nahaufnahmen.ch-Filmadvent: 21. Dezember 2010

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„Loong Boonmee raleuk chat “ von Apichatpong Weerasethakul

21dezemberBeim Öffnen von Türchen 21 ist Vorsicht geboten: Es führt in eine Welt, in der nichts fest scheint, alles durchlässig, und auf das kein anderes Wort besser passt als – “magisch”.

Das Wort, das im Zusammenhang mit diesem Film am weitaus häufigsten gefallen ist, ist zweifelsohne dieses: “magisch”. Als Magie bezeichnen wir bekanntlich Dinge, die sich unserer rationalen Erklärungs- und Deutungsmuster entziehen, ohne dass sich Unverständnis in Schrecken und Furcht verwandeln müsste. Vielmehr sind wir „bezaubert“. „Magischen“ Dingen schreiben wir zudem die Kraft zu, die Welt zu verändern.

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So war es erstaunlich und erfrischend zugleich, das Wort just aus dem Mund jener abgebrühten Kaste zu vernehmen, die von der Bedeutung von Worten und ihrer Verwendung ebenso weiss ist wie von all jenen Sinnzuweisungsschemata, die in einem Jahrhundert Auseinandersetzung mit dem Medium Film entwickelt wurden. Und doch insistierten die Weltkritiker auf diesen Silben, „magisch“, die sie unverzüglich in ihre Smartphones tippten, als sie völlig euphorisiert aus dem Kinosaal in Cannes strömten, in dem Weerasethakuls neuester Film Premiere gefeiert hatte. Und wenig erstaunlich, dass es seltenes Einverständnis gab mit der von Tim Burton geleiteten Jury, die dem Film daraufhin die goldene Palme verlieh.

Kein Zweifel: Sie meinten es ernst mit dem Wort, in jeder seiner Bedeutungen. Dabei spielt sicher die Tatsache, dass Weerasethakul ein, in gewissem Sinne, durch und durch thailändischer Regisseur ist, eine gewisse Rolle. Er siedelt seine Filme in Landschaften an, er lädt sie auf mit Remminiszenen an ein Kino, mit denen die meisten Zuschauer gänzlich unvertraut sind. Doch die Magie dieses Kinos erschöpft sich nicht im Exotismus – Weerasethakul bietet nicht einfach nur Blicke auf eine uns unbekannte Welt, er (der mit dem westlichen Kino bestens vertraut ist) kreiert vielmehr in bewusster Durchkreuzung von Konventionen und dem Festhalten an universellen Motiven und Themen einen neuen Blick auf die Welt. Damit erschafft er etwas, dem tatsächlich immer wieder die Kraft zugesagt wird, die Welt des Films zu erneuern.

Thematisch ist „Onkel Boonmee, der sich an seine früheren Leben erinnern kann“, ein Film über das Sterben: Der titelgebende Protagonist ist Besitzer einer kleinen Dschungel-Farm, auf der er sich eingerichtet hat mit einem illegal eingewanderten Pfleger; als seine Nieren versagen und er spürt, dass er dem Tode nahe ist, lädt er seine Schwester und einen jungen Verwandten zu sich aufs Land und regelt mit ihnen die Förmlichkeiten nach seinem Ableben. Dass Filme über das Sterben immer auch Filme über das Leben sind, ist so wahr wie banal – Weerasethakul transzendiert das Klischee aber, indem sein Film vor allem auch vom Dazwischen redet, von den Schwellen und Übergängen, wie Ekkehard Knörer in Cargo treffend herausarbeitet.

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Der Film beginnt in einer solchen Zwischenzone: Eine Kuh hat sich losgerissen und verirrt im Wald – in der Dämmerung. Die Szene enthält in nuce den gesamten Film: eine vordergründig vollkommen unspektakuläre Einstellung wird in die Welt des Fremdartigen enthoben durch eine ungeheuer dichte Tonspur voller unvertrauter Dschungelgeräusche, und nicht zuletzt dadurch, dass die Dämmerung eine Zeit ist, der der Film sonst wenig Beachtung schenkt. Und, am Ende der Szene, steht die Kuh Auge in funkelndem Auge mit einer bizarren humanoiden Kreatur, die unheimlich wirken müsste, würde Weerasethakul sie nicht mit derselben Selbstverständlichkeit behandeln wie das Tier, auf das ihr Auge fällt.

Alle Filme des Thailänders sind voll mit Geistern und Dämonen, aber sie entspringen nicht der aufgeklärten Welt des Horrors, in der ihnen lediglich die Rolle des Verdrängten und Bedrohlichen zukommt. Sie sind vielmehr ganz und gar gegenwärtige Wesen, die aus einer nicht-menschlichen Welt stammen mögen, aber die Welt der Menschen teilen können.  Und so sieht sich auch Onkel Boonmee bald der reinkarnierten Form seines Sohnes ebenso gegenüber wie dem Geist seiner verstorbenen Frau, er führt mit ihnen tröstliche Gespräche über das Jenseits („Der Himmel wird überschätzt“, wird ihm versichert) und lädt sie in der grössten Selbstverständlichkeit zu Tisch.

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Mit der selben Selbstverständlichkeit macht Weerasethakul andere Grenzen durchlässig: solchen zwischen den Geschlechtern, zwischen Tradition und Postmoderne, zwischen Humor und Ernst, zwischen Natur und Technik (seine Filme sind alles, wenn nicht zeitgemäss) und die zwischen verschiedenen Erzählsträngen. Onkel Boonmees Geschichte wird wiederholt gelegentlich unterbrochen, unterlaufen, abgelöst, etwa durch das Märchen einer ehemals schönen Prinzessin, die in einem Wels im Wasser den letzten aufrichtigen Bewunderer ihrer Anmut findet. In welchem Verhältnis die einzelnen Erzählstränge und Szenen zu einander stehen, bleibt offen, der Ratio nicht zugänglich – dass sie nichtsdestoweniger eine unbedingte emotionale Kraft entfalten, mag man “magisch” nennen.

Nachdem der Film in der Romandie bereits vor über einem halben  Jahr angelaufen ist, wird es übrigens in der Deutschschweiz im Januar noch die Möglichkeit zu geben, die Welt des Kinos wie neu zu erleben.

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