Gerard Donovan: “Ein bitterkalter Nachmittag”

Die Frage der Schuld

Gerard Donovan: “Ein bitterkalter Nachmittag” (Roman)

In seinem Erstling lässt Gerard Donovan zwei grundverschiedene Männer aufeinander treffen und über Gott, die Welt und das Böse philosophieren, wobei sie immer wieder daran erinnert werden, in welch prekärer und unmenschlicher Lage sie sich befinden.

Von Lisa Letnansky.

EinBitterkalterNachmittagMit seinem dritten Roman „Winter in Maine“ gelangte Gerard Donovan zu Weltruhm ­– für den Luchterhand Verlag Anlass genug, sich nun auch seinem Erstling anzunehmen. Dies hätte der Roman aber auch sonst verdient; die bedrückende Geschichte und Donovans lebensnaher Erzählton voller Sinneseindrücke ziehen den Leser im Handumdrehen in seinen Bann – nicht umsonst stand das Buch auf der Longlist für den Man Booker Prize 2003.

Bereits ganz zu Beginn, wenn ein Mann, begleitet von einem anderen Mann und zwei Soldaten, in klirrender Kälte zu einem Feld marschiert, scheint die karge, trostlose und lebensfeindliche Umgebung sofort nahezu greifbar präsent. „Im Sommer weichte der Boden vom Regen auf und fühlte sich an wie braunes Fleisch, dessen Haut aus Gras bestand, parfümiert mit all jenen Blumen, die aus der Erde gesprossen waren. Im Winter jedoch war es ein hartes Feld, das weder aus Fleisch noch aus etwas anderem bestand, ausser der Härte, die den Stiefel davon abhält, für immer im Schnee zu versinken, einer Härte, die nichts anderes sagt als Boden.“

Annäherung und Entfernung

In diesem Boden soll nun ein Loch gegraben werden. Der eine Mann, aus dessen Perspektive die Geschichte erzählt wird, ein Bäcker, wie wir bald erfahren, muss es ausheben; der andere Mann, ein Lehrer, sieht ihm dabei zu, raucht unzählige Zigaretten und versucht immer wieder, den Bäcker in ein Gespräch zu verwickeln. Allmählich lernen sich die beiden etwas kennen (obwohl sie sich natürlich aus dem Dorf bereits vom Sehen her kannten), wobei ihre grundsätzliche Verschiedenheit und offenkundige Antipathie zutage tritt. Um sich von der Kälte (und von allem anderen) abzulenken, diskutieren sie bald über Gott und die Welt, die Geschichte des Brotbackens, über vergangene Schlachten und Katastrophen, philosophische Lehren und den Ursprung des Bösen. Während es immer dunkler und kälter und das Loch immer tiefer wird, stellen sie historische Begebenheiten theatralisch nach, führen einen spielerischen Scheinprozess (der aufgrund seiner grotesken Art übrigens auffallend an Dürrenmatts „Die Panne“ erinnert), klagen sich an und versuchen gleichzeitig, den anderen zu verstehen.

Schopenhauers Teleskop

Die Hintergründe dieser Zeit und vor allem der Grund für das Loch werden im Roman nicht präzise benannt, obwohl der Leser diese bald erahnen kann. Es scheint ein Bürgerkrieg im Gange zu sein, vor zwei Tagen haben feindliche Soldaten das Städtchen erobert und möchten wohl weder Spuren noch Zeugen dort hinterlassen. Der Bäcker scheint sich als eine Art Kollaborateur schuldig gemacht zu haben, und der Lehrer möchte von ihm nun ein Geständnis und eine Erklärung. Dass weder die Gründe für den Krieg, noch andere geschichtliche oder geographische Hintergründe benannt werden, hat dabei seinen Zweck. So entsteht eine allegorische Geschichte über Schuld und Unschuld, über moralische Standfestigkeit, menschliche Schwäche und über das Böse, die überall und jederzeit stattfinden könnte.

Erschrocken und zugleich fasziniert muss der Leser feststellen, dass die Menschheitsgeschichte beinahe ausschliesslich aus Kriegen und Blutvergiessen besteht, und dass alles andere, das Schöne und Gute, nichtssagend dahinter zu verschwinden scheint. Die Grundfrage dabei bleibt, wie man über menschliches Handeln urteilen kann und soll. Dabei bedient sich der Lehrer „Schopenhauers Teleskop“, einer philosophischen Methode der Distanz, bei der man versucht, einen Umstand von einem Zeitpunkt fünfzig Jahre in der Zukunft aus zu beurteilen und dann eine Entscheidung zu treffen. Diese Methode gab dem Roman auch ihren ursprünglichen Titel „Schopenhauer’s Telescope“ und man muss sich dabei zwangsläufig fragen, warum der Verlag bei der deutschen Ausgabe diesen in einen so nichtssagenden geändert hat.

Was würden Sie tun?

Diese wie auch die meisten anderen Fragen bleibt im Roman unbeantwortet. Die endlosen Diskussionen bleiben schlussendlich ohne Ertrag, die Frage der Schuld ungeklärt. Der Leser soll sich selbst ein Urteil bilden. „Was würden Sie tun, wenn Sie sich entscheiden müssten, entweder Ihre Freunde zu verraten oder zu sterben?“ fragt Donovan im Nachwort. Die Erkenntnis, dass diese Frage nicht ganz einfach zu beantworten ist und der eigene moralische Standpunkt nicht ganz so gefestigt, wie man vielleicht gemeint hat, ist der eigentliche Mehrwert, den die Lektüre dieses Romans mit sich bringt.


Titel: Ein bitterkalter Nachmittag
Autor: Gerard Donovan
Übersetzer: Thomas Gunkel
Verlag: Luchterhand
Seiten: 336
Richtpreis: CHF 33.90

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