gerechtigkeit und Fachverstand auf der Welt gibt, am 27. Februar mit dem Oscar für den besten Schnitt ausgezeichnet werden wird.

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Doch machen wir uns nichts vor: “Scott Pilgrim vs. The World” ist handwerklich herausragend – aber narrativ holprig wie ein Tattoo in Brailleschrift auf dem Rücken eines Buckligen. Das eine massive Problem, das dem Film bei seinem Zeugungsakt eingepflanzt worden ist, ist nämlich schlicht – dass er ein einfacher Spielfilm ist. Edgar Wright strapaziert die übliche 2-Stunden-Grenze zwar bereits gewaltig, aber er kämpft trotzdem auf verlorenem Posten. Die Entscheidung, Brian Lee O’Malleys sechsbändige Comic-Vorlage auf abendfüllendes Mass zusammenzupferchen, verkennt deren zentrale Stärke fundamental: Sie ist der klassische Bildungsroman, vorgeführt an einem Loser, der sich gegen die eigene Entwicklung sperrt. „Scott Pilgrim“ – der Comic – macht das Beste aus dem sehr zögerlichen Reifungsprozess seines Protagonisten: Er versteht die verlorene Zeit als gewonnene und nutzt sie, um die Menschen um Scott herum kennen zu lernen, seine Umgebung, seine Welt. Anders gesagt: in O’Malleys Comic verbringen Menschen verdammt viel Zeit damit, in Cafés rumzuhängen. In Wrights Film fehlt ihnen dazu schlicht die Zeit. (Die Handlung des Comics erstreckt sich über mehr als ein Jahr; der Film erweckt den Eindruck, sich in kaum zwei Wochen abzuspielen.)

scott_pilgrim4Dies hat weitreichende Folgen: Im Comic wird Scotts hyperreales Toronto zu einem Kosmos, der gedehnt genug ist, um die grössten Absurditäten neben dem Alltag einiger eigentlich ziemlich durchschnittlicher Twentysomethings unterzubringen. In Wrights Film ist die surreale Übersteigerung der einzige Modus der Erzählung. Wo Scott im Comic eine Figur (und nicht einmal die interessanteste) unter vielen ist, beansprucht er im Film derart viel Platz, dass die restlichen Charaktere nur noch als Pointenspender untergebracht werden können. Mit anderen, von Kieron Gillen zum zweiten Mal geborgten Worten: „Scott Pilgrim“, der Comic, ist „not (just) gags. This is about how humans of a certain generation process reality. Scott’s joy – and why it speaks to so many people – is that it understands the pulp through which we see the world, and assumes that’s as natural as blinking.” Es ist das Buch einer Generation.

„Scott Pilgrim“, der Film, ist eine eine der besten Komödien, und zugleich einer der besten Actionfilme mindestens dieses Jahres – ohne Zweifel. Der Film einer Generation dagegen ist es nicht. Dafür fehlt ihm der Spiegeleffekt. Oder mit anderen, von Anthony Lane geborgten Worten: „The film is alive with bad rock bands and dizzying bit parts, the standout being Kieran Culkin, in the role of Scott’s gay roommate, but we feel them gyrating around a hollow core.“

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